„Für das Leben der Welt“ – Orthodoxes Sozialschreiben mit klaren Positionen und einigen Überraschungen

PRO ORIENTE-Veranstaltung zum orthodoxen Sozialethos ab sofort im Internet als Video abrufbar

0
68
Foto: © KIRCHE IN NOT

Wien, 12.06.21 (poi) Im Jahr 2020 wurde das Sozialschreiben „Für das Leben der Welt“ veröffentlicht, das im Auftrag des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel erarbeitet und erschienen ist. In 82 Abschnitten werden zeitlose Grundfragen menschlichen Verhaltens und viele Herausforderungen der Gegenwart (und Zukunft) behandelt. Die Fribourger Ökumene-Expertin Prof. Barbara Hallensleben, der Wiener rumänisch-orthodoxe Theologe Prof. Ioan Moga und die Wiener katholische Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel haben das Dokument, das inzwischen in rund 15 Sprachen, darunter Deutsch, vorliegt, im Rahmen einer PRO ORIENTE-Tagung beleuchtet und im ökumenischen Gespräch Stärken und Schwächen herausgearbeitet. Die Online-Veranstaltung kann nun über den PRO ORIENTE YouTube-Kanal nachgesehen werden.

Doch was sind die wesentlichen Inhalte bzw. Aussagen des Dokuments? – Im Folgenden ein kleiner Überblick:

Ausdrücklich würdigt das Schreiben gesellschaftlichen Pluralismus. „Die Kirche muss in der Tat jene politischen Richtlinien und Gesetze unterstützen, die diesen Pluralismus am besten fördern“ heißt es wörtlich (§ 12). Pluralismus wird als Chance für das friedliche Miteinander betrachtet. Und so heißt es auch schon in Paragraf 10, dass „bürgerliche Ordnung, Freiheit, Menschenrechte und demokratische Realitäten“ als Segen gelten.

Eine Absage erteilt das Dokument jeglicher Form von kirchlichem Nationalismus. Für Christen sei es absolut verboten, aus der kulturellen, ethnischen oder nationalen Identität einen Götzen zu machen. So etwas wie einen christlichen Nationalismus könne es nicht geben (§ 11). Zugleich wendet sich das Dokument im gleichen Paragrafen aber auch gegen jede Form von Säkularismus, der die Religion in den Bereich des Privaten verbannen will. Das Dokument befürwortet eine „direkte(n) und stabile(n) Zusammenarbeit mit politischen und zivilen Behörden und Staatsorganen, wenn es darum geht, das Gemeinwohl zu fördern und den Werken der Nächstenliebe nachzugehen“ (§ 14). Klargestellt wird in diesem Kontext, dass der Kirche keine eigentliche politische Macht zukommt.

Sexualität und Gender-Diskussion

Ausführlich widmet sich das Dokument dem Kapitel über den „Lauf des menschlichen Lebens“, in dem u.a. Fragen der Sexualität bzw. aktuelle Moraldebatten aufgeführt werden. Gleich zu Beginn des Kapitels wird auch das Verbrechen sexuellen Missbrauchs angesprochen: „Kein Verbrechen gegen Gott ist schlimmer als der sexuelle Missbrauch von Kindern, und keines ist für das Gewissen der Kirche unerträglicher“, heißt es wörtlich (§ 16). Verdachtsfälle eines sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen müssen sofort den zivilen Behörden und nicht nur dem zuständigen Bischof angezeigt werden.

Auch die orthodoxe Kirche verteidigt das Ideal vorehelicher Enthaltsamkeit. Sie weist aber darauf hin, wie schwer das unter dem heutigen Verständnis von Sexualität sei, die „zu einer Konsumierungsstrategie oder einem Konsumprodukt geworden“ sei. In der Jugendpastoral solle daher nicht mit Verboten gearbeitet, sondern die Vision vom Körper als „Tempel des Heiligen Geistes“ herausgestellt werden (§ 18).

Zur laufenden Gender-Diskussion hält die Sozialerklärung fest, dass „bestimmte Forderungen und Bedürfnisse hetero-, homo-, bisexueller und anderer Identitäten (…) nicht einfach die Konsequenz einer privaten Entscheidung sind“ (§ 19). Niemand dürfe wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert oder gar verfolgt werden.

 

Christliche Lebensformen

Bedeutsam ist auch Paragraf 20, in dem von drei möglichen Lebensentscheidungen eines orthodoxen Christen die Rede ist: Ehe, Kloster oder Single. Alle drei Lebensformen seien zwar im Ausdruck unterschiedlich, werden aber im Wesentlichen als gleichwertig angesehen. Traditionell habe die Orthodoxie dazu tendiert, nur zwei Möglichkeiten – Ehe und Kloster – anzuerkennen, aber es wäre eine „tief greifende Vernachlässigung der pastoralen Verantwortung der Kirche“, nicht anzuerkennen, dass das ledige Leben infolge von kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen inzwischen erheblich zugenommen habe, wie es heißt.

