Hagia Sophia: Erdogans „Retro-Politik“ ist nicht zukunftweisend

Salzburger Ostkirchenexperte Prof. Winkler bedauert in der „Furche“, dass das Weltkulturerbe Hagia Sophia nicht „zum Zeichen des Dialogs der Religionen und Kulturen“ gemacht wurde

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Foto ©: Arild Vågen (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Salzburg, 23.07.20 (poi) Die mit der Rückumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee demonstrierte „Retro-Politik“ des türkischen Staatspräsidenten Recep T. Erdogan ist nicht zukunftweisend. Dies betont der Salzburger Ordinarius für Patristik und Kirchengeschichte (und Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion) Prof. Dietmar W. Winkler in der neuesten Ausgabe der Wochenzeitung „Die Furche“. Wörtlich stellt der Salzburger Ostkirchenexperte fest: „Erdogan hat die Chance vertan, die Türkei als Brücke zwischen Ost und West zu positionieren und das Weltkulturerbe Hagia Sophia zum Zeichen des Dialogs der Religionen und Kulturen zu machen“. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr Religion „politisch instrumentalisiert“ wird, so habe der türkische Präsident ein „prominentes Beispiel mit weltweiter Wirkung geliefert“.

Prof. Winkler zeigt den größeren historischen Zusammenhang auf. Der Untergang des Osmanischen Reiches, der Umgang mit der arabischen Welt durch die Westmächte nach dem Ersten Weltkrieg und nicht zuletzt die Abschaffung des Kalifats 1924 durch Atatürk hätten die islamische Welt in eine historische Krise geführt, von der sie sich bis heute nicht wirklich erholt hat.  Das kollektive muslimische Gedächtnis  sei sich zweifellos der Symbolik der erneuten Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee  bewusst und demgemäß gehe das politische Signal Erdogans  nunmehr auch in den Kulturraum des ehemaligen Osmanischen Reiches.

Geschichtliche Entwicklungen könne man jedoch nicht einfach zurückdrehen, unterstreicht der Salzburger Theologe in der „Furche“. Zu bedenken sei, dass es nicht um eine „muslimische Aggression zur christlichen Demütigung“ gehe, sondern um die politische Profilierung eines türkischen Staatspräsidenten.  In Zeiten sinkender Popularität, schlechter Wirtschaftsdaten, von Korruptionsvorwürfen und einer schwächelnden AKP spiele Erdogan auf der „Klaviatur der Machtdemonstration“. Wie die internationalen Reaktionen zeigen, eigne sich die Hagia Sophia tatsächlich wieder einmal dazu, „dass sich ein Machtpolitiker präsentieren kann“. Die Hagia Sophia als UNESCO-Weltkulturerbe werde die Türkei tunlichst nicht beschädigen, stellt der Ostkirchenexperte fest, denn das Gotteshaus sei Istanbul bedeutendster Tourismusmagnet und entsprechend  wirtschaftsrelevant. Als Moschee benötigt werde sie nicht, stehe doch gleich nebenan die monumentale Blaue Moschee.

Erdogan sehe aber die Zeichen der Zeit nicht, hebt Prof. Winkler hervor. Denn die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee sei ebensowenig zielführend  wie die – „vielleicht von manchen erhoffte“ – Rückführung in ein christliches Gotteshaus. Nach mehr als 900 Jahren als eine der bedeutendsten Kirchen der Christenheit, 480 Jahren als Moschee und 86 Jahren als „neutrales“ Museum wäre ein anderer Schritt zukunftweisend gewesen.

 

Erbaut als „Zentralkirche des gesamten Christentums“

Prof. Winkler legt in der „Furche“ dar, dass die Hagia Sophia seit jeher auch „politisches Symbol“ war. Kaiser Justinian, der diesen größten und bedeutendsten Bau oströmischer Architektur in der unglaublich kurzen Bauzeit  von nur fünf Jahren (532-537) errichten ließ, habe für seine Machtdemonstration und jene der nachfolgenden oströmischen Kaiser  einen der genialsten Bauten errichten lassen. Justinian sei mit der Rückeroberung Nordafrikas, Italiens und von Teilen Spaniens wie auch im Kampf mit Persien bestrebt gewesen, das Römische Reich in seiner alten Herrlichkeit wiederherzustellen. Die vielfältigen Bauunternehmungen Justinians im gesamten Reich hätten u.a. in Konstantinopel, der Hauptstadt des Römischen Reiches, im Neubau der Hagia Sophia gegipfelt. Die Hagia Sophia wurde „als eine ‚summa‘ antiken Bauens und eine unerreichbare, unwiederholbare Leistung verstanden“, so Prof. Winkler.

Die römischen Kaiser hätten sich seit Konstantin dem Großen als irdische Sachwalter der Kirche gesehen. So sei denn auch die Hagia Sophia zugleich Krönungskirche der Kaiser, Kathedrale des Patriarchen von Konstantinopel und damit „Mittelpunkt der christlichen Ökumene insgesamt“ gewesen. Der spätere mittelalterliche Machtanspruch der Päpste in Rom habe im Westen vergessen lassen, „dass die Hagia Sophia als Zentralkirche des gesamten Christentums erbaut wurde“.  Dementsprechend „erschüttert“ seien die Reaktionen auf die erneute Umwandlung der Kathedrale in eine Moschee  vor allem aus der orthodoxen Kirche: „Ihr wird ihr zentraler Bau gleichsam ein zweites Mal genommen“. Der katholischen Kirche werde von orthodoxen Russen und Griechen eher vorgeworfen, das sich der Papst zu verhalten geäußert habe, „lediglich beim Angelusgebet von ‚Schmerz‘ sprach, aber der entschiedene Protest ausblieb“.

Der Wirkung des Bauwerks mit seiner absoluten Größe, dem harmonischen Raumkonzept und den schimmernden Goldmosaiken hätten sich auch die osmanischen Machthaber nach der Eroberung Konstantinopels nicht entziehen können,  erinnert Prof. Winkler. Die zum „Symbol osmanischer Macht und Herrschaft“ mutierte christliche Kirche sei dann Vorbild jener Kuppelmoscheen geworden, die auch als Siegesmonument außerhalb der Türkei, etwa auf dem Balkan, in Syrien, Ägypten und Nordafrika errichtet wurden.