„Es ist nicht zu spät, Halt zu machen“

Der Briefwechsel zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. am Jahreswechsel

0
183
Foto: © Mario Modesto Mata (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Moskau, 02.01.19 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. sandte Ende Dezember an die Oberhäupter aller autokephalen orthodoxen Kirchen (auch an den Moskauer Patriarchen) ein Schreiben über die kirchliche Entwicklung in der Ukraine. In dem Schreiben wurden die jüngsten Ereignisse aufgelistet (Rehabilitierung der als schismatisch geltenden ukrainischen Bischöfe, Annullierung des 1686 beschlossenen Transfers der Kiewer Metropolie an das Moskauer Patriarchat, „Vereinigungskonzil“ in Kiew am 15. Dezember 2018 usw.), die Übergabe des Autokephalie-„Tomos“ für die neue ukrainische Kirche für den 6. Jänner angekündigt und die Oberhäupter der autokephalen Kirchen formell ersucht, die neue autokephale Kirche der Ukraine anzuerkennen. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. gab in seinem Antwortschreiben an Bartholomaios I. seinem tiefen Schmerz, seinem Befremden und seiner Entrüstung über die „antikanonischen Aktionen“ des Patriarchen von Konstantinopel Ausdruck. In dem Schreiben heißt es zum Abschluss wörtlich: „Es ist nicht zu spät, Halt zu machen“.

Das Schreiben Kyrills I. hat folgenden Wortlaut: Eure Heiligkeit, mit tiefem Schmerz, Befremden und Entrüstung habe ich Ihren Brief gelesen, in dem Sie mich über die jüngsten Akte der Kirche von Konstantinopel informieren: Die Zulassung unkanonischer Gemeinschaften der Ukraine zur eucharistischen Gemeinschaft; den „Widerruf“ des Briefes von Patriarch Dionysios IV. von Konstantinopel, mit dem die Kiewer Metropolie der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats übergeben wurde; die Veranstaltung eines „Lokalkonzils“ der von Ihnen zur Kommunion zugelassenen  unkanonischen Gemeinschaften in Kiew; und die Absicht, der von Ihnen etablierten Institution in den nächsten Tagen den Status einer autokephalen orthodoxen Kirche zu verleihen.

Die Wiedervereinigung der Schismatiker mit der Kirche wäre sowohl für die orthodoxen Christen in der Ukraine als auch für die ganze orthodoxe Welt eine große Freude gewesen, wenn sie in Übereinstimmung  mit den Regeln des Kirchenrechts, mit dem Geist des Friedens und der Liebe Christi erfolgt wäre. Aber der derzeitige politisierte Prozess der erzwungenen Vereinigung ist weit entfernt von den Normen und vom Geist der Heiligen  Kanones. Viele Lügen sind aufgehäuft worden, jetzt wird Gewalt gegen die wahre ukrainisch-orthodoxe Kirche angewendet. Es ist dies dieselbe Kirche von Millionen ukrainischer Gläubiger, die Sie bis vor kurzem in all den Jahren Ihres Dienstes als die kanonische Kirche anerkannt haben. Jetzt erhaben Sie den Anspruch, dass diese Kirche nicht existiert, dass es nur einige Diözesen gebe, die jetzt unter Ihr Omophorion zurückkehren.

Ihre Berater haben Ihnen versichert, dass der Episkopat der ukrainisch-orthodoxen Kirche bereit sei, das politische Projekt der Kiewer Autoritäten zu unterstützen, dass eine beträchtliche Anzahl, ja Dutzende von kanonischen Bischöfen nur auf Ihren Segen warteten, um sich von ihrer Kirche zu trennen. Ich habe Sie mehrfach gewarnt, dass man Sie irreführt. Jetzt können Sie sich davon selbst überzeugen.

Nur zwei von 90 Bischöfen der ukrainisch-orthodoxen Kirche waren beim von Ihnen einberufenen sogenannten „Lokalkonzil“ anwesend, dessen Vorsitz drei Personen innehatten – Ihr Repräsentant (Metropolit Emmanuel von Paris, Red.), ein selbsternannter „Patriarch“ (der mittlerweile den Titel „Ehrenpatriarch“ trägt, Filaret Denisenko, Red.) und das säkulare Oberhaupt des ukrainischen Staates (Poroschenko, Red.). Was Sie ein ‚Lokalkonzil‘ nennen, war eine Versammlung von Schismatikern unter dem Deckmantel des Namens der Heiligen Kirche von Konstantinopel. Was ist das, wenn nicht die Legalisierung des ukrainischen Schismas, das sie öffentlich nicht zu akzeptieren versprachen?

