Gedenken an den Märtyrer-Zaren Nikolaus II. coronabedingt heuer in kleinerem Rahmen

10.000 Gläubige bei der nächtlichen Prozession von Jekaterinburg zur Ganina Jama, dem Ort, wo die Leichen der Opfer verscharrt wurden

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Foto: © Santner (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Moskau, 18.07.20 (poi) Coronabedingt fand heuer die nächtliche Prozession im Gedenken an den 1918 in Jekaterinburg mit seinen Familienmitgliedern und Mitarbeitern ermordeten russischen Märtyrer-Zaren Nikolaus II. in kleinerem Rahmen statt. Am Abend des 16. Juli zelebrierte der Metropolit von Jekaterinburg, Kyrill (Nakonetschnyj), auf dem Platz vor der neuerrichteten „Kirche auf dem Blut“ (sie steht am Ort des Ipatjew-Hauses, wo die Kommunisten in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 die Zarenfamilie ermordeten), die Göttliche Liturgie, seine Konzelebranten waren mehrere Bischöfe aus dem Ural und der russisch-orthodoxe Bischof von Buenos Aires, Leonid (Gorbatschow). Im Anschluss begann die Gebetsprozession auf jener Strecke, über die im Juli 1918 die Leichen der Ermordeten zu einem aufgelassenen Bergwerk transportiert worden waren. Rund 10.000 Gläubige nahmen teil, die regionalen Behörden hatten ausdrücklich appelliert, sich nicht an der Prozession zu beteiligen, bei der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der orthodoxen Caritas (Miloserdie) und anderer Organisationen versuchten, auf die Einhaltung des Mindestabstands zu drängen. Vor zwei Jahren – beim 100-Jahr-Gedenken des Martyriums der Zarenfamilie – waren 100.000 Gläubige von Jekaterinburg zur Ganina Jama unterwegs gewesen. Bei der Ganina Jama steht heute ein Kloster, wo die Pilger mit dem Geläut der Glocken empfangen wurden. Das Kloster wurde im Jahre 2000 gegründet, es besteht aus sieben Holzkirchen, die von den Mönchen in eigener Arbeit nur mit Axt und Säge errichtet wurden. Die sieben Kirchen sind jeweils einem Mitglied der Zarenfamilie gewidmet. Metropolit Kyrill zelebrierte dort einen kurzen Gedenkgottesdienst (Moleben) und hielt eine Ansprache, in der er u.a. ausführte: „Wir hoffen auf Gott, dass er auf die Fürbitte der heiligen Märtyrer und Bekenner der Kirche unser Land bewahren und mit seinem himmlischen Schutz behüten möge. Wir hoffen, dass wir mit Gottes Hilfe ein christliches Leben führen und uns ein Beispiel an den Gerechten nehmen, wie der heilig gesprochenen königlichen Familie und ihren Gefährten sowie aller, die ihr Leben für die heilige Kirche und das Vaterland gegeben haben“.

Viele Gläubige blieben in der Gegend und besuchten anderntags die 130 Kilometer nordöstlich von Jekaterinburg gelegene Stadt Alapajewsk, wo am Nachmittag des 18. Juli die Schwester der Zarin (und Gründerin des Maria-Martha-Ordens), Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna, die Großfürsten Wladimir Pawlowitsch und Sergej Michailowitsch sowie die Brüder Iwan, Konstantin und Igor Romanow von der „Tscheka“ ermordet wurden. Mit den Angehörigen des Hauses Romanow starb auch die – ebenfalls heilig gesprochene – Nonne Barbara Jakowlewa. Ihrer wurde heuer im Hinblick auf den 140. Jahrestag ihrer Geburt besonders gedacht. Die vielsprachige junge Frau aus der Gegend von Twer stand zunächst im Dienst von Jelisaweta Fjodorowna (einer geborenen Prinzessin von Hessen-Darmstadt). Als ihre Dienstgeberin das karitativ tätige Kloster begründete, trat auch Barbara Jakowlewa ein. Auch im Kloster war die Nonne Barbara die engste Mitarbeiterin von Jelisaweta Fjodorowna. Als die Großherzogin im Mai 1918 von den Vertretern der „revolutionären Staatsmacht“ verhaftet und in Perm konfiniert wurde, bestand Barbara Jakowlewa darauf, sie zu begleiten. Trotz aller Versprechungen und Drohungen der neuen Autoritäten trennte sie sich auch nicht von Jelisaweta Fjodorowna, als die Großherzogin nach Jekaterinburg und von dort nach Alapajewsk transferiert wurde.

