Gaza: Die letzten Christen brauchen mehr Hilfe

Aktueller Bericht des Lateinischen Patriarchats zeigt vielfache Not - Jüngster Krieg hat Situation nochmals verschärft - Katholischer Pfarrer Romanelli: Vor 15 Jahren gab es im Gazastreifen noch 3.500 Christen, heute nur mehr 1.070

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Foto: © OneArmedMan (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Gaza-Stadt, 07.07.21 (poi) Vor 15 Jahren gab es in Gaza noch 3.500 Christen, unter ihnen gut 200 Katholiken. Nun sind es nur mehr ca. 1.070 Christen und die Zahl der Katholiken macht exakt 133 aus – inklusive eines neugeborenen Kindes. Das hat der örtliche katholische Pfarrer P. Gabriel Romanelli gegenüber dem Nachrichtendienst „asianews“ berichtet. Und diese Menschen bräuchten dringend mehr Hilfe; vor allem nach den jüngsten Kriegshandlungen zischen der Hamas und Israel im Mai. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem hervor. Dabei geht es um materielle und psychologische Hilfe.

Unter rund zwei Millionen Muslimen in Gaza sind die Christen – Katholiken und Orthodoxe – eine verschwindende Minderheit, wiewohl ihre Bedeutung ihre reine Zahl weit übersteigt. Im Gaza-Streifen gibt es beispielsweise drei katholische Schulen mit rund 1.800 Schülerinnen und Schülern, wobei die meisten Muslime sind. Dazu kommen u.a. ein Kindergarten und karitative Einrichtungen.

So betreiben etwa die seit den 1970er-Jahren im Gazastreifen tätigen Mutter-Teresa-Schwestern („Missionarinnen der Nächstenliebe“) ein Heim für behinderte Kinder sowie ein Senioren-Haus. Ein zweiter Frauenorden – die Rosenkranz-Schwestern (Rosary Sisters ) – ist vor allem im Bildungsbereich tätig. Laut Bericht des Patriarchats bräuchten die Schwestern dringend Hilfe, um die jüngsten kriegsbedingten Schäden an der Schule, dem Kindergarten und dem Kloster zu beheben.

Auch die Sonnenkollektoren auf dem Dach des katholischen Pfarrhauses von Gaza müssten repariert werden, heißt es. – Das ist kein alternativer Luxus, sondern meist die einzige Möglichkeit für die Pfarre, Strom zu erzeugen. Die öffentliche Stromversorgung in Gaza ist äußerst mangelhaft.

In dutzenden Wohnungen von Christen müssten ebenfalls größere und kleinere Kriegsschäden behoben werden, heißt es in dem Bericht weiter. Hier geht es u.a. auch um Sonnenkollektoren, um Wasserleitungen oder zerstörte Fenster. Nach den „qualvollen elf Tagen des Bombardements“ bräuchten viele Menschen zudem dringend psychologische Unterstützung, um ihre Traumata zu verarbeiten, hält das Lateinische Patriarchat fest.

Vor gut drei Wochen hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, Gaza einen medial viel beachteten Besuch abgestattet und zu mehr internationaler Hilfe für die letzten Christen von Gaza aufgerufen.

Eigentlich hätte der Orden der Grabesritter, der das Lateinische Patriarchat bei seinen Sozial- und Bildungsinitiativen massiv unterstützt, im Sommer einige Projekte in Gaza durchführen wollen; u.a. Renovierungsarbeiten an der Schule des Patriarchats und an weiteren kirchlichen Einrichtungen. Das werde nun aufgrund des Mangels an Baumaterial schwierig, wie es in dem Bericht des Patriarchats heißt. Auch eine Erweiterung des Heimes für behinderte Kinder der Mutter-Theresa-Schwestern müsse verschoben werden.

Es gibt zudem Bedenken hinsichtlich der Möglichkeit, Geld für humanitäre Projekte nach Gaza transferieren zu können, da vier Banken während der jüngsten Zusammenstöße zerstört wurden und die Verfügbarkeit von Bargeld in den verbleibenden Gaza-Banken zu einer ernsthaften Herausforderung wird.

Den verbliebenen Christen Mut machen

Angesichts dieser Schwierigkeiten ist Pfarrer Romanelli umso mehr gefordert. Er versuche, den verbliebenen Christen Mut zu machen, damit sie ihren Glauben und ihre Hoffnung nicht verlieren, so Romanelli gegenüber „asianews“. Der gebürtige Argentinier gehört der Ordensgemeinschaft „Verbo encarnado“ (Fleischgewordenes Wort) an, einer in seinem Heimatland Argentinien gegründeten Kongregation. Seit 1995 ist der Ordensmann im Orient tätig. Zuerst in Ägypten, dann in Jordanien, Israel und Palästina, die letzten zwei Jahre im Gazastreifen. Romanelli ist der einzige Argentinier in Gaza.

Die katastrophale medizinische Versorgung in Gaza verspüre er am eigenen Leib, so der Priester. Im September 2020 wurde ihm mitgeteilt, dass er einen bösartigen Tumor im Dickdarm habe. Nach der Operation musst er sich einer sechsmonatigen Chemotherapie unterziehen. Romanelli hatte Glück: Seine Behandlung war möglich. Doch nicht für alle Krebskranken sind die nötigen Medikamente in Gaza vorhanden bzw. Operationen möglich, so der Priester. Die Ausreise nach Israel oder Palästina werde den Menschen aber meist nicht gestattet.

Die katholische Pfarre „Zur Heiligen Familie“ in Gaza ging aus einer Missionsstation hervor, die der Südtiroler Priester und damalige Vize-Rektor des Österreichischen Pilger-Hospizes in Jerusalem, Georg Gatt, 1879 gegründet hat. Das Österreich-Hospiz gehört heute gemeinsam mit den Grabesrittern zu den wichtigsten Unterstützern der Pfarre.

Was heute kaum noch bekannt ist: Gaza hat eine große christliche Geschichte. Insbesondere war Gaza – mit seiner Umgebung – im ersten Jahrtausend eine der Hochburgen des Mönchtums. Die bedeutendste Kirche von Gaza ist die orthodoxe Porphyriuskathedrale. Das Grab des Heiligen Prophyrius, Bischof von Gaza im 5. Jahrhundert, ist im Inneren der Kathedrale zu finden.