Die Christen des Orients können „selbst entscheiden“

Generalsekretärin des nahöstlichen Kirchenrats MECC, Souraya Bechealany: „Die Christen des Nahen Ostens habe eine 1.400-jährige Erfahrung der Nachbarschaft mit Muslimen

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Foto: © Tango7174 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons, 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic)

Beirut-Bari, 09.07.18 (poi) „Wir brauchen die Unterstützung des Westens, aber der Westen soll nicht an unserer Stelle und in unserem Namen auftreten“: Dies betonte die maronitische Theologin und Generalsekretärin des nahöstlichen Kirchenrats MECC, Souraya Bechealany, namens der orientalischen Christen in einem Interview mit der belgischen Website „cathobel“ im Umfeld des Gebetstags für den Nahen Osten in Bari. Aber natürlich sei jede Initiative willkommen, wenn es darum gehe, in Zusammenarbeit mit den orientalischen Christen deren Situation in der westlichen Öffentlichkeit besser bekannt zu machen, betonte Souraya Bechealany im Hinblik auf das Ereignis von Bari, zu dem Papst Franziskus eingeladen hatte.

Es müsse aber immer wieder betont werden, dass die orientalischen Christen keine „Neuankömmlinge“ im Nahen Osten sind, „wir sind hier zuhause“, betonte die libanesische Theologin: „Die Christen haben am Aufbau unserer Gesellschaften und unserer Länder mitgearbeitet. Ohne die Christen wären diese Länder nicht, was sie sind. Ohne uns würde der Nahe Osten sein Gesicht verlieren, einen essenziellen Bestandteil seiner Verschiedenheit“. Die Verteidigung der christlichen Präsenz im Nahen Osten diene aber auch dem Westen. Denn die orientalischen Christen könnten den westlichen Gesellschaften helfen, „konkrete Modelle der Einheit in Verschiedenheit“ für Europa zu entwickeln. Die Christen des Nahen Ostens hätten eine 1.400-jährige Erfahrung der Nachbarschaft mit Muslimen. Das Fazit der Theologin: „Die Europäer brauchen uns genauso sehr wie wir sie brauchen“.

Seit der Gründung des MECC habe es ständig Krisen gegeben, erinnerte Souraya Bechealany. Zwei dieser Krisen reichten vor die Gründung des Kirchenrats im Jahr 1974 zurück: Die Zypern-Krise und der israelisch-palästinensische Konflikt. Nach der Gründung sei es zum Bürgerkrieg im Libanon gekommen, später zum Irak-Krieg und zur aktuellen Syrien-Krise. Alle diese Konflikte hätten sich mittlerweile vermengt. Möglicherweise habe der MECC auch deshalb bisher keine Zeit gehabt, eine „tiefgehende Analyse der Rolle der Christen im Nahen Osten und ihres Beitrags für die Welt von heute durch ihre Erfahrung der Einheit in der Verschiedenheit“ anzugehen.

Die Theologin betonte zugleich, die Europäer sollten sich im Libanon überzeugen, was „Flüchtlingswellen“ wirklich bedeuten. Im Libanon (mit seiner Bevölkerung von vier Millionen) gebe es derzeit mehr als zwei Millionen syrische und palästinensische Flüchtlinge. 350.000 Flüchtlingskinder müssten eingeschult werden.

Souraya Bechealany begrüßte, dass es viele westliche Hilfsorganisationen gebe, die den nahöstlichen Christen helfen wollen. Es gebe aber auch Organisationen, die auf Seelenfang ausgehen und die einheimischen Kirchen „ablösen“ wollen, sagte sie sichtlich im Hinblick auf evangelikale Initiativen: „Aber dieser Teil des Volkes Gottes ist den orientalischen Kirchen anvertraut. Wer daran rüttelt, zerteilt den Leib Christi“.

Die Theologin stellte aber auch das westliche Narrativ über den Syrien-Krieg in Frage, ohne Partei zu ergreifen. Zweifellos hätten interne Faktoren eine Rolle gespielt, aber die „äußeren Faktoren“ wären wichtiger gewesen. Souraya Bechealany vermied politische Erklärungen, die den MECC im Lager der einen oder anderen Regierung oder im Lager der einen oder anderen Opposition positionieren könnten: „Die Diskussion zwischen Regierungen und Oppositionsgruppen ist Sache der Bevölkerungen unserer Länder, aber nicht der Ausländer. Seit 2.000 Jahren haben wir unsere Geschichte – im Guten wie im Schlechten – bestimmt. Wir sind volljährig“. Der Westen könne aber den Christen helfen, in ihrer Heimat zu bleiben und gemeinsam mit ihnen eine freie Gesellschaft mit gleichen Bürgerrechten für alle aufzubauen. Voraussetzung sei es aber, den Frieden herbeizuführen.