Großalarm wegen der Explosionskatastrophe in Beirut

Mindestens 100 Todesopfer und mehr als 4.000 Verletzte – Mehrere Kirchen und kirchliche Institutionen – darunter das orthodoxe St. Georgskrankenhaus – wurden schwer beschädigt – Aufruf zum Gebet für den Libanon

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Foto: © Yoniw (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 05.08.20 (poi) Nach der Explosionskatastrophe in Beirut am Dienstag herrscht in der libanesischen Hauptstadt, in der Zedernrepublik insgesamt und in der ganzen nahöstlichen Christenheit Großalarm. Nach den am Mittwochvormittag vorliegenden Untersuchungsergebnissen hat die Katastrophe mindestens 100 Todesopfer gefordert, mehr als 4.000 Menschen wurden verletzt. Die Ursache ist unklar, US-Präsident Donald Trump schürte Gerüchte über ein Bombenattentat, der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab sprach von eingelagertem Ammoniumnitrat (2.750 Tonnen) als Auslöser. Auf zahlreichen christlichen Websites und Blogs wurde ab Dienstagabend zum Gebet für den Libanon aufgerufen. Der Libanon ist für die nahöstliche Christenheit insgesamt von ausschlaggebender Bedeutung, weil die Republik der einzige arabische Staat ist, der auf Grund des “Pacte national” einen christlichen Präsidenten haben muss und weil sich im Libanon zahllose Zentralinstitutionen der verschiedenen Patriarchate (Priesterseminare, Theologische Fakultäten usw.) befinden. Die Explosionskatastrophe trifft den Libanon in einem Augenblick, der von einer mehrfachen Krise – politische Krise, wirtschaftliche Krise, Pandemie – gekennzeichnet ist.

Bei der Explosionskatastrophe wurden u.a. die griechisch-orthodoxe Georgskathedrale und die syrisch-orthodoxe Peter-Paul-Kirche schwer beschädigt, auch andere Gotteshäuser wie die St. Dimitrios-Kirche, die St. Nicolas-Kirche, die St. Katharinenkirche Zahrat-el-Insan wurden in Mitleidenschaft gezogen. Schwer beschädigt wurde auch das griechisch-orthodoxe St. Georgskrankenhaus, die Patienten mussten in nahegelegenen Krankenhäuser transferiert werden. Vier Krankenschwestern wurden getötet, mehrere Ärzte, Patienten und Besucher wurden verletzt.

Die erste Explosion am Hafen war so gewaltig, dass im sieben Kilometer entfernten Stadtteil Hamra die Gebäude wankten und Fenster zersprangen.

 

Bewegender Appell von Kardinal-Patriarch Rai

Der maronitische Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai hat am Mittwoch an “alle Staaten der Welt” appelliert, Beirut nach der “mysteriösen Explosion” beizustehen, durch die die libanesische Metropole verwüstet wurde. In seinem Appell, der u.a. auch von der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR veröffentlicht wurde, schreibt der Kardinal-Patriarch: “Beirut ist verwüstet, es ist eine Katastrophe. Es ist eine Kriegsszenerie ohne Krieg. Zerstörung und Verzweiflung in allen Straßen, Bezirken und Häusern. Dutzende Bürgerinnen und Bürger sind ums Leben gekommen, tausende sind verletzt. Krankenhäuser, Kirchen, Häuser, öffentliche Gebäude, Hotels, Geschäfte sind zerstört. Hunderte Familien sind obdachlos”. All dies sei geschehen, während sich der libanesische Staat in einer Situation des wirtschaftlichen und finanziellen Bankrotts befindet, die ihn unfähig macht, dieser menschlichen und urbanen Katastrophe abzuhelfen. Zugleich lebe das libanesische Volk in einem Zustand der Armut und des Elends.

Auch die Kirche, die ein Netzwerk der Hilfe im ganzen Libanon eingerichtet habe, stehe vor einer neuen großen Herausforderung, die sie allein nicht bewältigen könne, obwohl sie völlig solidarisch “mit den Betroffenen, den Familien der Opfer, den Verletzten und den Obdachlosen” sei, unterstreicht der Kardinal-Patriarch. Rai dankt in diesem Zusammenhang allen Staaten, die ihre Bereitschaft zur Hilfe für Beirut zum Ausdruck gebracht haben und appelliert an alle befreundeten Länder, an die großen Staaten und an die Vereinten Nationen, damit sie jene Hilfe bereitstellen, die “zur Rettung der Stadt Beirut notwendig ist”. Diese Hilfe müsse unabhängig von allen politischen Erwägungen sein, “denn das, was geschehen ist, geht über Politik und Konflikte hinaus”.

In den letzten Jahren habe der Libanon politische, wirtschaftliche, finanzielle und Sicherheits-Katastrophen erlebt, erinnert der maronitische Patriarch: “Wir brauchen Hilfe, um wieder aufstehen zu können. Der Libanon, der der Welt das Alphabet geschenkt hat, verdient die Hilfe der Brüder und Freunde, um seine Hauptstadt wieder aufzubauen”. Der Kardinal-Patriarch schlägt die Schaffung eines von den Vereinten Nationen kontrollierten Fonds vor, um die Hilfsmaßnahmen durchzuführen. Abschließend heißt es in der Erklärung Rais: “Ich appelliere an alle Staaten der Welt, ich weiß, dass alle den Libanon lieben und diesem Aufruf folgen werden. Alle wollen, dass der Libanon seine historische Rolle im Dienst der Menschheit, der Demokratie und des Friedens im Nahen Osten und in der Welt  wieder einnehmen kann”.