„Diese Flüchtlingspolitik ist mit dem Evangelium nicht vereinbar“

Reformierter Landessuperintendent Thomas Hennefeld bei Gottesdienst zur Weltgebetswoche für die Einheit der Christen in der Wiener Kirche St. Georg-Kagran: „Der Heilige Paulus hätte als Schiffbrüchiger vor Malta heute keine Chance gehabt“

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Foto: © Voice of America News: Henry Ridgwell on the Turkish border (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain in the United States)

Wien, 24.01.20 (örkö/poi) Die Haltung der Christen gegenüber Migranten und Flüchtlingen stand heuer im Mittelpunkt der weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen, die Gebetswoche geht am 25 Jänner zu Ende. Wie diese Haltung gegenüber Flüchtlingen aussehen soll, wurde an Hand der in den Kapiteln 27/28 der Apostelgeschichte überlieferten Erzählung über den Schiffbruch des Apostels Paulus und seiner mehr als 270 Reisegefährten vor Malta illustriert. Dort heißt es, die Einheimischen hätten sich gegenüber den Schiffbrüchigen als „ungewöhnlich freundlich“ erwiesen. Beim ökumenischen Gottesdienst auf Initiative der Ordensfrau Sr. Lili Fuchs am Mittwoch in der Wiener Pfarre St. Georg-Kagran erinnerte der evangelisch-reformierte Landessuperintendent (und stellvertretende Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen/ÖRKÖ), Thomas Hennefeld, daran, dass heute in Europa teilweise eine ganz andere Politik betrieben wird, „die mit dem Evangelium nicht vereinbar ist“. Die EU schließe etwa mit Libyen Verträge, wo Flüchtlinge in den Lagern gefoltert und vergewaltigt werden, an den EU-Außengrenzen – etwa in Kroatien – werde mit exzessiver Gewalt gegen Flüchtlinge vorgegangen. Auch Menschen, die wegen ihrer christlichen Überzeugung fliehen mussten, seien nicht sicher vor Rückschiebung in Länder, in denen ihnen Verfolgung, Gefängnis oder Tod droht. Retter, die Ertrinkende retten wollen, würden kriminalisiert. „Der Heilige Paulus hätte als Schiffbrüchiger vor Malta heute keine Chance gehabt“, betonte Hennefeld. All dies werde auch von „christlichen Politikern“ verantwortet, die “zwar Kreuze verteidigen, denen es aber egal ist, wenn Menschen an Kreuze genagelt werden“. Wörtlich sagte der reformierte Landessuperintendent: „Wir dürfen diese politische Gotteslästerung nicht hinnehmen“. Wenn sich die Barbarei breitmacht, dürften die Christen das Evangelium nicht verraten, „auch wenn sie manchmal zu schwach sind“.

Im „Kyrie“ des Gottesdienstes wurde u.a. gebetet: „Vergib uns, Herr, dass wir unsere Verantwortung zu wenig wahrnehmen, die uns dazu verpflichten würde, eine faire Behandlung von Flüchtlingen von der Politik einzumahnen“. Auch in der Einleitung der Fürbitten formulierte der syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin: „Geist der Liebe, komm auf die versammelten Christinnen und Christen der verschiedensten Konfessionen und Muttersprachen herab, damit wir fähig werden, nicht nur einander in Liebe anzunehmen, sondern auch Fremden und Ausgegrenzten in christlicher Liebe zu begegnen. Wir wollen uns heute erneut zu Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Einheit verpflichten“.

In seinem Schlusswort rief der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios (Kardamakis) dazu auf, im Bemühen um die Einheit der Kirchen die Christen nicht zu vergessen, „die wegen ihres Glaubens verfolgt, misshandelt und getötet werden“. Die Christen dürften aber darauf vertrauen, dass der Heilige Geist sie in der Sehnsucht nach Einheit tröstet und stärkt, „damit sie wahrhaft für das Evangelium Zeugnis geben können“.

