Georgien: Vor 30 Jahren fühlten sich Orthodoxe und Katholiken geeint

Die Unterdrückung der Großdemonstration in Tiflis am 9. April 1989 war ein Fanal für die Auflösung der Sowjetunion

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Foto: © Rabanus Flavus (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Tiflis, 10.04.19 (poi) Vor 30 Jahren – am 8./9. April 1989 – fand in der georgischen Hauptstadt Tiflis (Tbilisi) eine friedliche Großdemonstration statt, die von den Sicherheitskräften blutig unterdrückt wurde und zu einem Fanal der Auflösung der Sowjetunion werden sollte. Die italienische katholische Nachrichtenagentur ACI hat jetzt an die kirchlichen Aspekte dieses historischen Ereignisses erinnert. Unter den Demonstranten war damals auch der georgisch-orthodoxe Katholikos-Patriarch Ilia (Elias) II. Viele Demonstranten flüchteten auch in die katholische Peter-Paul-Kathedrale, die einzige katholische Kirche, die auch während der kommunistischen Herrschaft in der georgischen Hauptstadt offen blieb (in Österreich wurde die Kirche bekannt, weil der damalige österreichische Bundeskanzler Josef Klaus in den 1960er-Jahren bei seinem Besuch in der Sowjetunion darauf bestand, am Sonntag in Tiflis die Heilige Messe mitfeiern zu können). Laut ACI habe sich 1989 in Tiflis – wo die Beziehungen zwischen orthodoxer und katholischer Kirche bis heute gespannt sind, wie sich auch beim Besuch von Papst Franziskus im Oktober 2016 zeigte – eine „Ökumene des Zeugnisses und des Blutes“ gezeigt. Orthodoxe und Katholiken hätten sich damals geeint gefühlt.

Patriarch Ilia II. hatte damals, am 8./9. April 1989, als er sah, dass sich die Situation zuspitzte, die Demonstranten aufgerufen, in der Kaschweti-Kirche (einem eindrucksvollen Bau aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ohne Einflüsse des Jugendstils) Zuflucht zu suchen. Trotzdem endete der Einsatz der Sicherheitskräfte mit 21 Toten und Hunderten Verletzten. Aber in der dramatischen Situation vor dem Parlament und am Rustaveli-Boulevard hätten sich damals alle – über die konfessionellen Grenzen hinweg – geeint gefühlt, so ACI.

ACI zitierte den georgischen Diplomaten Archil Gegeschidze, der heute Exekutivdirektor der Mikeladze-Stiftung ist: „Die Ereignisse des 9. April 1989 waren ein Schock und ein ‚Augenblick der Wahrheit‘, der Konsequenzen nicht nur für Georgien gehabt hat“. Die Großdemonstration in Tiflis und ihre blutige Unterdrückung habe in Georgien und im „ganzen postsowjetischen Raum tiefe Spuren hinterlassen“. Das hing auch damit zusammen, dass die Repression am 9. April 1989 im Zeichen der „Glasnost“ Gegenstand einer Untersuchung durch die sogenannte „Sobtschak-Kommission“ wurde. Deren Erkenntnisse hatten unionsweite Konsequenzen im Bereich der Sicherheitskräfte: Kein sowjetischer Soldat oder Milizionär war mehr bereit, Befehle zu akzeptieren, ohne dass die Verantwortung der „Befehlskette“ klar definiert war. Es kristallisierte sich heraus, was im Militär und bei der Miliz als „Tbilisi-Syndrom“ bezeichnet wurde.

Unter den Demonstranten von 1989 war auch Giorgi Tschomelidze, der heute Sekretär von Bischof Giuseppe Pasotto ist, dem Apostolischen Administrator für die katholischen Gemeinden in Georgien. Im Gespräch mit ACI sagte der damalige Gymnasiast Tschomelidze, die jungen Leute seien 1989 voll Enthusiasmus „für die Freiheit und gegen das kommunistische Regime“ gewesen. Der Funke für die Demonstration sei die Entscheidung der Armee (in deren Reihen viele Azerbaidschaner waren) gewesen, das Höhlenkloster David Gareja als Schießplatz zu missbrauchen. Die jungen Leute hätten „Freiheit und Unabhängigkeit“ verlangt, wie in einer Kettenreaktion habe sich dieser Slogan dann auch in andere Sowjetrepubliken verbreitet.

In der Nacht vom 8. zum 9. April suchten die Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt die Demonstranten aus dem Stadtzentrum zu vertreiben, am Morgen des 9. April wurden dann 21 Tote gezählt. Aber die Demonstranten hätten sich nicht geschlagen gegeben, am 9. April wurden am Rustaveli-Boulevard an jenen Stellen, wo junge Menschen getötet worden waren, unzählige Blumengebinde niedergelegt. In den wenigen Kirchen, die noch geöffnet waren – darunter auch die katholischen Peter-Paul-Kathedrale – wurde für die Opfer gebetet. Der 9. April sei heute in Georgien „Tag der nationalen Einheit“, weil der Oberste Sowjet in Tiflis am 9. April 1991 die Unabhängigkeit Georgiens proklamiert habe.

Der 9. April 1989 hatte eine Vorgeschichte. Am 18. März 1989 hatte es in Suchumi, der Hauptstadt Abchasiens, eine Großdemonstration gegeben, bei der mehr als 30.000 Teilnehmende den Austritt Abchasiens aus dem georgischen Staatsverband und den Wiederaufbau der Sowjetrepublik Abchasien forderten, wie sie vor 1931 bestanden hatte (Abchasien wurde auf Befehl Stalins in Georgien „integriert“, bis 1950 gab es eine massive „Georgisierungspolitik“ in dem kleinen Land). Die Manifestation in Suchumi löste in Tiflis eine Welle der Proteste aus, die schließlich zur Massendemonstration für die Unabhängigkeit Georgiens wurde. Diese Protestbewegung erreichte einen ersten Höhepunkt am 5. April 1989, als sich Zehntausende Demonstranten, darunter Studierende, vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis versammelten und beinahe Hundert Aktivisten einen Hungerstreik ankündigten. Die Demonstranten (unter der Führung von u.a. Swiad Gamsachurdia) forderten Gegenmaßnahmen zum abchasischen „Separatismus“ und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Georgiens. Die sowjetischen Behörden verloren die Kontrolle über die prekäre Situation. Jumber Patiaschwili, der Generalsekretär der georgischen Kommunistischen Partei, forderte den Einsatz von Spezialtruppen an.