Gedenken an die Befreiung von Auschwitz: „Nein zur Gleichgültigkeit“

Papst Franziskus, Kardinal Schönborn, Bischof Scheuer am 27. Jänner: „Mit der Shoah“ wurde der Name des Ewigen geschändet“

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Foto: © Dnalor 01 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria/ Lizenz (CC-BY-SA 3.0))

Warschau-Vatikanstadt-Wien, 27.01.20 (poi) „Nein zur Gleichgültigkeit“ lautete die Botschaft der Überlebenden des NS-deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am Montag, dem 75. Gedenktag der Befreiung des Lagers durch sowjetische Soldaten. Mit den 200 Überlebenden versammelten sich die Repräsentanten von 60 Staaten und internationalen Organisationen unter einem weißen Zelt über den verrosteten Gleisen, die zur berüchtigten „Rampe“ führten, wo die Gefangenen in sofort zu Tötende und „Arbeitsfähige“ aufgeteilt wurden.  Die Gedenkveranstaltung wurde vom polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda eröffnet, der an die Hilfsmaßnahmen des polnischen Staates „im Untergrund“ für die von den deutschen Nationalsozialisten gejagten jüdischen Bürger erinnerte. Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung betete der Warschauer Rabbiner Dawid Wisnia, selbst ein „Überlebender“, das jüdische Totengebet „Kaddish“ für die Opfer, der Apostolische Nuntius in Warschau, Erzbischof Salvatore Pennacchio, sprach das christliche Totengebet. Die hitlerdeutsche Verwaltung hatte in der polnischen Stadt Oswiecim ein drei Abteilungen umfassendes Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet, in dem mehr als eine Million jüdischer Menschen, 75.000 Polen, 20.000 Russen und Angehörige vieler anderer Nationen getötet wurden.

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin erinnerte in Auschwitz daran, dass heute in Europa und aller Welt „wieder die Stimmen des Hasses“ zu hören seien, daher müsse kompromisslos gegen Antisemitismus und Rassismus gekämpft werden. Ausdrücklich hielt der israelische Präsident fest, dass Polen und das polnische Volk Opfer des Zweiten Weltkrieg gewesen seien, dass nationalsozialistische Deutschland habe den Genozid am jüdischen Volk begonnen und ausgeführt. Vor der Gedenkveranstaltung war Rivlin auch mit Duda zusammengetroffen und hatte ihm versichert, dass man in Israel der 7.000 als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannten Polen gedenke, die jüdische Menschen während der deutschen Besatzung gerettet hatten.

Der Heilige Stuhl wurde am Montag in Auschwitz offiziell von Kardinal Zenon Grocholewski vertreten. Kardinal Grocholewski hob in einem Interview mit der italienischen katholischen Agentur „ACI Stampa“ die besondere Bedeutung von Auschwitz hervor. Ursprünglich hätten  die Deutschen nach der Besetzung Polens im Mai 1940 dort ein Lager für 30.000 polnische Gefangene errichtet. Ab 1941 habe das zunächst für die Frauen bestimmte Nebenlager Auschwitz II in Brzezinka (das die Deutschen in Birkenau umbenannten) bestanden. Ab 1942 sei Auschwitz dann im Dienst der „Endlösung“ gestanden, von diesem Zeitpunkt an hätten die deutschen Henker innerhalb von 24 Stunden jeweils 9.000 Personen in den Gaskammern ermordet und deren Leichen dann in den Krematorien verbrannt. Der polnische Kardinal schätzt die Gesamtzahl der Opfer des NS-deutschen Lagersystems, das sich über weite Teile vor allem des östlichen Europa erstreckte, auf elf Millionen Menschen. Auschwitz sei zum Symbol „des Verbrechens gegen die Menschheit“ geworden, weil es das größte von den Deutschen auf polnischem Territorium errichtete Konzentrations- und Vernichtungslager war.

Im Interview betonte Kardinal Grocholewski, dass er bei seinem Besuch in Auschwitz vor allem über das „Geheimnis des Bösen“ (mysterium iniquitatis) nachdenken müsse: „Wie kann der Mensch sich selbst so erniedrigen, dass er zu solchen ungeheuerlichen Taten fähig wird, die kalten Blutes und vorbedacht begangen wurden?“ Man müsse sich zugleich daran erinnern, dass es sich nicht um Einzelfälle gehandelt habe, sondern um „ungezählte Individuen“, die an völlig schuldlosen Personen ungeheuerliche Grausamkeiten verübten und dass diese Bestialität nicht auf Auschwitz beschränkt, sondern weiter verbreitet war. Man müsse sich bewusst werden, dass die Grundlage all dessen eine gottfeindliche Ideologie war, auch eine andere gottlose Ideologie, die marxistisch-leninistische, habe ähnliche Grausamkeiten verursacht. Wörtlich meinte der Kardinal: „Wenn der Mensch Gott, die objektive Wahrheit, ausschließt, macht er sich selbst zur Quelle der Wahrheit und öffnet damit den Weg für schreckliche Untaten, Ungerechtigkeiten und die Verachtung der menschlichen Person“.

