Die Unterscheidung der Geister und das Leben der Christen

Internationale ökumenische Tagung über orthodoxe Spiritualität im Kloster Bose – Grußworte von Patriarch Bartholomaios I., Kardinal Koch und dem koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II.

0
362
Foto: © Niccolò Caranti (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Turin, 05.09.18 (poi) Die Unterscheidungsgabe („discernimento“) hat der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Bose in der Region Piemont, Enzo Bianchi, am Mittwoch bei der Eröffnung der diesjährigen internationalen ökumenischen Tagung seiner Gemeinschaft über orthodoxe Spiritualität als zentrales Erfordernis für den einzelnen Gläubigen wie auch für das Volk Gottes als ganzes bezeichnet. Der Mensch müsse sich entscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod, zwischen dem Gehorsam gegenüber Christus und der Zurückweisung des göttlichen Willens. Die Gabe der Unterscheidung müsse auch im Hinblick auf die Beurteilung der Geschichte, des Weges der Menschheit in der Zeit angewendet werden, so Bianchi. Nur wenn es die „feste, demütige und gehorsame  Zuwendung zum Evangelium Jesu Christi“ gebe, könne der Mensch die Gabe der Unterscheidung im Alltag anwenden. Die christliche Gabe der Unterscheidung im Hinblick auf die Geschichte speise sich nicht so sehr aus den Büchern, sondern aus dem Lebenszeugnis derer, „die Christus nachfolgen“. Die Heiligen seien imstande zur christlichen Interpretation der Geschichte, indem sie „die Zeichen des Reiches Gottes in den Armen, den Verfolgten, den Leidenden sehen“.  Die Tagung im Kloster von Bose steht unter dem Titel „Unterscheidungsgabe und christliches Leben“ und ist bis 8. September anberaumt.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. bezeichnete in einer Grußbotschaft an die Tagungsteilnehmer die Unterscheidungsgabe als ein dem Leben der Kirche entsprechendes Element. Sie präge alle Erscheinungsformen des Zeugnisses der Kirche in der Welt. Sie bedeute Erkenntnis der menschlichen Grenzen und der Realität der Sünde. Im Hinblick auf das Sakrament der Buße rief der Patriarch in Erinnerung, dass die Kirche ein „Hospital“ sei, kein „Tribunal“. Eine legalistische und moralistische Sicht entstelle das Geheimnis der Buße und der Vergebung der Sünden und sei der orthodoxen Tradition fremd. Die Gabe der Unterscheidung sei aber auch im Hinblick auf den Dialog unter den Christen und auf den Dialog mit den anderen Religionen gefordert. In der Begegnung mit der modernen Welt, die sich auf Autonomie und Selbstbestimmung stützt, sei die Unterscheidung der Geister notwendig, um die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu nutzen.

Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, unterstrich seinerseits, dass die ökumenische Arbeit par excellence eine Arbeit der Unterscheidung sei – in „spiritueller, theologischer und pastoraler Hinsicht“. Wie es die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils getan hätten, müssten auch heute die „Zeichen der Zeit“ erkannt werden, um die Spur Gottes in den verschiedenen Initiativen für die christliche Einheit zu entdecken. Es gehe darum, die  Präsenz der Gaben Gottes auch in den anderen christlichen Gemeinschaften anzuerkennen, um sie damit auch für die eigene Gemeinschaft als Gabe anzunehmen. Das ökumenische Engagement müsse aber auch unterscheiden zwischen den mit der eucharistischen Gemeinschaft vereinbaren Differenzen und jenen, die das nicht sind. Es gebe theologische Faktoren der Spaltungen, aber auch solche „politischer, sozialer, kultureller und psychologischer Natur“.  Vor allem aber müsse festgestellt werden, wann und wie die Christen – trotz ihrer Spaltungen – bereits jetzt Zeugen des Evangeliums Christi sein können.

Die Gabe des Heiligen Geistes helfe den Christen, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und den sicheren Weg der christlichen Vollkommenheit einzuschlagen, betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), in seinem Grußwort. In den Schriften der Kirchenväter werde die spirituelle Unterscheidung oft als Quelle und Wurzel aller Tugenden definiert, als größtes Geschenk der göttlichen Gnade, weil es den Menschen helfe, nach dem Willen Gottes zu leben. Mehr denn je bedrohe heute die Verdunklung des Gewissens die Menschheit. Angesichts der Informationsfülle, der heute jeder Mensch ausgesetzt sei und des nur schwer mit der christlichen Lehre vereinbaren Lebensstils verweise Patriarch Kyrill auf die besondere Bedeutung der spirituellen Unterscheidung in der heutigen Zeit. Es sei die besondere Aufgabe der Kirche von heute, die neuen Generationen zu lehren, wie Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, das wahrhaft Wertvolle und das vergänglich Banale zu unterscheiden sind.

Der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II. stellte fest, dass die Gläubigen „Apostel Christi in der Welt von heute“ sein müssen. Diese Mission solle nicht in aggressiver Form erfolgen, sondern frei, „mit Liebe und Respekt im Hinblick auf die kulturelle Identität der Personen und der Völker“. Die Aufgabe der Kirche sei sowohl die Re-Evangelisierung des Volkes Gottes in den säkularisierten Gesellschaften als auch die Verkündigung des Evangeliums an jene Menschen, die Christus noch nicht erkannt haben.

Unter den Referenten der internationalen ökumenischen Tagung in Bose (heuer bereits die 26.) sind führende orthodoxe und katholische Theologen aus unterschiedlichen Ländern, u.a. Bischof Irinej (Steenberg) von Sacramento (russisch-orthodoxe Auslandskirche), Prof. Patriciu Vlaicu (Universität Cluj-Napoca), Abt Michel van Parys OSB (Chevetogne), Prof. Sebastian Brock (Oxford), Erzdiakon Prof. John Chryssavgis (Konstantinopel), P. Herve Legrand OP (Paris), Prof. John Behr (St. Vladimir’s). Behandelt werden theologische, spirituelle und historische Themen. So berichtet die bulgarische Historikerin Daniela Kalkandjieva  über Metropolit Stefan von Sofia, der während des Zweiten Weltkriegs die bulgarischen Juden vor dem Zugriff der Deutschen rettete, der in Balamand lehrende Historiker Porphyrios Giorgi über die Situation des orthodoxen Patriarchats von Antiochien während des Libanon-Kriegs (1975-1990) und die estnische Theologin Irina Paert über die „Starzen“ (die geistlichen Väter), insbesondere das Phänomen der jugendlichen Starzen, in der russisch-orthodoxen Kirche.