„Die Christen können die Herausforderungen nur gemeinsam bestehen“

Grußbotschaften führender kirchlicher Persönlichkeiten von Kardinal Schönborn und Kardinal Koch bis zum assyrischen Katholikos-Patriarchen Gewargis III. dokumentieren ökumenische Bedeutung des vor genau 25 Jahren eingeleiteten „Syrischen Dialogs“ von „Pro Oriente“ – Hohes Lob aus dem Vatikan

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Foto: © BambooBeast (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 26.11.19 (poi) Die ökumenische Bedeutung des vor genau 25 Jahren eingeleiteten „Syrischen Dialogs“ von „Pro Oriente“ spiegelte sich in den zahlreichen Grußbotschaften führender kirchlicher Persönlichkeiten, die zur Eröffnung des 6. „Colloquium Syriacum“ am 26. November im Wiener Pallotti-Haus eintrafen. Kardinal Christoph Schönborn betonte die Solidarität mit den Christen der syrischen Tradition, die heute wieder durch politische Entwicklungen bedroht seien. Die syrische Tradition sei die älteste der Christenheit, in Antiochien seien die Menschen, die sich zu Jesus bekannten, erstmals als „Christen“ bezeichnet worden. Viele Evangelien-Manuskripte, Schätze von Theologie und Spiritualität, die Struktur der Liturgie, früheste Zeugnisse christlicher Kunst, Traditionen der Frömmigkeit, all das sei den Kirchen syrischer Tradition zu verdanken, erinnerte der Kardinal. Es sei ein Verdienst von „Pro Oriente“, diese Tatsachen den Menschen von heute deutlicher vor Augen zu stellen. Der Wiener Erzbischof hob hervor, dass „Pro Oriente“ das einzige Forum weltweit sei, das den Dialog zwischen den Kirchen der syrischen Tradition ermögliche und aufrecht erhalte. Diese Kirchen mit ihrem „zweitausendjährigen Erbe“ seien heute durch die politische  Unruhe im Nahen Osten und den weltweiten Prozess der Globalisierung betroffen.  Sie stünden vor der doppelten Herausforderung, ihre Präsenz in der ursprünglichen Heimat zu bewahren und zugleich in der Diaspora die Reflexion über ihre Wurzeln und ihr Erbe einzuleiten. Diese Herausforderung sei auch eine ökumenische, unterstrich der Kardinal, denn die Christen könnten sie „nur gemeinsam“ bestehen.  Zugleich betreffe die Bewahrung der „Syrischen Tradition“ nicht nur den kirchlichen Bereich, es gehe um eine „geschwisterliche Welt des Friedens“, um die Verteidigung der gleichen Bürgerrechte in der ursprünglichen Heimat wie auch in der Diaspora, um die Möglichkeit des Miteinanderlebens.

Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, betonte in seiner Grußadresse die „tiefe Dankbarkeit“ seines Dikasteriums für die in ihrer Art einmalige Initiative von „Pro Oriente“. Der „Syrische Dialog“ von „Pro Oriente“ stelle einen „bemerkenswerten Beitrag“ zum offiziellen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen dar. Denn das „Forum Syriacum“ und die von ihm verantworteten „Colloquia Syriaca“ seien die einzigen Plattformen, die auf akademischer Ebene alle Kirchen der syrischen Tradition zusammenbringen, betonte auch der Kurienkardinal. Diese Initiative könne ein Klima des Vertrauens schaffen, das notwendig sei, „um unsere Verschiedenheit vom Standpunkt der Einheit aus zu verstehen“. Auch Papst Franziskus habe im Vorjahr bei der Begrüßung de assyrischen Patriarchen Mar Gewargis III. Sliwa daran erinnert, dass der Dialog  deutlich mache, wie die „praktischen und disziplinären Differenzen nicht immer ein Hindernis der Einheit sein müssen und manche Differenzen im theologischen Ausdruck eher als komplementär denn als konfliktfördernd betrachtet werden können“. In besonderer Weise würdigte Kardinal Koch den Salzburger Ostkirchenexperten Prof. Dietmar W. Winkler (der auch zu den Konsultoren des Päpstlichen Rates zählt) und dessen Vorgänger Prof. Peter Hofrichter.

