Griechisch-katholische Kirche der Ukraine strebt Erhebung zum Patriarchat an

Bei der für 5./6. Juli vorgesehenen Begegnung des Heiligen Synods der unierten Kirche mit Papst Franziskus und Spitzenvertretern der römischen Kurie geht es um die pastoralen Herausforderungen in der Ukraine und in der Diaspora, aber auch um die Seligsprechung von Metropolit Scheptyzkyj und einen Papstbesuch in der Ukraine

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Foto: © Олег Чупа at uk.wikipedia (Quelle: Wikimedia, Lizenz: GNU Free Documentation License)

Kiew-Vatikanstadt, 03.07.19 (poi) Die griechisch-katholische Kirche der Ukraine strebt die Erhebung zum Patriarchat an. Die Frage soll bei der für 5./6. Juli vorgesehenen Begegnung des Heiligen Synods der Kirche mit Papst Franziskus und Spitzenvertretern des Heiligen Stuhls ausführlich diskutiert werden. „Wir bitten den Papst bei jeder Begegnung um diese Rangerhöhung, vor allem, wenn wir darüber sprechen, wie wir heute leben“, sagte der griechisch-katholische Großerzbischof von Kiew und Halytsch (Galizien), Swjatoslaw Schewtschuk, in einem Interview im Vorfeld der für 5./6. Juli vorgesehenen Zusammenkunft. Selbstverständlich wolle er aber die Entscheidungsfreiheit des Papstes respektieren. Tatsächlich wird auch bereits bisher bei der Feier der Göttlichen Liturgie in ukrainischer Sprache – auch in der Diaspora – an den entsprechenden Stellen im gottesdienstlichen Ablauf die Formulierung „nase patriarkh“ (unser Patriarch) verwendet, wenn vom Großerzbischof die Rede ist.

Laut Großerzbischof Schewtschuk ist die ukrainische griechisch-katholische Kirche (die auf die Union von Brest-Litowsk zurückgeht) strukturell einem Patriarchat ähnlich. Der Heilige Synod wähle die Bischöfe, der Papst bestätige nur. Daher müsste der Patriarchatsstatus nicht erst geschaffen, sondern nur anerkannt werden. Dass der Papst das tun wird, gilt allerdings als wenig wahrscheinlich. Das beharrliche Drängen von Schewtschuks Vorgängern hatte bereits bei den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. keinen Erfolg. Denn die Errichtung eines neuen griechisch-katholischen („unierten“) Patriarchats könnte auf die katholisch-orthodoxen Beziehungen dramatische Auswirkungen haben. Bisher gibt es nur ein griechisch-katholisches Patriarchat – das melkitische Patriarchat von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien. Bei der 7. Vollversammlung der offiziellen Dialogkommission zwischen katholischer und orthodoxer Kirche im libanesischen Balamand (Belmont) 1993 wurde der „Uniatismus“ als „Methode der Vergangenheit“ zurückgewiesen. Der damalige Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Edward Cassidy, nannte drei „Grundprinzipien“ der Erklärung von Balamand (die aber sowohl von Orthodoxen als auch von Unierten scharf kritisiert wurde): Gewissensfreiheit der Einzelnen, Existenzrecht der katholischen Ostkirchen, Überzeugung, dass der Uniatismus nicht die heutige Methode zur Herstellung voller Einheit ist.

Die ukrainische griechisch-katholische Kirche zählt heute mehr als vier Millionen Gläubige in der Ukraine, vor allem in den westlichen Landesteilen. Dazu kommen rund 1 Million Gläubige in Polen (wo das KP-Regime die Katholiken des byzantinischen Ritus im Rahmen der „Operation Weichsel“ 1947 aus ihrer angestammten Heimat im Südosten des heutigen Polen zwangsweise in die „wiedergewonnenen Westgebiete“ transferierte), aber auch in Nord- und Südamerika (vor allem in Kanada und in Argentinien). In der Sowjetukraine wurde die griechisch-katholische Kirche 1946 durch die sogenannte „Synode von Lwiw“ in die russisch-orthodoxe Kirche gezwungen. Sie führte danach eine Katakombenexistenz, aus der sie erst durch Verhandlungen – u.a. in Wien – im Vorfeld des Besuches von Michail Gorbatschow bei Papst Johannes Paul II. am 1. Dezember 1989 erlöst wurde.

