Erzbischof von Minsk: „Habe nur einen weißrussischen Pass“

Tadeusz Kondrusiewicz betonte in Interviews im vorübergehenden polnischen Exil, dass es ihm immer um das Miteinander der Menschen gehe

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Foto ©: Vadim Sazanovich (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Minsk-Warschau, 06.09.20 (poi)  Der an der Heimreise gehinderte katholische Erzbischof von Minsk und Mogilew, Tadeusz Kondrusiewicz,  hat in Interviews im vorübergehenden polnischen Exil  neuerlich betont, dass er nur einen Pass – den weißrussischen – hat. Präsident Aleksandr Lukaschenko hatte angedeutet, dass der Erzbischof „mehrere“ Staatsbürgerschaften habe. In den Interviews stellte Kondrusiewicz fest, dass er auf die vatikanische Diplomatie vertraue, auch wenn es derzeit keinen Nuntius in Minsk gebe (Erzbischof Gabor Pinter, früher 1. Sekretär der Apostolischen Nuntiatur in Wien, war nach mehrjähriger Tätigkeit als Nuntius in Minsk Ende des Vorjahrs zum päpstlichen Botschafter in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, berufen worden). Jedenfalls fühle er sich vom Heiligen Stuhl moralisch unterstützt, so Kondrusiewicz. Der Erzbischof betonte, dass es immer für das Miteinander der Menschen eintrete, auch in seiner Zeit als katholischer Erzbischof in Moskau sei es ihm um das Miteinander mit den orthodoxen Christen gegangen.

Weißrussland sei ein Grenzland, erinnerte der Erzbischof von Minsk. Daher sei das Miteinander unterschiedlicher Konfessionen charakteristisch für Weißrussland. Mehr als 50 Prozent der Ehen seien „konfessionsverbindend“, vor allem zwischen Katholiken und Orthodoxen, aber es gebe auch sehr enge Beziehungen zu Evangeliums-Christen, Juden und Muslimen. Als die Proteste in Belarus aufflammten, hätten die Katholiken begonnen, jeden Tagen um 18 Uhr im Internet das Vater unser zu beten, viele Menschen unterschiedlicher Konfession hätten sich angeschlossen.  In Minsk selbst sei die sogenannte „Rote Kirche“ zum Ort des gemeinsamen Gebets geworden (am 26. August wurden in der Kirche rund 100 Personen von der Bereitschaftspolizei „Omon“ am Verlassen des Gotteshauses gehindert). Die Kirche der Heiligen Symeon und Helena ist ein architektonisch diskutables, aber auffälliges Gotteshaus, das 1906 bis 1910 – nach der ersten russischen Revolution von 1905 – durch den Adeligen Edward Wojnilowicz errichtet wurde. Die seltenen Namenspatrone der Kirche beziehen sich auf die früh verstorbenen Kinder des Stifters. In kommunistischer Zeit diente die Kirche als Kino. 1990 wurde sie an die katholische Gemeinde zurückgestellt.

Erzbischof Kondrusiewicz betonte, dass die Friedfertigkeit und der Mangel an Aggressivität ein Charakteristikum des weißrussischen Volkes sei: „Auch wenn Blut geflossen ist, möchten wir, dass alles in Frieden und im Wunsch nach dem Guten abgeht, unsere christliche Erziehung legt uns das nahe“. Freilich habe sich die Atmosphäre  in Weißrussland schon seit einigen Jahren verändert gehabt, so Kondrusiewicz. Es gebe eine neue Generation, er sehe das im Internet, auch wenn er momentan nicht in Minsk sein könne. Die jungen Leute wollten etwas Neues, „sie sind ständig im Internet, sie wollen ins Ausland reisen, sie haben überall Freunde“. Die jungen weißrussischen Katholiken seien mit großem Enthusiasmus bei den kirchlichen Weltjugend-Tagen dabei gewesen.

Aleksandr Lukaschenko sei ihm positiv zum Miteinander der Konfessionen eingestellt erschienen, berichtete Kondrusiewicz aus seinen persönlichen Begegnungen mit dem weißrussischen Präsidenten, aber wahrscheinlich sei der auch „überrascht“ gewesen von der Entwicklung. Wörtlich sagte der Erzbischof: „Niemand hätte sich all das vor einem Jahr vorstellen können“. Der Erzbischof hofft, dass das Einreiseverbot für ihn aufgehoben wird. Er sei jetzt fast 75 und werde dem Papst bald seinen Rücktritt anbieten. Es tue ihm leid, nicht bei „seinen Leuten“ zu sein, aber er werde nichts tun, „um Wellen zu schlagen“. Manche Leute versuchten das, aber er sage nur: „Geht lieber beten“.

Einer der Interviewpartner von Erzbischof Kondrusiewicz war der russische griechisch-katholische Priester Jakow Krotow. Das Interview wurde auf dem US-gesponsorten „Radio Liberty“ (Radio Swoboda) ausgestrahlt, wo der 63-jährige Krotow eine wöchentliche Sendereihe unter dem Titel „Vom christlichen Standpunkt“ hat.

Erzbischof Kondrusiewicz schilderte im Gespräch mit Krotow seine Vita. In der Vita des Erzbischofs spiegelt sich die Situation der Kirche unter dem kommunistischen Regime. In seinem Heimatdorf bei Grodno erzogen die Familien die Kinder im katholischen Glauben, auch wenn es im Ort keinen katholischen Priester mehr gab. Er studierte Physik und Mathematik in Grodno, musste aber gehen, weil ihm seine regelmäßigen Kirchenbesuche zum Vorwurfe gemacht wurden. Später machte er seinen Abschluss (mit Auszeichnung) in Maschinenbau am Polytechnischen Institut in St. Petersburg, damals Leningrad. Er arbeitete als Ingenieur in einer Schleifmaschinenfabrik in Vilnius. Zusammen mit Kollegen erfand er eine Hochgeschwindigkeits-Spezialschleifmaschine für das „Wolga“-Automobilwerk. Nach dem Theologiestudium in Kaunas wurde er zum Priester geweiht. Als junger Priester war er in Litauen und Weißrussland als Pfarrseelsorger tätig. 1989 wurde er zum Bischof ernannt und war zunächst Apostolischer Administrator der Erzdiözese Minsk. Danach war er katholischer Bischof in Moskau und kehrte 2007 als Erzbischof nach Minsk zurück.

Im Gespräch mit Krotow betonte der Erzbischof seine Dankbarkeit für Litauen, „wo der polnische und der baltische Geist zusammenkommen und wo man auch auf Russisch betet. Es ist ein Mutterland des Glaubens für alle“. Kondrusiewicz spricht mehrere Sprachen, weißrussisch, russisch, polnisch, litauisch. Aber wenn man ihn frage, welche Nationalität er habe, laute seine Antwort: „Ich bin Christ“.