Grazer Theologe Prof. Groen: Eindringliches Plädoyer für gemeinsames Osterdatum

Ökumene-Experte bei PRO ORIENTE-Sektion Graz Veranstaltung über Chancen und Hindernisse auf dem Weg zu einem gemeinsamen Osterdatum aller Christen - "In der Ökumene gehe es nicht um ein Gewinnen oder Verlieren"

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain/United States public domain

Graz, 24.06.21 (poi) Ein eindringliches Plädoyer für ein gemeinsames Osterdatum aller Kirchen hat der Grazer Ökumene-Experte Prof. Basilius Jacobus Bert Groen gehalten. Zugleich zeigte er sich freilich realistisch, dass es dazu in absehbarer Zeit wohl nicht kommen wird. In einem Online-Vortrag erläuterte Groen die aktuelle Osterdatum-Debatte, wog Chancen und Hindernisse ab und plädierte persönlich für die Umsetzung des sogenannten „Aleppo-Modells“ für ein gemeinsames Osterfest von Ost und West. Zu dem Vortrag hatte die Grazer PRO ORIENTE-Sektion geladen.

Ein gemeinsamer Osterzyklus würde positiv bedeuten, „dass die östliche und die westliche Christenheit ihre liturgischen theologischen Schätze und ihre beeindruckenden Gottesdienste während der Großen Fastenzeit, der Karwoche, Ostern und der fünfzig Tage bis Pfingsten besser teilen können“, so Groen. Zudem wäre dies auch für gemischt-konfessionelle Familien ein enormer Fortschritt, damit nicht die einen schon Ostern feiern und sich die anderen noch in der Fastenzeit befinden. Das sei vor allem im Nahen Osten ein großes Thema, so der Ostkirchen-Experte.

Allerdings, so Groen weiter, fürchte er, dass jeder Schritt in Richtung Einheit zugleich neue Spaltungen mit sich bringen würde. So gebe es wohl immer Gruppen, „die sich gefährdet fühlen und widersprechen“.

„Modell von Aleppo“

Groen stellte in seinem Vortrag verschiedenen Vorschläge vor, wie ein gemeinsames Osterdatum zu erreichen sei. Dabei hielt er persönlich fest, dass er dem Vorschlag eines fixen gemeinsamen Osterdatums, wie dies etwa Papst Franziskus vorschlug, wenig abgewinnen kann. Ein möglicher gangbarer Weg sei laut Groen hingegen, dass sich der Westen zumindest für eine gewisse Zeit an den Julianischen bzw. genauer gesagt an den Melitianischen Kalender anpasst. Eine Reihe katholischer Bischöfe und Theologen habe dies vor rund zehn Jahren erwog, „um den Weg für ein gemeinsames gesamtchristliches Osterdatum zu ebnen“.

Noch besser fände er allerdings das „Modell von Aleppo“, so Groen. Dieses Modell hatte eine eigens dazu eingerichtete Kommission des Weltkirchenrates 1997 in Aleppo (Syrien) erarbeitet und verabschiedete. Es soll demnach die Vorschrift aus dem ersten Ökumenischen Konzil von Nizäa übernommen werden, wonach Ostern auf den ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond fallen muss. Die genaue Bestimmung des Frühlingsbeginns überlässt das Modell aber dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Forschung und – dies ist gewissermaßen die ökumenische Pointe dieses Vorschlags – hat den Meridian von Jerusalem als geografischen Bezugspunkt. Dieses Modell stimmt freilich großteils mit dem Gregorianischen Kalender überein.

Während es für das „Aleppo-Modell“ vom Westen wie auch von Patriarchat von Konstantinopel durchaus Zuspruch gab, hätten viele orthodoxe Kirchen überhaupt nicht reagiert, räumte Groen aber ein.

