Groteske um Nikolaus-Ikone, die dem russischen Außenminister in Bosnien geschenkt wurde

Ukrainische Botschaft in Sarajevo meint, dass die Ikone von serbischen Verbündeten der ostukrainischen Separatisten gestohlen wurde – Heftige politische und mediale Erregungen um ein angebliches „Kulturerbe“

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Foto: © Julian Nyča (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Sarajevo-Moskau, 28.12.20 (poi) Unmittelbar vor Weihnachten kam es um eine Nikolaus-Ikone aus der Ukraine zu einem „diplomatischen Skandal“, der sich zur Groteske auswuchs. Der russische Außenminister Sergej Lawrow weilte am 14./15. Dezember zu einem Arbeitsbesuch in Sarajevo. Der amtierende Vorsitzende des bosnischen Staatspräsidiums, der Serbe Milorad Dodik, überreichte dem Gast aus Moskau eine rund 300 Jahre alte Ikone des Heiligen Nikolaus, die aus der Ukraine stammen soll. Das rief die ukrainische Botschaft in der bosnischen Hauptstadt auf den Plan. Unter Berufung auf ein Foto von der Rückseite der Ikone, das den Beschlagnahme-Stempel des „Kultur-Kommissariats“ der „sozialistischen“ Ukraine von 1920 zeigt, forderte die Botschaft in einer Note an das bosnische Außenministerium, dass die Herkunft dieses „ukrainischen Kulturerbes“ umgehend geklärt werden müsse. Dabei wurde angedeutet, dass bosnische Serben, die in den Truppen der beiden nicht anerkannten Republiken Donetsk und Lugansk dienen, die Ikone an einem ihrer Einsatzorte gestohlen haben könnten. Die bosnische Politik bemächtigte sich umgehend der Causa. Die Außenministerin Bisera Turkovic, die aus der „bosniakisch“ dominierten „Partei der Demokratischen Aktion“ (SDA) kommt und wenige Tage zuvor durch ihre Forderung nach Auflösung der Republika Srpska (eine der beiden „Entitäten“, aus denen Bosnien besteht) Aufsehen erregt hatte, sorgte sich um die „Reputation“ Bosniens. Das kroatische Mitglied des Staatspräsidiums, Zeljko Kosmic, erklärte: „Wenn es wahr ist, dass die Ikone in der Ostukraine gestohlen wurde, dann muss jemand ins Gefängnis gehen“.

In einer Erklärung der ukrainischen Botschaft hieß es, wenn keine hieb- und stichfesten Informationen über die Herkunft der Ukraine vorgelegt würden, müsse das als Beweis für die Unterstützung der „aggressiven Politik“ der Russischen Föderation in der Ostukraine angesehen werden. Das Büro von Milorad Dodik stellte am 22. Dezember in einer Erklärung fest, die Ikone sei „weder gestohlen noch ein nationaler Schatz“. Vielmehr handle es sich um eine Ikone, wie sie „normale orthodoxe Gläubige“ in ihren Häusern oder Wohnungen haben, um zu beten. Zugleich wurden bosnische Politiker und Medien scharf kritisiert, weil sie im Zusammenhang mit der Nikolaus-Ikone „Lügen verbreiten, um die serbisch-russischen Beziehungen zu beschädigen“. Aber diese Lügen könnten die „brüderlichen Verbindungen zwischen den beiden orthodoxen Nationen nicht beeinträchtigen“.  Dodik befindet sich mittlerweile in Quarantäne, weil der Verdacht auf Corona-Infektion besteht.

 

Im russischen Außenministerium hatte man schließlich von den bosnischen Querelen genug.  Am 23. Dezember wurde die Ikone der bosnischen Botschaft in Moskau zurückgestellt – mit der Empfehlung, die „gesetzlichen Mechanismen zur Klärung der Causa – einschließlich der Frage der Herkunft – in Gang zu setzen“.  Sarajevo will jetzt die Interpol bemühen, die sich um Vertiefung ihrer ikonologischen Kenntnisse bemühen müssen wird.