Das 6. „Colloquium Syriacum“ sei pastoralen Fragen gewidmet, erinnerte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Sehr oft stünden die Christen in einer bestimmten Region vor den gleichen pastoralen und missionarischen Herausforderungen. Wenn es keinen echten Wunsch nach Einheit gebe, könnten solche Herausforderungen die Spannungen verstärken und sogar eine Haltung des Wettbewerbs auslösen. In authentisch ökumenischem Geist hingegen könnten diese Herausforderungen auch eine Chance für christliche Einheit bedeuten. Abschließend bekundete Kardinal Koch seine Hoffnung, dass das 6. „Colloquium Syriacum“ einen weiteren Schritt „zur vollen Gemeinschaft der Kirchen“ darstellen könne.

Der chaldäisch-katholische Kardinal-Patriarch Mar Louis Raphael Sako erinnerte in seinem Grußwort dankbar an die Förderung des „Syrischen Dialogs“ von „Pro Oriente“ durch Kardinal Franz König und an die „mutigen Diskussionen“  etwa mit dem syrisch-orthodoxen Metropoliten von Aleppo, Mor Gregorios Youhanna Ibrahim, oder dem maronitischen Erzbischof Mar Paul Mattar. Der Kardinal-Patriarch stellte fest, er hoffe und bete, dass Metropolit Mor Gregorios (der 2013 von Unbekannten entführt wurde) „am Leben ist und in nächster Zukunft in seine Kirche zurückkehren kann“.  Sako hob die Bedeutung der Dokumentationsbände des „Syrischen Dialogs“ hervor, die auf Arabisch übersetzt sind. Diese Bände hätten einen großen Dienst geleistet, weil sie halfen, die Kirchen der syrischen Tradition durch das Verständlichmachen von „Differenzen und Gemeinsamkeiten“ einander näher zu bringen.  Der „Syrische Dialog“ von „Pro Oriente“ habe aber auch zur Entstehung gemeinsamer Erklärungen des Heiligen Stuhls und der verschiedenen Kirchen der syrischen Tradition beigetragen.

Der assyrische Katholikos-Patriarch Mar Gewargis III. Sliwa würdigte die „außerordentliche Arbeit“ des „Syrischen Dialogs“ in einer Zeit, in der die Kirchen der syrischen Tradition in ihren ursprünglichen Heimatländern von Verfolgung, Blutbädern, Vertreibungen und Auswanderung betroffen seien. Die derzeitige geopolitische und sozioreligiöse Atmosphäre in der Region habe überaus abträgliche Auswirkungen auf das tägliche Leben und die künftige Existenz dieser Kirchen. Umso mehr hätten sich die Studien von „Pro Oriente“ als „unverzichtbare Werkzeuge“ erwiesen, um den Kirchen der syrischen Tradition bei der Reflexion über ihre derzeitigen Erfahrungen und Bedingungen zu helfen. Das 25-Jahr-Jubiläum des „Syrischen Dialogs“ biete den Kirchen eine „kostbare Gelegenheit“, um vor Gott und den Gläubigen das Gelöbnis des Strebens nach Einheit zu erneuern.  Es gebe unzählbare Herausforderungen für die Gläubigen der Kirchen der syrischen Tradition, stellte der Katholikos-Patriarch fest: „Im Ostern erleiden wir wegen unseres christlichen Glaubens Verfolgung und Marginalisierung. Erzwungene Emigration und Vertreibungen haben unsere christliche Bevölkerung in den nahöstlichen Ländern auf ein drastisch niedriges Niveau schrumpfen lassen. Im Westen sind unsere Gläubigen durch die wachsenden Wellen des Säkularismus und der allgemeinen Apathie gegenüber Glaube und Religion betroffen, ganz zu schweigen von den Gefahren der Assimilation zum Schaden unserer christlichen Identität und unseres Erbes“. Es sei dringend geboten, auf dem Weg der ökumenischen Beziehungen und der Überwindung der Differenzen durch Dialog und Austausch voranzuschreiten, dies sei eine Voraussetzung für das Überleben der Kirchen der syrischen Tradition in den kommenden Jahrzehnten.

Das Oberhaupt der (mit der weltweiten Anglican  Communion verbundenen) Malankara Mar Thoma Syrian Church, Metropolit Joseph Mar Thoma, betonte die Verbundenheit seiner Kirche mit der Tradition des Heiligen Apostels Thomas, der im Jahr 52 n.Chr. Indien besucht habe. Das Thema des „Colloquium Syriacum“ – „Mit Hoffnung in die Zukunft“ – habe überaus große Relevanz. Die Malankara Mar Thoma Syrian Church hat im „Syrischen Dialog“ von „Pro Oriente“ Beobachterstatus.