Griechenland: Papst entschuldigt sich bei Orthodoxen

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Foto: © Evripidis Stylianidis (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

16.12.2021 (NÖK) Bei seinem Treffen mit Erzbischof Hieronymos (Liapis) von Athen, dem Oberhaupt der Griechischen Orthodoxen Kirche (GOK), hat Papst Franziskus für weitere gemeinsame ökumenische Anstrengungen geworben. Dabei entschuldigte er sich auch für Fehler, die zu einer Entfremdung der katholischen und Orthodoxen Kirche beigetragen hätten. „Zu unserer Schande – ich erkenne dies für die katholische Kirche an – haben Handlungen und Entscheidungen, die wenig oder gar nichts mit Jesus und dem Evangelium zu tun haben, sondern eher von Profit- und Machtstreben geprägt sind, die Gemeinschaft verkümmern lassen“, sagte Franziskus in seiner Ansprache am Amtssitz des Erzbischofs am 4. Dezember. Daher habe er „heute das Bedürfnis, Gott und meine Brüder und Schwestern erneut um Vergebung zu bitten für die Fehler, die so viele Katholiken begangen haben“.

In seiner Rede sprach sich Franziskus für mehr Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe aus. Konkret bat er um Unterstützung bei der katholischen Weltsynode, denn „als Katholiken haben wir uns gerade auf den Weg gemacht, die Synodalität zu vertiefen, und wir haben das Gefühl, dass wir viel von euch lernen können“. Erzbischof Hieronymos bedankte sich beim Papst für seinen Besuch und rief ihn zum gemeinsamen Handeln zum Schutz der Umwelt und im Bereich der Migration auf. Zudem sprach er sich für die Fortsetzung des Dialogs in Richtung einer sichtbaren Einheit aus. Allerdings kritisierte er auch die Haltung der katholischen Kirche im griechischen Unabhängigkeitskrieg vor 200 Jahren. Er glaube, dass Franziskus „den Mut und die Aufrichtigkeit“ habe, um „die Fehler und Versäumnisse eurer Väter, die den Freiheitskampf unseres Volkes nicht unterstützten, zu bedenken“. Er wolle ihn nicht beschämen, aber er glaube, dass „zwischen denen, die Brüder in Christus genannt werden wollen, Ehrlichkeit die beste Sprache ist und bleibt“. Er zeigte sich überzeugt, dass der „wegweisende“ Papst wissen werde, wie „die Bürde der Vergangenheit“ abzuschütteln sei.

Bei seiner Ankunft am Sitz von Erzbischof Hiernoymos in Athen wurde Papst Franziskus von einem orthodoxen Priester als „Häretiker“ beschimpft. Im Vorfeld hatte zudem der Metropolit von Konitsa in einem offiziellen Brief an die Kirchenleitung der GOK „aufs Heftigste“ gegen den Papstbesuch protestiert und Franziskus als „Erzketzer“ bezeichnet. Für ihn sei der „Bösewicht unerwünscht“. Dem Besuch von Papst Johannes Paul II. 2001 waren allerdings viel umfangreichere Proteste vorausgegangen. Geistliche und Laien hatten an Gegendemonstrationen teilgenommen.

Vor Vertretern aus Politik und Gesellschaft kritisierte der Papst einen „Rückschritt an Demokratie“. Dabei verwies er auf eine Skepsis gegenüber der Demokratie, verursacht durch eine Distanz der Institutionen, Angst vor Identitätsverlust und Bürokratie, und sprach sich für eine am Gemeinwohl orientierte Politik aus. Außerdem lobte er Athen und Griechenland als „Gedächtnis Europas“, ohne das Europa und die Welt nicht das wären, was sie sind. Sie wären weniger klug und glücklich. In Griechenland sei der Grundstein für die heutige EU gelegt worden, von Athen – der „Wiege der Zivilisation“ – solle eine Botschaft gegen Autoritarismus und für Demokratie ausgehen. Am 5. Dezember feierte Franziskus mit rund 2000 Gläubigen eine Messe in der Megaron-Konzerthalle in Athen.

Zuvor hatte Papst Franziskus am 2. und 3. Dezember Zypern besucht. In der Hauptstadt Nikosia feierte er im größten Stadion der Insel einen Gottesdienst mit rund 10‘000 Gläubigen. Dabei wünschte er sich eine Erneuerung der christlichen Geschwisterlichkeit und das Überwinden von Spaltungen. In einer Rede vor der Hl. Synode der Orthodoxen Kirche von Zypern sprach er sich für eine größere Nähe zur Orthodoxen Kirche aus. Er hoffe, dass „sich die Möglichkeiten, einander zu begegnen, sich besser kennen zu lernen, viele Vorurteile abzubauen und den Glaubenserfahrungen der anderen offen zuzuhören, zunehmen werden“. Auch hier bat er um Unterstützung bei der Weltsynode. Erzbischof Chrysostomos (Dimitriou), das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche von Zypern, beklagte in seiner Ansprache die türkische Besetzung des Nordens der Insel. Die christlichen Einwohner seien mit „unglaublicher Barbarei“ aus ihrer Heimat vertrieben, die uralte klassische Kultur zerstört worden. Daher rief er Franziskus auf, seine Kirche beim Schutz des kulturellen Erbes und der Bewahrung der christlichen Kultur zu unterstützen. Zugleich betonte er die „ausgezeichneten Beziehungen“ seiner Kirche „zu allen Kirchen“. Sie suche den Dialog mit allen und begrüße den laufenden Dialog zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der katholischen Kirche.

Zum Dialog hat auch Papst Franziskus die Zypriotinnen und Zyprioten aufgerufen. Es sei klar, dass „es kein leichter Weg ist; er ist lang und kurvenreich, aber es gibt keine Alternative, um Versöhnung zu erreichen“, sagte der Papst vor Vertretern der Regierung und der Zivilgesellschaft. Es brauche Schritte zum Dialog, um den schrecklichen Riss, der die Insel teile, zu heilen. Bei einem Treffen mit Kirchenvertretern rief er zu mehr Geduld in der Kirche und Offenheit für unterschiedliche Glaubensformen und Kulturen auf. Die Kirche „will bitte nicht vereinheitlichen, sondern mit mütterlicher Geduld integrieren“, sagte er weiter, Vielfalt dürfe nie als Bedrohung für die Identität wahrgenommen werden.

Ein dominierendes Thema von Papst Franziskus‘ Reise nach Zypern und Griechenland war das Thema Migration. Immer wieder rief er zu einem menschlicheren Umgang mit Migranten und ihrer Aufnahme auf. Am 5. Dezember besuchte er ein Lager auf der Insel Lesbos, wo er 2016 das berüchtigte, inzwischen abgebrannte Lager Moria besucht hatte. In einer symbolischen Geste will der Papst in den nächsten Wochen 50 Migranten aus Zypern nach Italien bringen lassen. Darunter sollen zwei Personen sein, die monatelang im Niemandsland an der Trennlinie zwischen dem türkischen und zypriotischen Teil der Insel gestrandet waren. Zudem sind zehn Migranten Häftlinge, die wegen illegaler Einreise ins Land inhaftiert wurden. Das zypriotische Innenministerium bezeichnete die Geste als „Anerkennung der Schwierigkeiten, vor denen Zypern aufgrund der wachsenden Migrationsbewegung über die ‚grüne Grenze‘ steht“. (mit Material von Kathpress)