Eskalation des Streits zwischen Konstantinopel und Moskau über orthodoxe Kirche in der Ukraine

Vertreter des Ökumenischen Patriarchats beim Weltkirchenrat vertritt in BBC-Interview die Auffassung, dass seit dem jüngsten Beschluss des Heiligen Synods im Phanar die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats „nicht mehr existiert“ – Ökumenischer Patriarch Bartholomaios I. und ukrainischer Präsident Petro Poroschenko unterzeichneten in Konstantinopel Übereinkunft über „Koordination und Kooperation“

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Foto: © Manolis Pagalos (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Genf-Konstantinopel, 03.11.18 (poi) Eskalation des Streits zwischen den Patriarchaten Konstantinopel und Moskau über die orthodoxe Kirche in der Ukraine: Der Repräsentant des Ökumenischen Patriarchats beim Weltkirchenrat in Genf, Erzbischof Job (Getcha), erklärte in einem BBC-Interview, durch die am 11. Oktober erfolgte Aufkündigung des konstantinopolitanischen Synodalakts von 1686 über die Jurisdiktion der Kiewer Metropolie sei die Verwaltung des Moskauer Patriarchats in allen ukrainischen Eparchien erloschen. Vom kirchenrechtlichen Standpunkt aus bedeute das, dass „die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats nicht mehr existiert“. Alle ukrainischen Bischöfe seien auf Grund dieser Entscheidung des Heiligen Synods im Phanar de facto „Hierarchen des Ökumenischen Throns in Konstantinopel“. Sie hätten zu warten auf Anordnungen des Ökumenischen Patriarchats betreffend ihre künftige Funktion im Hinblick auf die angestrebte Autokephalie der orthodoxen Kirche in der Ukraine. Am Samstag wurde im Phanar von Patriarch Bartholomaios I. und dem ukrainischen Staatspräsidenten Petro Poroschenko ein – kirchenrechtlich schwer einzuordnender – „bilateraler Koordinations- und Kooperationsvertrag zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und dem ukrainischen Staat“ unterzeichnet.

Im Hinblick auf die Erklärungen von Erzbischof Job im BBC-Interview stellte die ukrainische Nachrichtenagentur RISU fest, in der Praxis bedeute das, dass jetzt alle ukrainischen Bischöfe – egal, ob sie der kanonischen Kirche oder nichtkanonischen Gemeinschaften angehören – „in den Augen Konstantinopels den gleichen Status haben“. Daher hätten sie auch gleiche Rechte und Pflichten im Hinblick auf das Bischofskonzil, das der Phanar durch seine nach Kiew beorderten Exarchen einberufen wolle. Der Ökumenische Patriarch werde dieses Konzil einberufen, sobald er die Zeit dafür als gekommen ansehe, sagte Erzbischof Job im Gespräch mit der BBC.

Zugleich meinte der aus der ukrainischen Diaspora in Kanada stammende Erzbischof, wenn es in der Ukraine Priester und Laien geben sollte, die sich nicht der neuen autokephalen Kirche anschließen, sondern in Gemeinschaft mit einem russisch-orthodoxen Exarchat bleiben wollen, dann sei dieses Exarchat „einfach nichtkanonisch“. Denn nach dem orthodoxen Kirchenrecht könne es auf dem Territorium eines Staates „nur eine orthodoxe Kirche“ geben und das werde in der Ukraine die autokephale ukrainische Kirche sein, die alle umfassen müsse.

Auf die Frage, was denn mit den Bischöfen des Moskauer Patriarchats geschehen solle, die nicht am Kiewer Bischofskonzil teilnehmen und außerhalb der neuen autokephalen Kirche bleiben wollen, antwortete Erzbischof Job ausweichend: „All das ist ein längerer Vorgang. Ein griechisches Sprichwort sagt: Die Zeit heilt alle Wunden. Man muss verstehen, dass das Ziel die Überwindung der Spaltung ist, die in der Ukraine in den letzten 30 Jahren bestanden hat…Wir haben jetzt den Heilungsprozess. Das Ziel ist die Vereinigung der ukrainischen Orthodoxie. Ich meine, nur Gott weiß, wie lang das dauern wird“.