Konfessions- und auch religionsverbindende Ehen werden aus orthodoxer Sicht gebilligt, wenn auch nicht empfohlen (§ 21). Kirchlich geschlossene Ehen sollen auf Lebenszeit dauern, doch ist bis zu zweimal ihre Auflösung möglich. Auf keinen Fall dürfen Geschiedene und Wiederverheiratete von den Sakramenten ausgeschlossen werden, heißt es – ein deutlicher Unterschied zur Katholischen Kirche, auch wenn hier längst ein Diskussionsprozess im Gange ist und die Praxis das Kirchenrecht teils bereits hinter sich gelassen hat.

Unterschiede zur katholischen Position gibt es auch bei „künstlichen“ Mitteln zur Geburtenregelung. Diese werden ausdrücklich zugelassen (§ 24). Dasselbe gilt für künstliche Befruchtung, doch dürfen dabei keine schon befruchteten Eizellen vernichtet werden.

Abtreibung und Euthanasie

Klar ist das Dokument hingegen in der Ablehnung jeder Form von Abtreibung: „Leben beginnt im Augenblick der Empfängnis. Der Anspruch eines Kindes auf unsere moralische Achtung ist also von diesem ersten Augenblick an unbedingt“, heißt es. Gleichzeitig wird betont, die Kirche müsse „jederzeit bereit sein (…), Frauen in Situationen unbeabsichtigter Schwangerschaft (…) zu Hilfe zu kommen (…), sowohl während als auch nach der Schwangerschaft“ (§ 25). Im Zusammenhang mit der Frage nach Versöhnung nach einer Abtreibung, die „objektiv immer eine Tragödie ist, die ein unschuldiges Menschenleben fordert“, wird betont, dass diese Wahrheit anerkannt werden müsse, „bevor vollständige Reue, Versöhnung und Heilung möglich sind“ (§ 25).

Das Dokument betont weiters die Gleichwürdigkeit von Mann und Frau. „Die Ungleichheit von Männern und Frauen in fast allen Lebensbereichen ist eine tragische Realität unserer gefallenen Welt“, heißt es wörtlich (§ 29). In diesem Sinne wird die Gleichwürdigkeit von Frauen in der Kirche verlangt und das Dienstamt für Frauen thematisiert. Die Orthodoxie wird aufgefordert, die altkirchliche Praxis des Diakonats für Frauen wieder ins Leben zu rufen (§ 30).
Ein anderes wichtiges Thema ist der Suizid. Hier wendet sich das Dokument von der Tradition ab, wonach in vielen orthodoxen Kirchen Menschen, die sich das Leben genommen haben, nicht kirchlich beigesetzt wurden (und werden). Es wird dazu aufgerufen, diesen Menschen eine kirchliche Bestattung nicht zu verwehren (§ 31). Aktive Sterbehilfe wird nicht direkt angesprochen, aber indirekt deutlich abgelehnt (ebenfalls § 31). Auch die Todesstrafe wird strikt abgelehnt.

Soziale Gerechtigkeit

Klare Ansagen macht das Dokument in jenem Kapitel, das dem Thema Armut bzw. sozialer Gerechtigkeit gewidmet ist. Von den Wohlhabenden wird verlangt, einen gerechten Markt zu gewährleisten, da „der Reiche, der seinen Reichtum nicht an die Bedürftigen verteilt“, als Dieb gilt (§ 34). Das Dokument fordert gerechte Löhne und eine gerechte Besteuerung. Reiche, die versuchen, Steuern zu umgehen, werden verurteilt (§ 35). „Lohnsklaverei“ wird scharf kritisiert (§ 36).

Bemerkenswert erscheint die Forderung des Dokuments nach einer humanen Arbeitspolitik, die auch illegalen Einwanderern eine menschenwürdige Existenz und einen Mindestlohn gewährleistet, damit diese nicht in eine moderne Sklaverei verfallen (§ 37).

Über Gesetze müsse zudem sichergestellt werden, „dass Unternehmen auch beim Aufbau von Einrichtungen in den Entwicklungsländern die gleichen Verhaltensstandards gegenüber der Arbeit einhalten müssen wie in der entwickelten Welt“ (§ 37). Mechanismen der Verschuldung, die Nationen und Einzelpersonen zu Verarmung führen, werden kritisiert und regelmäßige Schuldenschnitte verlangt, damit Nationen und Personen nicht zu Opfern skrupelloser Kreditinstitute werden (§ 39).

Weiters wird eine umfassende möglichst gute Gesundheitsversorgung für alle Bürger eines Landes verlangt. Ebenso wird die Verantwortung von reichen Nationen eingemahnt, die medizinischen Bedingungen für die Menschen überall zu verbessern (§ 40).