 

Das Evangelium gilt für alle

Der offizielle Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) zur Weltgebetswoche für die Einheit der Christen fand am Donnerstag, 23. Jänner, in der Wiener koptisch-orthodoxen Marienkathedrale im 22. Bezirk statt. In seiner Predigt griff der anglikanische Kanonikus Patrick Curran ebenfalls den aktuellen Bezug der Geschichte über den Schiffbruch des Heiligen Paulus vor Malta auf. Heute gehe es um die Gefahren, denen die Migranten ausgesetzt sind, die sich nach Europa in Sicherheit bringen wollen. In der Apostelgeschichte werde sehr deutlich gemacht, dass die Botschaft des Evangeliums alle einschließt, Menschen aus der ganzen Welt. Schon aus der Auflistung der Völker beim Pfingstereignis werde deutlich, dass „Gott etwas vorhat mit seiner Kirche”. Die Christen müssten sich selbst als „Reisende” begreifen und dafür Zeugnis ablegen, dass es „um alle” geht. Curran erinnerte daran, dass in Österreich in jüngerer Zeit zum Beispiel serbisch-orthodoxe und syrisch-orthodoxe Christen wegen der kriegerischen Krisen in den Heimatländern Aufnahme gefunden haben, auch koptisch-orthodoxe Christen, die Verfolgung erleiden. Heuer sei beim Ökumenischen Empfang Kardinal Schönborns der 21 koptischen Märtyrer gedacht worden, die 2015 in Libyen von IS-Terroristen ermordet wurden. Der anglikanische Kanonikus schilderte, wie er selbst als junger Theologe 1982 in Ägypten die Begegnung mit den Christen in den koptischen Wüstenklöstern und in der Marienkirche von Zeitun in Kairo als Geschenk erlebt habe.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen – „wir sind im Sturm, in existenzieller Krise” – müssten sich Christen fragen, wie sie „Werkzeuge Gottes” sein können, wie die Kirche zur „Stimme Gottes in der Welt” wird, so Curran. Die Aufgabe sei, sich immer wieder neu an der Barmherzigkeit Gottes zu orientieren, an jener Haltung der „ungewöhnlichen Menschenfreundlichkeit”, von der in der Geschichte über den Schiffbruch des Heiligen Paulus die Rede ist. Die Nöte, denen die Migranten ausgesetzt sind, seien groß, erinnerte der anglikanische Pfarrer: Sie reichten von materiellen Problemen bis zum Gefühl, nicht dazuzugehören. Es gehe darum, die Migranten so zu unterstützen, dass sie ihr Leben wieder „in die eigene Hand nehmen können”.

Ebenso wie tags zuvor in St. Georg-Kagran versammelten sich auch in der Marienkathedrale in der Quadenstraße zahlreiche ökumenische Persönlichkeiten mit dem Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Prof. Rudolf Prokschi, an der Spitze. Der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Gabriel konnte u.a. auch den Wiener Weihbischof Franz Scharl, den altkatholischen Bischof Heinz Lederleitner und „Pro Oriente”-Präsident Alfons Kloss begrüßen. Sowohl in St. Georg als auch in der Marienkathedralen galt die Kollekte – wie bei unzähligen anderen ökumenischen Gottesdiensten in ganz Österreich – dem Projekt der „Dominican Missionary Sisters of the Rosary” in der indischen Millionenstadt Ahmedabad, das bereits seit einigen Jahren von der österreichischen Sektion des „Weltgebetstages der Frauen” unterstützt wird. Die „Dominican Sisters” setzen sich in Ahmedabad vorwiegend für arme Frauen und Kinder ein. Ein Näh- und Stickzentrum, ein Ärztezentrum, eine Pflegeeinrichtung und eine Apotheke stehen auch den Bewohnerinnen und Bewohnern der benachbarten Dörfer zur Verfügung. Es werden Workshops in Rechtsberatung und Persönlichkeitsentwicklung angeboten, die Bildung von kleinen Selbsthilfegruppen gefördert, sowie die eigenen Kompetenzen gestärkt, wie zum Beispiel durch Fortbildung in den Bereichen Schneiderei, Modedesign und Krankenpflege. Es geht um „Hilfe zur Selbsthilfe”, um positive Veränderung im Sinn des Evangeliums in den Familien und in der Gesellschaft.