Geflüchtete christliche Familien kehren nach Mosul zurück

Muslimische Jugendliche engagieren sich bei der Reinigung und Wiederherstellung von Kirchen in der Tigris-Metropole

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Foto: © Doug (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Bagdad, 12.11.20 (poi)  Hundert Familien christlicher Flüchtlinge kehren in die Stadt Mosul zurück. Wie die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ berichtet, wurde die Rückkehr einer großen Gruppe von christlichen Flüchtlingen am Mittwoch, 11. November, vom Gouverneur der Provinz Ninive, Najim al-Jubouri, bestätigt. Die Christen waren zwischen Juni und August 2014 aus ihren Häusern geflohen, als Mosul (und ein Großteil der Provinz Ninive) unter die Kontrolle der IS-Terroristen geraten waren. Die vertriebenen Christen hatten größtenteils in der autonomen kurdischen Region des Irak und dessen Hauptstadt Erbil Aufnahme gefunden.  Bereits im September 2017, wenige Wochen nach der endgültigen Befreiung Mosuls aus der Hand der Dschihadisten, hatten die Behörden die Rückkehr von christlichen Flüchtlingsfamilien angekündigt. Die jetzt erfolgte Rückkehr christlicher Familien nach Mosul sei ein beruhigendes Signal, auch wenn die Zahl der Christen, die nach dem massiven Exodus wieder in ihre historischen Herkunftsgebiete zurückkehren wollen, relativ gering bleibe. Die meisten Familien, die während der Jahre der dschihadistischen Herrschaft zur Flucht gezwungen wurden, scheinen nicht zurückkehren zu wollen, nachdem sie eine neue Unterkunft in Erbil oder in der kurdischen Region gefunden haben oder nachdem es ihnen gelungen ist, ins Ausland auszuwandern.

Nach der Befreiung von Mosul hatte es zunächst Gerüchte gegeben, dass Christen nicht zurückkehren könnten (auch vor der Machtergreifung der IS-Terroristen war die Situation der Christen in der Tigris-Metropole seit dem Einmarsch der US-Amerikaner schwierig gewesen, wie mehrere dramatische Zwischenfälle – so das Martyrium des chaldäisch-katholischen Erzbischofs Paulos Faraj Rahho im Februar 2008 – bewiesen). Nach Angaben der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ gibt es aber jetzt „hoffnungsvolle Signale“ für ein neues Miteinander von jungen Muslimen und Christen. Es gebe schöne Beispiele dieses Miteinanders, stellte der Pfarrer von Karamles, P. Paulos Thabet Mekko, fest. Er nannte u.a. die Initiative „Sawajed al-Museliya“, in deren Rahmen junge Muslime bei der Reinigung und Instandsetzung der Kirchen nach der Verwüstung durch die IS-Terroristen Hand anlegen. Solche Initiativen seien „ein Zeichen des positiven Geistes, der jetzt in der Bevölkerung vorherrschend“ sei.

Die jungen Muslime seien bei der Reinigung und Wiedereinrichtung der Kirchen initiativ, weil sie überzeugt sind, dass das „der Rückkehr der Christen in die Region dienlich ist“, so P. Thabet Mekko. Es handle sich um kleine Gruppen von jungen Leuten voll guten Willens. Derzeit seien muslimische Jugendliche bei den Arbeiten zur Wiederherstellung der chaldäisch-katholischen Kathedrale von Mosul engagiert. Solche Initiativen zeigten, dass es eine Änderung der Mentalität gebe, das könne auch andere einladen, sich auf dem Weg des Dialogs zu engagieren.

Auch in der syrisch-katholischen Thomaskirche in Mosul seien die muslimischen Jugendlichen besonders aktiv gewesen. Ihre Arbeit sei eine Botschaft an die Christen: „Kommt zurück, ohne euch ist Mosul nicht vollständig“, so Mohammed Essam, einer der Mitbegründer der Jugendgruppe: „Wir möchten zum Ausdruck bringen, dass die Christen hierher gehören. Sie haben hier eine so reiche Geschichte“. P. Thabet Mekko ist überzeugt, dass der Prozess des Wiederaufbaus in der Tigris-Metropole mit den jungen Leuten beginnt, die seit der Befreiung von Mosul so viele Initiativen in Gang gesetzt haben. Auch die Corona-Pandemie habe zur Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen muslimischen und christlichen Gruppen beigetragen, die sich „dafür einsetzen, dass es Räume für die Quarantäne gibt und dass der Nachschub von Lebensmitteln und Medikamenten nicht aussetzt“.

Das Berufungsgericht von Dohuk in der autonomen kurdischen Region des Irak rollt inzwischen das Gerichtsverfahren wegen der illegalen Aneignung von Grundstücken und Gebäuden christlicher Eigentümer, insbesondere im Nahla-Tal, wieder auf. Das Berufungsgericht hatte den Urteilsspruch einer niedrigeren Instanz aufgehoben. Der Fall sei fahrlässig und unangemessen behandelt worden, ohne den Eigentumstitel der umstrittenen Immobilie angemessen zu prüfen. Aus den Dokumenten geht hervor, dass der umstrittene Grundbesitz und die dazugehörigen Immobilien 117 christlichen Bauern und deren Familien gehören, die in den letzten Jahren illegal von kurdischen Landbesitzern vertrieben worden waren. Bei den christlichen Bauern handelte es sich um Angehörige der chaldäisch-katholischen, der syrisch-katholischen und der assyrisch-orthodoxen Kirche.

Die groß angelegte missbräuchliche Aneignung von Grundstücken und Immobilien christlicher Familien in der kurdischen Region des Irak wurde seit 2016 von verschiedenen Seiten angeprangert. Für die illegalen Enteignungen waren kurdische Großfamilien verantwortlich. Bereits zu dieser Zeit waren allein im Gebiet von Dohuk insgesamt 56 Dörfer betroffen. Die Christen hatten das Gebiet seit den 1980er-Jahren verlassen, um den Konflikten zwischen irakischen Zentralbehörden und regionalen Autoritäten zu entgehen, aber auch zwischen örtlichen ethnisch oder religiös konnotierten Gruppierungen. Anfang Oktober hatten die zuständigen Behörden der autonomen kurdischen Region die Einrichtung einer Ad-hoc-Kommission angeordnet, die für die Überprüfung, Dokumentation und strafrechtliche Verfolgung der systematischen illegalen Enteignung von Grund- und Immobilienbesitz christlicher Eigentümer zuständig ist.