Bei der Begegnung am 5./6. Juli in Rom will Großerzbischof Schewtschuk dem Papst – den er aus gemeinsamer Zeit in Buenos Aires gut kennt – und dessen Mitarbeitern die pastoralen Herausforderungen für die ukrainische griechisch-katholische Kirche sowohl in der Heimat als auch in der Diaspora darlegen. Ohne Zweifel wird auch die „heikle und komplexe“ politische Situation in der Ukraine nach dem Präsidentenwechsel zur Sprache kommen.

Nach Angaben der vatikanischen „Sala Stampa“ ist die Durchführung des Ukraine-Treffens – eine Art informeller „Spezialsynode“ – ein persönlicher Wunsch von Papst Franziskus. An den Sitzungen sollen auch die für die Ukraine zuständigen Leiter der Dikasterien der römischen Kurie teilnehmen. Mit diesem Treffen wolle „der Heilige Vater ein Zeichen seiner Verbundenheit mit der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche setzen, die sowohl in ihrer Heimat als auch an verschiedenen Orten der Welt pastorale Dienste erbringt“. Dieses Treffen solle auch „eine weitere Gelegenheit bieten, die Kenntnis der Situation in der Ukraine zu vertiefen, um herauszufinden, wie sich die griechisch-katholische Kirche immer wirksamer der Verkündigung des Evangeliums widmen kann“. Die Kirche trage zur Unterstützung der Leidenden bei und fördere den Frieden, „im Einvernehmen mit der katholischen Kirche des lateinischen Ritus und mit den anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften, soweit wie möglich“.

Am 5./6. Juli werden alle Mitglieder des „Ständigen Synods“ der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und alle Metropoliten dieser Kirche anwesend sein. Ihre Wortmeldungen sollen – so Großerzbischof Schewtschuk – zur Erarbeitung einer „Vision und Strategie“ des Heiligen Stuhls für die Ukraine und die ukrainische Diaspora in aller Welt beitragen. In diesem Zusammenhang sei es besonders wichtig, dass auch die Entscheidungsträger der römischen Kurie anwesend sein werden, sodass viele Vorschläge umgehend umgesetzt werden können. Bisher steht fest, dass die Kardinäle Pietro Parolin (Kardinal-Staatssekretär), Leonardo Sandri (Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation), Kurt Koch (Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Kirchen) und Luis Ladaria (Präfekt der Glaubenskongregation) an der Begegnung teilnehmen werden.

Der Großerzbischof von Kiew und Halytsch benannte drei Aspekte, in denen eine „Strategie für die Ukraine“ zum Ausdruck kommen müsse: „Das aufmerksame Hinhören, um zu verstehen, wie der Papst eingreifen kann, um einer Kirche in einer schwierigen Situation zu helfen; die Stärkung der Ortskirche und die Notwendigkeit, eine organische Entwicklung für diese Kirche zu garantieren“. Großerzbischof Schewtschuk unterstrich, dass der Papst auf diese Weise die ukrainische griechisch-katholische Kirche in den Prozess des Wiederaufbaus der Ukraine einbeziehen wolle.

Auf der Wunschliste des Großerzbischofs stehen neben der Rangerhöhung zum Patriarchat (die auch seine Vorgänger Myroslaw Ljubatschiwskyj und Ljubomyr Husar anstrebten) die Seligsprechung des Metropoliten Andrej Scheptyzkyj (von 1900 bis 1944 griechisch-katholischer Oberhirte von Lemberg/Lwiw) und ein Ukraine-Besuch von Papst Franziskus.