Georgien: Ombudsfrau erhält Zugang zu umstrittenem orthodoxem Waisenhaus

0
33
Foto: © Patriarch_ILIA_II_of_Georgia.jpg (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

1. Juli 2021 (NÖK) Nach einer wochenlangen Kontroverse um das kirchliche Waisenhaus von Ninotsminda hat die georgische Ombudsfrau Nino Lomjaria Zugang zur Institution erhalten. Ihre Mitarbeitenden waren im April und Mai zweimal an einem Besuch gehindert worden, zuletzt hatten 2018 Kontrolleure ihres Büros das Waisenhaus betreten können. Zusammen mit Berichten über Missbrauch und allgemein schlechte Bedingungen in der Institution, die der Georgischen Orthodoxen Kirche (GOK) untersteht, hatte dies zu öffentlichen Protesten geführt.

Am 28. Juni 2021 konnte Lomjaria das Waisenhaus in Begleitung von dessen neuem Leiter, Bischof Jakob (Iakobaschwili) von Bodbe, mehrere Stunden besuchen. Im Anschluss erklärte sie gegenüber Medien, es sei darum gegangen, die Kinder kennenzulernen, die bisher kaum Gutes über sie gehört hätten. Der gemeinsame Besuch sollte die Situation entspannen und Vertrauen aufbauen. Außerdem habe sie Unterlagen des Waisenhauses begutachtet und einige Empfehlungen abgegeben. Die Bereitschaft, alle Empfehlungen zu berücksichtigen, sei umfassend, sie habe einen „vollständigen Willen zu Kooperation gesehen“. Die Besuche sollen fortgesetzt werden, da es „noch viel zu tun gibt“.

Bischof Jakob bestätigte, dass die GOK die Empfehlungen der Ombudsfrau, der Regierung, EU und von UNICEF beherzigen wolle. So solle das Waisenhaus im südgeorgischen Ninotsminda zu einer „beispielhaften“ Einrichtung werden. Die „Tür ist offen“, fügte er hinzu, alle Probleme würden gelöst werden. Nach Monaten der Anspannung hat sich die Situation laut dem neuen Leiter bereits verbessert. Die Leitung werde kein Kind zum Bleiben zwingen, versprach der Bischof. Zudem sagte er, er habe bereits rund zwei Dutzend Angestellte entlassen und werde auch allen übrigen kündigen, falls ihnen Misshandlungen vorgeworfen würden.

Auf den gemeinsamen Besuch hatten sich die Ombudsfrau und der Bischof kurz nach dessen Ernennung zum neuen Leiter des Waisenhauses geeinigt. Bei dem Treffen am 17. Juni vereinbarten sie auch, dass das Sozialamt seine Beurteilung der Bedürfnisse der Kinder fortsetzen und entscheiden werde, ob sie umplatziert werden oder nicht. Einig sei man sich auch darüber, dass große Pflegeheime für Kinder ungeeignet seien, sagte Lomjaria nach dem Treffen. Laut Bischof Jakob plant die GOK nun, die Einrichtung in eine Kindertagesstätte umzuwandeln, in der die Anzahl Kinder pro Haus begrenzt sein werde und die internationalen Standards entspreche.

Bischof Jakob war am 14. Juni von Patriarch Ilia zum Leiter des Waisenhauses bestimmt worden und ersetzte den höchst umstrittenen Bischof Spiridon (Abuladze) von Schalta. Dieser hatte die Institution während 17 Jahren geleitet und sie laut der GOK auf eigenen Wunsch verlassen. Jakob gewährte noch am Tag seiner Ernennung den Medien Zutritt zum Waisenhaus. Er selbst ist jedoch wegen seiner politischen Aussagen keineswegs unumstritten. So kritisierte er erst kürzlich den früheren Premierminister sowie Ex-Präsident Mikheil Saakaschwili und kündigte an, sich nötigenfalls selbst in der Politik zu engagieren. In einem früheren Kommentar zur Kontroverse um das Ninotsminda-Waisenhaus hatte er Körperstrafen entschuldigt.

Neben den Missbrauchsvorwürfen von früheren Bewohnern hatten vier Gerichtsverfahren gegen die Institution wegen Gewalt gegen Kinder und Vergewaltigung, die aufgrund mangelnder Beweise eingestellt worden waren, für öffentliche Empörung gesorgt. Nachdem sie Anfang Juni Zutritt zur Institution erhalten hatte, platzierte die staatliche Fürsorge eine Reihe Kinder um. Von den 57 Kindern befinden sich laut jüngsten Berichten noch 15 dort. Nino Lomjaria kündigte eine mögliche weitere Untersuchung in mehreren Fällen von vermuteter Misshandlung an. Die Leiterin des Sozialdienstprogramms der UNICEF in Georgien, Tinatin Tsertsvadze, sprach sich für einen Umzug der verbliebenen Kinder aus. In Georgien lebten rund 900 Kinder in großen Pflegeheimen, aber diese großen Einrichtungen seien keine „sichere Umgebung für ein Kind“, erklärte sie. Seit 2005 würden große Waisenhäuser geschlossen, aber der Prozess sei noch nicht vollendet.