 

Papst mahnte zur Stille

Papst Franziskus hat am Montag zu einem Moment der Stille gemahnt. Das Gedenken helfe, „nicht gleichgültig zu werden“, schrieb der Papst am Montag auf Twitter. Und weiter: „Wenn wir die Erinnerung verlieren, machen wir die Zukunft zunichte“. Bereits bei seinem Mittagsgebet am Sonntag hatte der Papst die Katholiken in aller Welt für den 27. Jänner zum Innehalten und zum Gebet aufgerufen. Angesichts der „ungeheuren Tragödie“ der Shoah sei „Gleichgültigkeit nicht statthaft und Erinnerung eine Pflicht“. Auschwitz sei das „Symbol der Shoah“, sagte er auf dem Petersplatz: „Jeder möge in seinem Herzen sagen: Nie wieder! Nie wieder!“, wandte sich der Papst an seine Zuhörer. Franziskus hatte die Gedenkstätte auf dem Gelände des einstigen NS-Konzentrationslagers Auschwitz 2016 besucht.

 

Schönborn: „Christen können nicht Antisemiten sein“

„Nie dürfen wir das unvorstellbare Leid vergessen, das unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan wurde“: Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Montag auf Twitter im Hinblick auf den 75. Jahrestag der Befreiung des NS-deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. „Auch nach 75 Jahren bleibt die Frage aktuell: Wie konnte so etwas mitten unter uns geschehen?“, schrieb der Wiener Erzbischof. Der Kardinal bekräftigte auch einmal mehr: „Christen können nicht Antisemiten sein“.

 

Scheuer : „Zu wenig Gerechte“

Der Linzer Bischof Manfred Scheuer hat eindringlich vor einer „steigenden Tendenz der Verharmlosung oder gar Leugnung“ der schrecklichen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes gegen jüdische und slawische Menschen gewarnt. „Verachtung und Hass entwickeln sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen – durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation“, mahnte der Linzer Diözesanbischof am Montag in einer Stellungnahme zum Gedenktag der Befreiung des NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Es sei keine Option zu sagen „Vergessen wir’s und Schluss damit“, betonte Scheuer, denn: „Das Vergessene kommt unversehens, unerkannt zurück“.

Die Verbrechen in den NS-Konzentrationslagern wie auch die Ereignisse in deren Umfeld machten heute „fassungslos“, schrieb der Linzer Bischof. „Wie konnte es dazu kommen? Warum haben so wenige Menschen sich zur Wehr gesetzt, als ihre jüdischen Nachbarn verfolgt und verschleppt wurden?“ Für Christen komme auch das Eingedenken in die eigene Verstrickung in Schuldzusammenhänge des Antisemitismus hinzu. Über Jahrhunderte tradierte antijüdische Sterotypen in der christlichen Theologie hätten einst zu einem „Gefühl der Selbstgerechtigkeit“ beigetragen sowie zu einer „Mentalität, die sich vor der notwendigen Solidarität mit den ausgegrenzten und nach und nach auch dem Tod preisgegebenen Opfern des nationalsozialistischen Regimes drückte“.

Scheuer weiter: „Das Bewusstsein der Glaubenssolidarität der Christen mit den Juden war nicht oder viel zu wenig vorhanden. Und es gab zu wenig, viel zu wenig Gerechte. Politische Naivität, Angst, eine fehlgeleitete Theologie, die über Jahrhunderte hinweg die Verachtung des jüdischen Volkes gelehrt hatte, und mangelnde Liebe haben viele Christen damals veranlasst, gegenüber dem Unrecht und der Gewalt zu schweigen, die jüdischen Menschen in unserem Land angetan wurden“. Mit der Synagogen-Zerstörung und der Shoah sei der Name Gottes, zu dem sich Christen und Juden gemeinsam bekennen, „geschändet“ worden – was jedoch viele Christen damals gar nicht wahrgenommen hätten.

