Erstmals wieder Osterliturgie in der orthodoxen Kathedrale von Shanghai

In der Kathedrale hatte es seit 1965 keine Gottesdienste mehr gegeben – Einstiger Wirkungsort des heilig gesprochenen Bischofs John von Shanghai und San Francisco

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Foto: © Fanghong (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Shanghai, 01.05.19 (poi)  Das orthodoxe Osterfest wurde heuer in der chinesischen Mega-Metropole Shanghai in besonderer Weise gefeiert. Zum ersten Mal seit 1965 fand die Osterliturgie wieder in der orthodoxen Marienkathedrale in der einstigen „französischen Konzession“ (einem bis März 1945 exterritorialen Gebiet) statt. Der mitternächtliche Auferstehungsgottesdienst wurde auf dem Gelände des russischen Generalkonsulats zelebriert. An beiden Gottesdiensten nahmen hunderte orthodoxe Christen nicht nur aus China, sondern auch aus Russland, Griechenland, Serbien, der Ukraine, Usbekistan, Frankreich, Italien, den USA und Kanada teil. Gebetet wurde in insgesamt elf Sprachen.

Ermöglicht wurde die liturgische Benutzung der Kathedrale durch die Zusammenarbeit  russischer Diplomaten und chinesischer Behördenvertreter. Der orthodoxe Priester Father John sagte im Gespräch mit der russischen Nachrichtenagentur TASS, die Osterliturgie in der Kathedrale nach so vielen Jahrzehnten der Inaktivität sei ein „Zeichen für das wachsende gegenseitige Vertrauen und die Freundschaft zwischen Russen und Chinesen“.

In der Zwischenkriegszeit war Shanghai ein Brennpunkt der russischen Emigration, die Zahl der russischen Flüchtlinge, die sich in der Wirtschaftsmetropole im Mündungsgebiet des Jangtsekiang niedergelassen hatten, wurde auf bis zu 50.000 geschätzt. Es gab zwölf orthodoxe Kirchen in Shanghai, von denen heute nur mehr zwei bestehen: die Kathedrale und die Nikolauskirche. Auch nach der kommunistischen Machtergreifung 1949 blieb die erst 1937 fertig gestellte Kathedrale offen – bis zum Tod des  letzten Bischofs der chinesisch-orthodoxen Kirche, Bischof Simeon von Shanghai, im Jahr 1965. Danach wurde die Kathedrale von den kommunistischen Behörden geschlossen. Nur einmal konnte die Göttliche Liturgie wieder in der Kathedrale gefeiert werden, 2013 beim China-Besuch des Moskauer Patriarchen Kyrill I.

Shanghai hat für die Weltorthodoxie besondere Bedeutung, weil dort der heilig gesprochene Bischof John (Maksimowitsch) von Shanghai und San Francisco in der Zwischenkriegszeit gewirkt hat. Der 1896 in der Ukraine geborene Bischof starb 1966 in Seattle. Seiner Fürbitte werden zahlreiche wunderbare Heilungen zugeschrieben. Bischof John ist einer der am meisten verehrten neuen orthodoxen Heiligen. Er stammte aus einer adeligen Familie, nach der kommunistischen Machtergreifung flüchtete die Familie nach Belgrad, wo er Theologie zu studieren begann. 1926 wurde er in Ohrid zum Priester geweiht, 1934 erfolgte die Wahl des asketischen Priestermönchs zum Bischof durch die russische Auslandskirche (damals „Karlowitzer Synod“). Er wurde nach Shanghai entsandt, wo er auf eine wegen eines Jurisdiktionskonflikts zerstrittene Gemeinde und eine unfertige Kathedralkirche traf, die meisten russischen Flüchtlinge lebten in überaus prekären Verhältnissen. Bischof John setzte soziale Initiativen und gründete u.a. ein  Waisenhaus, in dem im Lauf der Zeit rund 3.500 Kinder Zuflucht fanden. Nach der kommunistischen Machtergreifung in Shanghai floh der Bischof mit den meisten seiner Gläubigen zunächst auf die Philippinen. 1951 schickte ihn der Heilige Synod der Auslandskirche nach Westeuropa, zunächst nach Paris und dann nach Brüssel. 1962 erfolgte seine Entsendung nach San Francisco, wo er wieder eine ähnliche Situation wie in Shanghai antraf: Eine zerstrittene Gemeinschaft und eine unfertige Kathedrale. Wie in China schaffte er es auch in Kalifornien, Frieden herzustellen und den Kathedralbau zu vollenden.  Charakteristisch für den Bischof war, dass er sich von nationalen Engführungen fernhielt: An seinem ersten Wirkungsort, der Stadt Bitola im heutigen Nordmazedonien, wo es damals noch eine große griechische Minderheit gab, zelebrierte er die Liturgie auch auf griechisch, in Shanghai auf chinesisch, in Paris und Brüssel auf französisch und auch auf flämisch. Er gliederte auch ganz selbstverständlich westliche Heilige aus der Zeit vor dem großen Schisma in den orthodoxen Kalender ein.