In Ihren Entscheidungen berufen Sie sich auf den Willen des orthodoxen Volkes der Ukraine, das angeblich die Intervention der Kirche von Konstantinopel verlangt hat. Und doch war es der Wille der überwältigenden Mehrheit des Klerus und der Laienschaft, der Menschen, die den authentischen kirchlichen Geist in der Ukraine haben, der den Episkopat der ukrainisch-orthodoxen Kirche veranlasst hat, auf Ihre Einladungen nicht zu antworten und die Teilnahme am ‚Vereinigungskonzil‘ des ukrainischen Schismas zu verweigern.

Von den beiden Bischöfen der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die Sie unter Verletzung des Kirchenrechts in Ihre Jurisdiktion aufgenommen haben, war nur einer ein Diözesanbischof (Simeon Schostatskij von Winnitsa). Aber der Klerus und die Gläubigen seiner Diözese haben seine Haltung nicht akzeptiert. Nachdem Metropolit Simeon auf gesetzliche Weise vom Heiligen Synod der ukrainisch-orthodoxen Kirche „a divinis“ suspendiert wurde, blieben alle Klöster der Diözese Winnitsa und die überwältigende Mehrheit der Pfarrgemeinden mit ihrem Klerus dem neuen kanonischen Hierarchen, Erzbischof Barsanufij von Winnitsa, untertan. Lokale Behörden üben nun auf den diözesanen Klerus mit der Androhung von Strafen Druck aus, aber die Kleriker, Mönche und Laien möchten nicht in Gemeinschaft mit einem Bischof sein, der sie und die Kirche verraten hat.

Metropolit Aleksandr, den Sie ebenfalls erwähnen und der ebenso vom Synod in Kiew suspendiert wurde, hatte nur eine Kirche. In seiner Gemeinschaft kam es zu einem Konflikt, die Mehrheit seines Klerus vermied es, mit einem Hierarchen zu konzelebrieren, der abgefallen ist.

Die Grundsatzentscheidung der Hierarchen der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die Teilnahme an dem von Ihnen einberufenen falschen Konzil zu verweigern, wurde nicht durch einen mythischen „Druck aus Moskau“ verursacht, der in dieser politischen Situation ohnehin unmöglich wäre, sondern durch die Einheit der Erzbischöfe mit ihrem Klerus und ihren Gläubigen. Diese Einheit kann durch die plumpe Einmischung der ukrainischen Behörden in das innere Leben der Kirche oder durch den vom Staat ausgeübten und in den letzten Monaten wesentlich verstärkten Druck nicht in Gefahr gebracht werden. Diese Einheit kann nicht durch einen Federstrich widerrufen werden.

In Ihrem Brief versuchen Sie, die Bedeutung der 1686 von Ihrem Vorgänger  Dionysios IV. und dem Heiligen Synod der Kirche von Konstantinopel unterzeichneten Dokumente neu zu interpretieren. Der Gegenstand dieser historischen Dokumente hat hunderte von Jahren hindurch keine Meinungsverschiedenheiten zwischen unseren beiden Kirchen ausgelöst. Und jetzt sagen Sie, Sie würden das Patriarchale und Synodale Dokument „widerrufen“, weil sich „die äußeren Umstände verändert haben“.

Ich habe angeregt, über diese Frage Gespräche unter Beteiligung von maßgeblichen Historikern, Theologen und Kirchenrechts-Experten abzuhalten. Sie haben das unter Berufung auf Zeitmangel verweigert. Ich kann nur mein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass Ihre für die Einheit der Kirche so zerstörerischen Entscheidungen so sehr  von „äußeren“, das ist politischen Umständen abhängen, wobei Sie keine Skrupel haben, mir das offen zu sagen.