Wörtlich heißt es in der Erklärung von Bischof Scheuer zum Gedenktag am 27. Jänner: „Fassungslos blicken wir heute auf die Ereignisse bzw. an die Verbrechen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zurück. Wie konnte es dazu kommen? Warum haben so wenige Menschen sich zur Wehr gesetzt, als ihre jüdischen Nachbarn verfolgt und verschleppt wurden? Als christliche Kirche warnen wir vor wachsendem Hass bzw. Antisemitismus und prangern wir die steigende Tendenz an, die Ereignisse des Shoah zu verharmlosen oder gar zu leugnen. Verachtung und Hass entwickeln sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen – durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation. An diesem Tag des Gedenkens bringen wir für die Opfer dieses schrecklichsten Verbrechens Respekt und Trauer zum Ausdruck. Es war Johann Baptist Metz, der für eine Theologie ‚nach‘ Auschwitz, d. h. im Angesicht der Opfer der Shoah eintrat. Metz plädiert für eine moralische Auffassung von Tradition, die nur dann Maßstäbe für das eigene Handeln aus der Geschichte gewinnt, wenn sie sich der katastrophischen Dimension der Geschichte stellt. Für diese Auffassung von Tradition ist es entscheidend, dass sich der Erinnernde in ein moralisches Verhältnis zum Erinnerten setzt, also den neutralen Standpunkt distanzierend verfahrender, am Objektivitätsideal orientierter Geschichtsforschung überwindet“.

Der 27. Jänner sei für Christen verbunden mit dem Eingedenken „in die Verstrickung in Schuldzusammenhänge des Antisemitismus“, so Bischof Scheuer: „Die Jahrhunderte lang tradierten antijüdischen Stereotypen in der christlichen Theologie, v. a. die Anklage des Gottesmordes trugen zum Gefühl der Selbstgerechtigkeit der Christen bei, trugen bei den Christen zu einer Mentalität bei, die sich vor der notwendigen Solidarität mit den ausgegrenzten und nach und nach auch dem Tod preisgegebenen Opfern des nationalsozialistischen Regimes drückte. Das Bewusstsein der Glaubenssolidarität der Christen mit den Juden war nicht oder viel zu wenig vorhanden. Und es gab zu wenig, viel zu wenig Gerechte. Politische Naivität, Angst, eine fehlgeleitete Theologie, die über Jahrhunderte hinweg die Verachtung des jüdischen Volkes gelehrt hatte, und mangelnde Liebe haben viele Christen damals veranlasst, gegenüber dem Unrecht und der Gewalt zu schweigen, die jüdischen Menschen in unserem Land angetan wurden. Wir Christen bekennen mit dem jüdischen Volk den Gott Israels. Wir erkennen heute beschämt, dass mit der Zerstörung der Synagogen, dass mit der Shoah der Name des Ewigen geschändet wurde, ohne dass viele unserer Vorfahren im Glauben dies gespürt hätten. Biblisch gesprochen wird ‚Gottes Augapfel‘ überall dort angetastet, wo sein auserwähltes Volk bedroht und verfolgt wird (vgl. Sach 2,12)“.

Bischof Scheuer zitierte das Klagegebet des Aachener Bischofs Klaus Hemmerle (1929-1994), das 1988 – für den 50. Jahrestag der Pogrom-Nacht des Jahres 1938 – geschrieben wurde: „Man hat meinem Gott das Haus angezündet und die Meinen haben es getan. Man hat es denen

weggenommen, die mir den Namen meines Gottes schenkten – und die Meinen haben es getan. Man hat ihnen ihr eigenes Haus weggenommen – und die Meinen haben es getan. Man hat ihnen ihr Hab und Gut, ihre Ehre, ihren Namen weggenommen – und die Meinen haben es getan. Man hat ihnen das Leben weggenommen – und die Meinen haben es getan. Die den Namen desselben Gottes anrufen, haben dazu geschwiegen – ja, die Meinen haben es getan. Man sagt: Vergessen wir’s und Schluss damit. Das Vergessene kommt unversehens, unerkannt zurück. Wie soll Schluss sein mit dem, was man vergisst? Soll ich sagen: Die Meinen waren es, nicht ich? – Nein, die Meinen haben so getan. Was soll ich sagen? Gott sei mir gnädig! Was soll ich sagen? Bewahre in mir Deinen Namen, bewahre in mir ihren Namen, bewahre in mir ihr Gedenken, bewahre in mir meine Scham: Gott sei mir gnädig“.

Abschließend stellte der Linzer Bischof fest: „Wir tragen unsere Ehrfurcht vor den Opfern, unseren Schmerz über das bis dahin unausdenkbare Leid, das dem jüdischen Volk angetan wurde, unsere Klage und unsere Hoffnung, dass nicht die Täter, sondern die Opfer und deren Würde das letzte Wort in der Geschichte haben, vor Gott den Richter menschlicher Geschichte“.