Gewalt und Krieg

Die Anwendung von Gewalt, auch militärischer, wird in dem Dokument zwar verurteilt, allerdings nicht in radikal pazifistischer Weise. Gewalt sei eine Folge von Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und müsse als Produkt und Ausdruck von dieser gesehen werden (§ 43). Sie wird zunächst klar verurteilt: „Die Orthodoxe Kirche kann Gewalt natürlich nicht gutheißen, weder als Selbstzweck noch als Mittel zur Erreichung eines anderen Ziels.“ Später heißt es bezüglich der Anwendung von militärischer Gewalt: „Die orthodoxe Kirche hat historisch nicht auf einer streng pazifistischen Antwort auf Krieg, Gewalt und Unterdrückung bestanden.“ Und: „Die Kirche hat den Gläubigen auch nicht verboten, im Militär oder bei der Polizei Dienst zu tun.“ Es wird aber auch klargestellt, die Orthodoxie habe – im Unterschied zur Katholischen Kirche – „nie irgendeine Theorie des gerechten Krieges entwickelt, die im Voraus und unter einer Reihe abstrakter Prinzipien versucht, die Anwendung von Gewalt durch einen Staat zu rechtfertigen und moralisch gutzuheißen“ (§ 46).

Religionsfreiheit, Ökumene, interreligiöser Dialog

Paragraf 64 beschäftigt sich mit Religionsfreiheit in all ihren Aspekten: Gewissens- und Glaubensfreiheit persönlich und in Gemeinschaft, das Recht auf privaten wie öffentlichen Gottesdienst und die religiöse Erziehung der Jugend durch die Kirche selbst. Die Zurückweisung säkularer Tendenzen, die Kirche aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, wird dann nochmals festgehalten (§ 80). In diesem und anderen Anliegen müssten heute alle Christen zusammenstehen.

Ökumene sei aber nicht nur ein Gebot in einer auf allen Gebieten zusammenwachsenden Welt. Es gehe zudem um die äußere Sichtbarmachung des inneren Mysteriums der „Einen Kirche Christi“. Daher dürfe die Suche nach gemeinsamer Glaubenswahrheit trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge nicht aufgegeben werden, ebenso dürfe man das Ziel sakramentaler Einheit nicht aus den Augen verlieren. Dabei könne die Einheit der Christen ganz wesentlich nur erbetet und erlitten werden (§ 50).

In Bezug zum Judentum wird betont: „Orthodoxe Christen betrachten die jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt nicht bloß als Anhänger eines anderen Glaubensbekenntnisses, sondern in gewisser Weise auch als ihre geistlichen Vorväter in der Geschichte von Gottes rettenden Offenbarungen und als die Hüter des kostbaren Erbes, das die erste vollständige Kundgabe der rettenden Gegenwart Gottes in der Geschichte ist“ (§ 57). Jegliche Art des Antisemitismus wird strikt verurteilt.

Im Blick auf den Islam werden Gemeinsamkeiten (z. B. die Lehre über die Jungfräulichkeit Mariens oder der Glaube an die Propheten) angeführt, zugleich freilich auch die zentralen Unterschiede festgehalten. Nichtsdestotrotz bekennt sich das Dokument zum Dialog. So heißt es wörtlich: „Obwohl die Orthodoxie mit dem Islam nicht übereinstimmen kann, insofern er die Inkarnation und Gott als Dreieinigkeit ablehnt, ist sie dennoch in der Lage, einen sinnvollen Dialog mit allen Teilen der islamischen Umma über das richtige Verständnis dieser zentralen christlichen Lehren zu führen“ (§ 56).

In ihrer Zusammenschau der nicht-christlichen Welt beschränkt sich das Dokument aber nicht auf die abrahamitischen Religionen. Bezüglich der „großen Philosophien und Glaubensrichtungen Indiens oder den Traditionen Chinas und des größeren Fernen Ostens oder den spirituellen Erfahrungen von Stammesvölkern in der ganzen Welt“ heißt es unter Bezug auf den Kirchenvater Justin, den Märtyrer: „Alles, was wahr und göttlich ist, ist uns willkommen, denn der Logos ist überall und leuchtet an allen Orten“ (§ 58).

Umwelt und Schöpfung

Für ein Dokument des Ökumenischen Patriarchats überraschend spärlich fallen die Passagen zum Thema „Umweltschutz/Schöpfung/Klimaschutz“ aus. Zumindest wird aber festgehalten: „Die Kirche ruft die Regierungen der Welt auf, nach Wegen zu suchen, um die Umweltwissenschaften durch Bildung und staatliche Subventionen für die Forschung zu fördern und zur Finanzierung von Technologien bereit zu sein, die dazu dienen können, die schrecklichen Auswirkungen von Kohlenstoffemissionen, Umweltverschmutzung und allen Formen der Umweltzerstörung umzukehren“ (§ 76).