In Ihrem Brief wiederholen Sie noch einmal die strittigen Behauptungen, dass die Kirche von Konstantinopel die „ausnahmslose Verantwortung zur Gewährung der Autokephalie“ und – in Übereinstimmung mit der „geistlichen Bedeutung“ der Kanones 9 und 17 des Konzils von Chalcedon – zur Behandlung von Revisionsappellen aus anderen Ortskirchen habe. Jedoch ist Ihre Interpretation Ihrer behaupteten Rechte niemals gesamtkirchlich akzeptiert worden. Eine beträchtliche Zahl von Einwendungen maßgeblicher Kommentatoren des Kirchenrechts spricht gegen Ihr Verständnis der Rechte des Throns von Konstantinopel zur Behandlung von Revisionsappellen. Der  herausragende byzantinische Kanonist John Zonaras schreibt: „Der Patriarch von Konstantinopel wird nicht als Richter über alle Metropoliten anerkannt, sondern nur über jene, die ihm unterstellt sind. Denn weder die Metropoliten von Syrien noch die von Palästina oder Ägypten müssten gegen ihren Willen vor seinem Richterstuhl erscheinen. Denn die syrischen Metropoliten würden vom Patriarchen von Antiochien beurteilt, jene von Palästina vom Patriarchen von Jerusalem, während die ägyptischen Metropoliten vom Patriarchen von Alexandrien beurteilt werden, der sie weiht und dem sie unterstellt sind“. Ebensowenig erkennen die heutigen orthodoxen Ortskirchen an, dass Sie ein solches Privileg hätten.

Indem Sie ungesetzlich ein solches Recht in Anspruch nehmen, haben Sie nicht einmal die bestehenden kanonischen Normen beachtet, die festlegen, wie sich jemand zu verhalten hat, an den ein Revisionsappell gerichtet wird.

Es ist allgemein bekannt, dass Michail Denisenko (der selbsternannte „Patriarch“ Filaret, Red.) weiterhin gedient hat, nachdem er Kirchenstrafen erhalten hatte und exkommuniziert wurde. Auf diese Weise beraubte er sich selbst des Appellationsrechts und verurteilte sich – entsprechend der Basisnormen des Kirchenrechts – selbst. Sie brachten Ihre Übereinstimmung mit der Laisierung Denisenkos zum Ausdruck, obwohl Sie zu diesem Zeitpunkt bereits seinen ersten Revisionsappell erhalten hatten. In Ihrem Brief an Patriarch Aleksij II. von Moskau und ganz Russland vom 31. August 1992 schrieben Sie: „Unsere Heilige Große Kirche Christi anerkennt die Fülle der ausschließlichen Kompetenz der russisch-orthodoxen Kirche in diesem Fall. In synodaler Weise akzeptiert sie die Entscheidungen im Hinblick auf den Betreffenden und hat keinerlei Wunsch, Ihrer Kirche irgendeine Schwierigkeit zu bereiten“.

Der Heilige Synod der Kirche von Konstantinopel hat die zahlreichen Probleme der apostolischen Sukzession und des moralischen Charakters der jetzt zur Gemeinschaft zugelassenen „Hierarchen“ nicht in Betracht gezogen – trotz der Tatsache, dass die Kirche von Konstantinopel früher die Bedeutung der Lösung dieser Fragen für die Heilung des ukrainischen Schismas anerkannt hatte. Während der Verhandlungen zwischen den Delegationen unserer Kirchen hatte Konstantinopel alle notwendigen Informationen erhalten.

Die Tatsache, dass durch die Entscheidung Ihrer Synode Makarij Maletytsch in den bischöflichen Rang „wieder eingesetzt“ wurde, zeigt, mit welcher Hast und Übereilung die Revisionsappelle der ukrainischen Schismatiker behandelt wurden. In Ihren offiziellen patriarchalen Briefen nennen Sie ihn „früheren Metropoliten von Lemberg (Lwow)“, in dieser Funktion nahm er am sogenannten „Vereinigungskonzil“ teil.

Aber Makarij Maletytsch war ins Schisma geraten, weil er – als Priester der kanonischen Kirche – niemals eine kanonische Bischofsweihe erhalten hatte. Seine „Weihe“ geht ebenso wie die „Weihen“ der meisten „Bischöfe“ der jetzt von der Kirche von Konstantinopel zur Gemeinschaft zugelassenen sogenannten „Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche“ – über seine Vorgänger auf einen laisierten Bischof zurück, der diese Akte gemeinsam mit dem Betrüger Wiktor Tschekalin gesetzt hatte, einen früheren Diakon der russisch-orthodoxen Kirche, der nicht einmal zum Priester geweiht worden war.

Die Aufnahme solcher Personen in die Gemeinschaft der Kirche – ohne Beachtung der genannten Umstände – unterminiert die kanonische Weihesukzession und wird schwerwiegende Konsequenzen für die Gesamtheit der Weltorthodoxie haben.