Mangelnder ökumenischer Wille

Der Grazer Theologe sparte in seinem Vortrag auch nicht mit Kritik an der Ost- wie Westkirche: „Sicherlich sind viele Christinnen und Christen in Ost und West heute bereit, in diese Richtung zu gehen. Doch gleichzeitig zeigt eine Vielzahl von Gruppen keinerlei Willen, einen solchen Schritt zu tun.“ Er denke etwa an manche westlichen Milieus, „die unglücklicherweise die Orthodoxie und den byzantinischen Ritus für rückständig und exotisch halten. Manche Evangelikale halten sie sogar für nicht-biblisch und abgöttisch, während einige katholische Gruppen und die Lefebvrianer einseitig die Überlegenheit ihres eigenen römischen Ritus preisen.“ Für viele andere Katholiken und Protestanten seien gemeinsame Daten für Ostern (und Weihnachten) irrelevant, weil sie diese Frage nicht interessiere.

Andererseits gebe es auch unterschiedliche orthodoxe Gruppen beispielsweise in Bulgarien, Griechenland und Russland, „die darauf bestehen, dass wahrhaft Orthodox-Sein bedeute, unverkennbar andersartig zu sein, sich klar zu unterscheiden von anderen christlichen Gemeinschaften, die sie eher als Häretiker und/oder Schismatiker sehen“. In den genannten drei Ländern sei der Hauptgrund für den Widerstand gegen eine Kalenderveränderung und eine ökumenische Zusammenarbeit in der Überzeugung zu finden, „dass Erlösung nur in der eigenen Orthodoxen Kirche erfolgen und daher jeglicher Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften nichts anderes als ein fauler Kompromiss sein kann“. Diese Haltung stehe u.a. auch in Zusammenhang mit einem „Mangel an interkulturellen und ökumenischen Kontakten und ökumenischer Bildung“, befand Groen.

Natürlich seien aber auch in den orthodoxen Kirchen Hierarchen, Priester und theologisch gebildete Laien zu finden, „die die Traditionen anderer Glaubensgemeinschaften gut kennen und sich für Dialog und ökumenische Öffnung einsetzen“. Es scheine ihm aber, so Groen, „als ob sie derzeit nicht in der Überzahl sind“.

Die Bereitschaft ALLER Kirchen ist gefordert

Fazit des Ökumene-Experten: Um sich in der dornigen Kalenderfrage anzunähern, „bedarf es offensichtlich eines hohen Maßes an sorgfältiger Bildung und pastoraler Sensibilität“. Groen mahnte von allen Kirchen die Bereitschaft ein, ihre eigenen konfessionellen Identitäten nicht für absolut zu erklären, sondern im Geist der Einheit auch Opfer zu bringen. „Katholiken, Orthodoxe, Orientalisch-Orthodoxe, Anglikaner, Protestanten und andere Christen und Christinnen sollten nicht von den anderen erwarten, dass diese Zugeständnisse machen oder den ersten Schritt in Richtung Einheit setzen“, so der Theologe. In der Ökumene gehe es nicht um ein Gewinnen oder Verlieren. Groen: „So wie sich Jesus entäußert hat, so brauchen auch die etablierten Kirchen eine Haltung der Selbst-Entäußerung, nicht bis zum Verlust der eigenen Haupteigenschaften, wie manche dies befürchten, sondern um ein Leben in Fülle zu erreichen.“

Prof. Groen war bis 2018 ordentlicher Professor für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Universität Graz, wo er auch den UNESCO-Lehrstuhl für Interkulturellen und Interreligiösen Dialog in Südosteuropa innehatte. Zurzeit ist er Gastprofessor an der Katholischen Universität Löwen und am Päpstlichen Ostkirchlichen Institut in Rom. Prof. Groen ist seit 2003 Konsultor der Stiftung PRO ORIENTE und war u.a. von 2005 bis 2009 Vorsitzender der PRO ORIENTE Sektion Graz.

Der Vortrag von Prof. Groen ist auf dem PRO ORIENTE-Youtube-Kanal abrufbar: https://www.youtube.com/channel/UC9AFMp7-PrDF_Xf7n8rj0_Q?view_as=subscriber