Eine „Sternstunde“ des interreligiösen Dialogs im Sinn von Kardinal König

Internationaler Workshop zum Thema „Scriptural Reasoning“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien – Katholische, evangelische, orthodoxe, jüdische und muslimische Theologiestudierende setzten sich mit einer in Cambridge entwickelten Methode des interreligiösen Dialogs zur Auslegung der Heiligen Schriften der monotheistischen Religionen auseinander – Förderung durch die Kardinal-König-Stiftung

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Foto: © Bwag/CC-BY-SA-4.0 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 08.03.19 (kk/poi) Zu einer „Sternstunde“ des interreligiösen Dialogs im Sinn von Kardinal Franz König – dessen Todestag sich am 13. März zum 15. Mal jährt – entwickelte sich ein internationaler Workshop zum Thema „Scriptural Reasoning“, der am 7./8. März an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien stattfand. „Scriptural Reasoning“ ist eine (ursprünglich in Cambridge entwickelte) Methode des interreligiösen Dialogs zur Auslegung der Heiligen Schriften der monotheistischen Religionen. Der Workshop geht auf „Cafe Abraham“ zurück, eine gemeinsame Initiative von Studierenden der Katholisch-Theologischen Fakultät, der Evangelisch-Theologischen Fakultät, der Judaistik und der Islamischen Religionspädagogik unter dem Namen SIRD („Students for InterReligious Dialogue“). Das Institut für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät fungierte als Host für den Workshop, Prof. Regina Polak ist die Mentorin der Initiative. Als Kooperationspartner wirkte auch der „Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ mit; ermöglicht wurde das Zustandekommen des Workshops durch die Kardinal-König-Stiftung, die im Juni 2017 den fünf jungen Theologinnen der Kerngruppe von SIRD den damals erstmals verliehenen Kardinal-König-Förderungspreis zuerkannt hatte. Im November 2018 förderte die Kardinal-König-Stiftung neuerlich die interreligiöse Initiative. Prof. Daniel Weiss (Cambridge) führte beim Workshop in die Methodologie von „Scriptural Reasoning“ ein, Clarissa Breu (Evangelisch-Theologische Fakultät) und Amena Shakir (Sigmund Freud-Universität) referierten über die christliche bzw. die islamische Schriftauslegung.

Die Generalsekretärin der Kardinal-König-Stiftung (und Leiterin des Kardinal-König-Archivs), Annemarie Fenzl, erinnerte in einem Grußwort an die Teilnehmenden des Workshops aus Österreich, Ungarn und Deutschland daran, dass der interreligiöse Dialog dem Kardinal Zeit seines Lebens ein großes Anliegen war. Sein wissenschaftliches Interesse für die Weltreligionen, das in seinem 1956 herausgegebenen dreibändigen religionswissenschaftlichen Standardwerk „Christus und die Religionen der Erde“ einen Höhepunkt fand, habe Kardinal König immer wieder auch in die Praxis umgesetzt, stellte Annemarie Fenzl fest. Sie verwies darauf, dass der Kardinal u.a. im Frühjahr 1965 – noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils – als erster christlicher Kleriker vor Studenten und Professoren der islamischen Al Azhar-Universität in Kairo über den „Monotheismus in der Welt von heute“ referierte. „Nur der eine Gott kann das Ziel des menschlichen Lebens sein“, sagte der Kardinal damals vor dem islamischen Auditorium.

Wörtlich betonte Annemarie Fenzl: „Die Begegnung der Religionen in unserer so zerrissenen und zugleich doch auch immer mehr einswerdenden Welt bringt neue Aufgaben, aber auch neue Probleme mit sich. Eine solche Begegnung wird nur dann in der rechten Weise erfolgen, wenn mit der jeweils eigenen Überzeugung der Respekt für den Standort und die Überzeugung des anderen verbunden ist“. In diesem Sinn habe auch das Zweite Vatikanische Konzil an die Christen appelliert, „mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen…jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anzuerkennen und zu fördern“.

Einander immer besser kennenzulernen, einander tiefer zu verstehen und dadurch einander immer näherzukommen, sei auch die Grundidee von „Students for InterReligious Dialogue“ gewesen. Da diese Idee ganz im Sinn der Bestrebungen Kardinal Königs ist, habe das Kuratorium der Stiftung auf Empfehlung von Prof. Regina Polak 2017 und 2018 einstimmig beschlossen, diese Initiative junger Menschen unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit entsprechend zu fördern. Dass die Förderung ein zweites Mal vergeben wurde, war auf die konsequente Weiterentwicklung“ von „Cafe Abraham“ in Richtung eines internationalen europaweiten Netzwerks für „Scriptural Reasoning“ zurückzuführen, betonte Annemarie Fenzl. Während die Preis-Überreichung 2017 im Kardinal-König-Archiv erfolgte, ging sie im November 2018 am Sitz der Israelitischen Kultusgemeinde über die Bühne, in Form einer „symbolischen, aber eindrucksvollen Präsentation durch ein ‚Scriptural Reasoning‘ im Miniformat“.

„Scriptural Reasoning“ (unzureichend übersetzt mit „schriftgeleitete Reflexion im Hinblick auf die Heiligen Bücher der monotheistischen Religionen“) ist eine Methode, bei der die Teilnehmenden durch gemeinsames Lesen eines religiösen Textes miteinander ins Gespräch kommen und zentrale Aussagen des Texte miteinander reflektieren und diskutieren  – am besten auf „neutralem Boden“, daher die Idee des „Cafe Abraham“. Die fünf jungen Theologinnen, die 2017 erstmals den Kardinal-König-Förderungspreis erhielten, benannten ein präzises gesellschaftspolitisches Ziel: „In Anbetracht der gesellschaftlichen Situation in Österreich wie in Europa, wo ein zunehmend fremdenfeindliches, rassistisches, antisemitisches Klima vorherrscht, wollen wir mit unserer Dialoggruppe ein Zeichen für ein friedvolles Miteinander setzen“. Beim „Scriptual Reasoning“ entsteht zwischen den Leserinnen bzw. Lesern und den heiligen Texten ein mehrschichtiges Gespräch, in dem nicht festgefahrene Meinungen zählen, sondern im gemeinsamen Nachdenken und offenen Diskutieren neue Bedeutungsfelder erschlossen werden. Die Methode läuft darauf hinaus, dass Juden, Christen und Muslime in einer Weise gemeinsam studieren, reflektieren und arbeiten können, die die eigene religiöse Integrität nicht beeinträchtigt und die Integrität des jeweils anderen respektiert. Das Ziel ist nicht Übereinstimmung, sondern vielmehr Wachstum im wechselseitigen Verständnis der Traditionen und tiefere Erforschung der religiösen Texte und ihrer möglichen Interpretationen.