Jahrhundert hindurch war die russische Kirchen der heiligen Kirche von Konstantinopel dankbar für deren Beitrag zur Bildung der Weltorthodoxie, für ihre Rolle bei der christlichen Erleuchtung der heidnischen Rus und ihre Hilfe bei der Entwicklung der Traditionen des Mönchtums und der religiösen Erziehung. Gegenwärtig sind unsere Gläubigen in der Ukraine und in anderen Ländern bitter enttäuscht, weil die historische Mutterkirche ihre Stimmen nicht hört.

Hunderttausende Briefe von Gläubigen in der Ukraine zur Unterstützung der ukrainisch-orthodoxen Kirche und mit dem Ersuchen, deren Einheit nicht zu unterminieren, sind in Ihre Residenz gebracht worden. Die ukrainischen Behörden versuchten, die Übersendung  zu behindern, während Sie diese Briefe ignoriert haben. Und jetzt wollen Sie die Stimme der ukrainisch-orthodoxen Kirche nicht hören, die vor neuen Zerreißproben steht.

Auch jetzt werden Erzbischöfe und Kleriker in der Ukraine zu Verhören über an den Haaren herbeigezogene Vorwände vorgeladen, sie werden erpresst, die ihnen Nahestehenden werden bedroht, Hausdurchsuchungen werden in Gotteshäusern und Wohnungen durchgeführt,  auf Familien – einschließlich der Kinder – wird Druck ausgeübt. Vor kurzem ist ein Gesetz in Kraft getreten, dessen Ziel es ist, die ukrainisch-orthodoxe Kirche ihres Namens zu berauben, um die gewaltsame Wegnahme von Kirchengebäuden unter dem Deckmantel des „freiwilligen Transfers von Gemeinschaften“ durchzuführen. Ist das die Art der Vereinigung der orthodoxen Christen in der Ukraine, die Sie anstreben?

Ich habe mit Ihnen über die Pläne der Kirche von Konstantinopel privat und in Gegenwart weniger Zeugen gesprochen. Jetzt, da die Pläne weitgehend verwirklicht sind, appelliere ich vor der ganzen orthodoxen Kirche vielleicht zum letzten Mal an Sie. Indem ich das tue, lasse ich mich vom Gebot unseres Herrn Jesus Christus leiten: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht…Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“ (Matthäus-Evangelium, Kap. 18, Verse 15 bis 17).

Die Diptychen (Ehrenlisten) Ihrer Heiligkeiten, der Patriarchen von Konstantinopel, umfassen Dutzende Namen großer Theologen, Eiferer für den Herrn, Lehrer der Frömmigkeit. Der Heilige Gregor der Theologe, Proclus, Flavian der Bekenner, Johannes IV., Tarasius, Methodius, Photius und viele andere haben durch ihren Dienst der heiligen Kirche von Konstantinopel Ruhm gebracht.

Freilich gab es auch welche, die die Kirche entehrt haben. Fügen Sie Ihren bislang respektierten Namen nicht in die Liste solcher schändlicher Bischöfe von Konstantinopel ein wie Nestorius, die Ikonoklasten Anastasios, Johannes VII. und Theodotos, die Unierten Joseph II., Mitrophanes II. und Gregorios III. Mammas. Ziehen Sie sich zurück von der Gemeinschaft mit den Schismatikern und lassen Sie ab von der Teilnahme am politischen Spiel zu deren Legalisierung. Dann wird die von Seiner Seligkeit, Metropolit Onufrij von Kiew und der ganzen Ukraine, geführte wahre orthodoxe Kirche der Ukraine Sie segnen. Die Geschichte wird Ihr Andenken unter jenen Häuptern des Throns von Konstantinopel bewahren, denen es unter den schwierigsten politischen Bedingungen gelungen ist, die Kirche nicht zu erniedrigen, sondern ihre Einheit zu bewahren.

Aber wenn Sie weiter entsprechend den in Ihrem Brief aufgezählten Intentionen handeln, werden Sie für immer die Möglichkeit verlieren, der Einheit der heiligen Kirchen Gottes zu dienen, Sie werden nicht mehr der Erste in der orthodoxen Welt mit ihren hunderten Millionen von Gläubigen sein; die Leiden, die Sie den orthodoxen Ukrainern auferlegt haben, werden Ihnen zum Jüngsten Gericht unseres Herrn folgen und vor Ihm Zeugnis gegen Sie ablegen.

Ich bete aus ganzem Herzen, dass das nicht geschehen möge. Es ist nicht zu spät, Halt zu machen.