Franziskaner aus Aleppo ist in tiefer Sorge über die Entwicklung in der Stadt

Aber P. Al-Sabagh sieht auch „Zeichen der Hoffnung“: Junge Leute aus der christlichen Gemeinschaft entschließen sich zur Ehe, Kinder werden geboren – Wirtschaftslage ist permanent schlecht – Fortsetzung der Gewalt ist Indikator dafür, dass es „auf internationaler Ebene keine Einigung über die Zukunft Syriens gibt“

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© KIRCHE IN NOT

Damaskus, 01.09.19 (poi) Eine neuerliche Verschlechterung der Situation in Aleppo in den Sommermonaten – vor dem jüngsten brüchigen Waffenstillstand für die Rebellenhochburg Idlib – hat der Pfarrer der Aleppiner Franziskanerkirche, P. Ibrahim Al-Sabagh, festgestellt. In einem Interview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ sagte der Franziskaner, die Situation sei „sehr schwierig“, täglich könne man die Explosionen von Geschossen hören, die auf verschiedene Bezirke der Stadt niedergehen. Alle Bewohner der einstigen Wirtschaftsmetropole seien in gleichem Maß von diesen Geschehnissen betroffen, es gebe keine „konfessionellen“ Unterschiede. Wörtlich sagte P. Ibrahim in diesem Zusammenhang: „Die Situation löst in der Bevölkerung Angst und Schrecken aus: Die Erinnerung an die schrecklichsten Tage der vergangenen Jahre kehrt zurück und lässt die Befürchtung aufkommen, dass es nie mehr eine Rückkehr in die Normalität geben wird.  Für die christliche Gemeinschaft bedeutet das, dass sich eine neue Welle von Familien, die bisher ausgehalten haben, jetzt doch die Entscheidung fällt, das Land definitiv zu verlassen“.

Für die Menschen, die bisher durchgehalten haben, bedeuten das Andauern des Konflikts und die ständige Instabilität eine große Belastung, so der Franziskaner: „Sie fühlen sich gehindert, wirklich wieder mit dem normalen Leben zu beginnen und an die Zukunft zu denken“. Dazu komme die extrem schwierige Wirtschaftslage. Der Strom falle immer wieder aus und das blockiere die Wiederaufnahme der gewerblichen oder industriellen Produktion. Die Inflation nehme zu, die Kaufkraft der Familien werde immer geringer. Die Komplexität der Situation schaffe ständig neue Bedürfnisse – nicht nur materieller Art. Dabei gehen die Hilfeleistungen von außen zurück, „die wahren Probleme beginnen, wenn die ständige Verlängerung der Krise einige Situationen ‚chronisch‘ macht“.

Insgesamt bestehe der Eindruck, dass die Fortsetzung der Gewalt in verschiedenen Teilen des Landes ein Indikator dafür ist, dass es auf internationaler Ebene keine Einigung über die Zukunft Syriens gibt, betont P. Ibrahim: „Alle Beteiligten wollen offenbar die Gewalt der Waffen sprechen lassen, nicht den Dialog. Die Zivilbevölkerung muss dafür den höchsten Preis bezahlen“.

Trotzdem sieht der Franziskaner Hoffnungszeichen. Im Sommer hat seine Pfarre ein „Oratorio“ (nach dem Vorbild der Jugendgruppen in italienischen Pfarren) für mehr als 300 Kinder durchgeführt, 50 Freiwillige, Lehrer, Katecheten, „unterschiedlich Begabte“ haben das möglich gemacht.  Ein sehr positives Signal sei auch, dass sich so viele junge Leute aus der christlichen Gemeinschaft „trotz Angst und Unsicherheit“ zur Ehe entschließen und neue Familien gründen. Auch die Zahl der Neugeborenen nehme zu, so P. Ibrahim: „Mit großer Freude begleiten wir die jungen Paare auf dem Weg zur Eheschließung und in den Jahren danach, wir begleiten die Familien mit kleinen Kindern, nicht nur im Hinblick auf die Taufe, sondern auch, was die ganz konkreten Bedürfnisse des Lebens betrifft“. Trotz des Ernstes der Lage bleibe die Hoffnung wach, weil für die Christen „die Antwort nicht in Entscheidungen der Menschen zu suchen ist, sondern im Vertrauen darauf, dass das Leben in der Hand Gottes ist“.

Die Trappistinnen bleiben

Eine ähnliche Auffassung vertritt in einem Beitrag der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „Aleteia“ die Trappisten-Nonne Sr. Marta Fagnani. Nach dem Märtyrertod der sieben Trappisten im algerischen Kloster Notre-Dame de l’Atlas war in der Gemeinschaft von Sr. Marta der Entschluss gefasst worden, auf den Spuren dieser Mitbrüder eine Niederlassung in einem islamisch dominierten Land zu gründen. Das Leben, der Glaube, die radikale Christusnachfolge der algerischen Trappisten hatte die Ordensfrauen zu diesem Entschluss motiviert. Zuerst war von Marokko oder Tunesien die Rede, dann fiel die Entscheidung für Syrien. Eigentlich sollte das Trappistinnenkloster in Aleppo entstehen, das war auf Grund der Ereignisse nicht möglich. Also begannen die Nonnen in Azeir, einem maronitisch geprägten Dorf an der Grenze zum Libanon, im Jahr 2012 mit dem Aufbau eines kleinen Klosters. Viele hätten ihnen damals geraten, nach Italien zurückzugehen, berichtete Sr. Marta, die aus Como stammt: „Aber konnten wir die Menschen in Syrien, die keine Möglichkeit zur Emigration haben, im Stich lassen – um dann womöglich zurückzukehren, wenn wieder Frieden eingekehrt ist, und schöne Worte über Gott, den Glauben, die Hoffnung zu verbreiten?“ Daher seien die Schwestern geblieben und hätten den „außerordentlichen Reichtum der Bewohner an Menschlichkeit und Glauben“ kennengelernt.  In Syrien hätten sie auch von Muslimen gute Aufnahme und Hilfe erfahren.

Wörtlich sagte die Ordensfrau: „Wir versuchen, realistisch zu sein, aber nicht ohne Hoffnung. Wir versuchen, das Mögliche zu tun, um unser kleines Kloster aufzubauen und den Leuten zu einer persönlichen Gottesbegegnung zu verhelfen“. Derzeit leben die Schwestern noch im künftigen Gästetrakt, der Aufbau stockt wegen der unsicheren Situation. Aber sie kümmern sich nicht nur um die Seelen, sondern auch um den Alltag ihrer Nachbarn. So ist es ihnen gelungen, gemeinsam mit einem syrischen Freund Wege zum Export der berühmten „Aleppiner Seife“ nach Italien aufzubauen: „Davon leben wir und zugleich schaffen wir Arbeitsmöglichkeiten“.