Die Ökumenischen Konzilien hätten zuerst Rom und dann auch Konstantinopel die gleichen Privilegien zuerkannt, erklärte Erzbischof Job, wer das leugne, falle von der Orthodoxie ab. Die kanonischen Privilegien Konstantinopels würden von allen orthodoxen Kirchen anerkannt, auch wenn es Diskussionen über den Anwendungsbereich gebe. Wörtlich fügte der Erzbischof hinzu: „Im Prinzip könnte das Ökumenische Patriarchat den Status jener neuen autokephalen Kirchen oder neuen Patriarchate, die niemals von einem Ökumenischen Konzil bestätigt wurden, abschaffen, wenn dem Phanar das notwendig erscheint“.

Diese Bemerkung wurde in der orthodoxen Öffentlichkeit teils so ausgelegt, als würde Konstantinopel überlegen, Moskau die patriarchale Würde zu entziehen oder einfach die russisch-orthodoxe Kirche abzuschaffen. Auf die entsprechende Frage sagte der Erzbischof: „Wir hoffen, dass die Art, wie die orthodoxe Kirche in Russland derzeit vorgeht, nur vorübergehend ist…Wir hoffen, dass sie vernünftig wird und zur Einheit mit dem Ökumenischen Thron zurückkehrt, weil der Phanar die Beziehungen mit der orthodoxen Kirche in Russland nicht abbrechen will. Aber wenn die Situation lange anhält, dann kann der Ökumenische Thron als der erste Sitz der universalen Orthodoxie gezwungen sein, gewisse Maßnahmen zu setzen, um die Einheit der Kirche zu sichern“.

Am Samstag wurde der ukrainische Präsident Petro Poroschenko im Phanar überaus herzlich empfangen, um die Übereinkunft zur Koordination und Kooperation zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der Ukraine zu unterzeichnen.  Vor Journalisten sagte Poroschenko, die Ukrainer würden eine „einzige autokephale Kirche“ wünschen. Nach Ostern sei er mit Patriarch Bartholomaios I. übereingekommen, eine autokephale Kirche in der Ukraine zu schaffen. Alle Hierarchen des „Kiewer Patriarchats“ und der sogenannten „ukrainischen autokephalen Kirche“ und auch ein Teil der Bischöfe der ukrainischen Kirche des Moskauer Patriarchats hätten das Ersuchen um die Autokephalie an den Ökumenischen Patriarchen unterzeichnet. Das sei „ein Traum des ukrainischen Volkes seit 1.030 Jahren“. Die Übereinkunft lege die Bedingungen für die Zuerkennung der Autokephalie „in strikter Übereinstimmung mit dem orthodoxen Kirchenrecht“ fest.

Patriarch Bartholomaios I. dankte dem ukrainischen Staatschef seinerseits für die Überlassung der Kiewer Andreaskathedrale an das Ökumenische Patriarchat. Wörtlich fügte er hinzu: „Ich habe den Eindruck, dass wir heute einen historischen Tag für die bilateralen Beziehungen und für die Orthodoxie im allgemeinen erleben. Wir unterzeichnen eine bilaterale Übereinkunft der Koordination und Kooperation zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der Ukraine. Diese Übereinkunft wird die Zuerkennung des Tomos über die Autokephalie an die orthodoxe Kirche in der Ukraine beschleunigen“.

Diese, von den Ukrainern seit langer Zeit, „um nicht zu sagen, seit Jahrhunderten“, erwartete Autokephalie sei ein Recht der Ukraine, wie sie ein Recht der anderen Völker Osteuropas und des Balkans gewesen sei, die diese Autokephalie von der „Mutterkirche von Konstantinopel“ erhalten hätten, unterstrich Bartholomaios I. Auf Grund der heiligen Kanones sei es ein „ausschließliches Recht des Ökumenischen Patriarchats“, die Autokephalie zu verleihen, sobald dies angezeigt erscheine und die entsprechenden Bedingungen herangereift seien.

Wörtlich stellte der Ökumenische Patriarch fest: „Wir sind überzeugt, dass unsere Entscheidung das ukrainische Volk und die orthodoxen Gläubigen zu jener Einheit führen wird, die ihnen 30 Jahre hindurch vorenthalten war. Die neue autokephale Kirche wird fast alle orthodoxen Gläubigen der Ukraine um sich scharen“. Er hoffe, dass er bald noch einmal die „schöne und gastfreundliche“ Ukraine besuchen könne, sagte Bartholomaios I. abschließend.