Das Mordkommando der „Tscheka“ stieß die Nonne am 18. Juli ebenso wie die Mitglieder der Zarenfamilie in einen Bergwerksschacht und warf Handgranaten nach. Nach den Berichten von Augen- und Ohrenzeugen war noch lang der Hymnengesang der Opfer zu hören, bevor eine Stimme nach der anderen verstummte. Die Leichen der Ermordeten wurden entdeckt, als die Truppen der „Weißen Armee“ von Admiral Aleksandr Koltschak die Gegend in Besitz nahmen. Die sterblichen Hüllen der Großfürstin und der Nonne Barbara wurden zunächst nach Tschita im östlichen Sibirien und von dort nach Peking transferiert, bevor sie – dem Wunsch der Gründerin des Maria-Martha-Ordens entsprechend – in Jerusalem in der russisch-orthodoxen Maria Magdalena-Kirche beigesetzt wurden.

Das Gedenken an die „königlichen Märtyrer“ (wie sie in Russland genannt werden) hatte heuer noch einen besonderen Akzent. Die Stadt Jekaterinburg trägt zwar seit 1991 wieder ihren alten Namen, die umliegende „Oblast“ (Provinz) heißt aber immer noch Swerdlowsk nach Jakow M. Swerdlow, der als für die Ermordung der Zarenfamilie verantwortlich angesehen wird. Daher gibt es intensive Bestrebungen, den Namen zu ändern. Diese Bestrebungen werden auch von Metropolit Kyrill unterstützt.

Swerdlow (1885-1919), Berufsrevolutionär und enger Mitstreiter Lenins, war der jüngere Bruder des berühmten französischen Generals Zinovi Pechkoff, der politisch einen ganz anderen Weg gehen sollte. Als Vorsitzender des Gesamtrussischen Zentralen Exekutivkomitees (russische Abkürzung: WZIK) wurde Swerdlow de facto das erste Staatsoberhaupt Sowjetrusslands. Das Exekutivkomitee wurde zwar schon in der Zeit der Russischen Republik im Juni 1917 gegründet, aber erst nach der Machtergreifung durch die „Mehrheitsfraktion“ (Bolschewiki) der Sozialdemokratischen Partei in der Oktoberrevolution erhielt es reale Macht. Als WKIZ-Vorsitzender unterzeichnete Swerdlow einen Ukas, der den Transfer der Zarenfamilie aus Tobolsk nach Moskau vorsah. Das ging auf einen, vom deutschen Botschafter Wilhelm von Mirbach überbrachten Wunsch von Kaiser Wilhelm II. zurück, der Wert auf eine Unterschrift des Zaren auf dem Brest-Litowsker „Siegfriedens“-Vertrag legte. Lenin berücksichtigte diese Forderung, und das deutsche Reichsschatzamt soll daraufhin im Juni 1918 insgesamt 43 Millionen Reichsmark (heutiger Wert 100 Millionen Euro) nach Moskau überwiesen haben. Mit dem Transfer der Zarenfamilie war der „Tscheka“-Kommissar Jakow M. Jurowskij beauftragt, der aber den Zug der Zarenfamilie nach Jekaterinburg umleitete und die Familie dort im Ipatjew-Haus festhielt. Über die weiteren Vorgänge und die Verantwortlichkeiten gehen die Versionen auseinander, es gibt die Version, dass Lenin selbst, ebenso wie regionale Parteifunktionäre und auch WKIZ-Funktionäre vorab über die Pläne zur Eliminierung der Zarenfamilie Bescheid wusste und zustimmte.