Hagia Sophia in Warschau wird am 20. September geweiht

Weihe der neuen Kathedrale an der Weichsel erfolgt in einem Augenblick, in dem die „Herzen aller Christen wegen der Umwandlung der Hagia Sophia in Konstantinopel in eine Moschee von tiefem Schmerz erfüllt sind“

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Foto: © Lee Kindness (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Warschau, 25.08.20 (poi) Die Weihe der neuen orthodoxen Hagia Sophia-Kathedrale in Warschau wird am 20. September (am Vorabend des orthodoxen Mariä Geburt-Festes) stattfinden. Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Polen, Metropolit Sawa (Hrycuniak), hat dazu alle eingeladen, „die die Werte des christlichen Glaubens schätzen“. Mit dem Bau der Kathedrale war im Dezember 2015 begonnen worden, nachdem der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. gemeinsam mit Metropolit Sawa den Grundstein gesegnet hatte. Vorbild der neuen Hagia Sophia an der Weichsel ist die Hagia Sophia in Konstantinopel. Metropolit Sawa hob in seiner Einladung hervor, dass die Weihe der neuen Kathedrale in Warschau in einem Augenblick stattfinde, in dem die „Herzen aller Christen wegen der  Umwandlung der Hagia Sophia in Konstantinopel in eine Moschee von tiefem Schmerz erfüllt sind“.

Die Arbeiten an der Kathedrale hätten so große Fortschritte gemacht, dass es möglich sei, die Göttliche Liturgie in der neuen Hagia Sophia zu feiern, stellte der Warschauer Metropolit in seiner Einladung fest.  Die Pläne für das Gotteshaus mit seiner 26 Meter hohen Kuppel im Warschauer Stadtteil Ursynow wurden von dem Architekten Andrzej Markowski entworfen. Die Kathedrale ist das erste orthodoxe Gotteshaus, das seit 1914 in der polnischen Hauptstadt errichtet wird (zuvor hatte es während der russischen Herrschaft über „Kongress-Polen“ relativ viele orthodoxe Kirchen in Warschau gegeben). Mit dem Bau der Hagia Sophia wird auch der 90. Jahrestag der Autokephalie (Selbständigkeit) der orthodoxen Kirche von Polen begangen. Bereits im Oktober des Vorjahrs waren die eindrucksvollen Fresken in der Kuppel der Kathedrale fertig gestellt worden.

Metropolit Sawa schrieb in seiner Einladung, die Hagia Sophia sei dem Gedenken an die Vorfahren, die Bekenner der orthodoxen Kirche im alten und neuen Polen im Lauf der Jahrhunderte, gewidmet. In besonderer Weise gelte dieses Gedenken jenen orthodoxen Christen, die „stark im Glauben“ während des Warschauer Aufstands gegen die deutschen Besatzer 1944 ihr Leben geopfert hatten, „Geistliche und Angehörige des Gottesvolkes, auch Jugendliche und Kinder“.

Trotz der katholischen Tradition Polens war die alte „Rzeczpospolita“ (I. RP) auch sehr stark orthodox geprägt, vor allem weil viele führende aristokratische Familien im ostslawischen „Großlitauen“, aber auch in den später als Ukraine bezeichneten Landesteilen orthodox waren (alle diese Gebiete hatten ja ursprünglich zur „Rus“ gehört und waren erst im 14. Jahrhundert unter polnische bzw. litauische Herrschaft gekommen). Die „ I. RP“ bezeichnet die Union von Polen und Litauen von 1569 bis 1795. Sie war eine parlamentarische Wahlmonarchie unter der Beteiligung des Adelsstandes an allen wichtigen politischen Entscheidungen. Der Anteil des Adels (Szlachta) an der Gesamtbevölkerung betrug zwischen acht und zwölf Prozent. Alle Adeligen hatten unabhängig von Besitz und Rang die gleichen Bürgerrechte und politischen Rechte; rund zehn Prozent der Bewohner waren damit an der politischen Willensbildung beteiligt, mehr als in den meisten anderen europäischen Staatsgebilden. 1791 gab sich die „I. RP“ die erste moderne Verfassung Europas, die Reformen kamen jedoch zu spät. Der habsburgische Staat,  Preußen (ursprünglich eine polnische „Dependance“) und Russland hatten sich bereits über die Aufteilung geeinigt.

Obwohl in der „I. RP“ ursprünglich Gleichheit zwischen Katholiken und Orthodoxen herrschte, gab es im Verlauf des 16. Jahrhunderts Bestrebungen, den orthodoxen Einfluss im Kiewer Land und in Großlitauen (Ukraine und Belarus) zurückzudrängen. Daraus resultierten die Unionsbestrebungen, die schließlich zur Union von Brest-Litowsk 1596 führten; auf dieser Basis erhielten der ostkirchliche Klerus und die ostkirchliche Aristokratie unter der Bedingung der kirchlichen Einheit mit Rom die Gleichberechtigung mit Klerus und Aristokratie im westlichen Polen zurück. Nach einigen Jahrzehnten – und angesichts des energischen Widerstands der orthodoxen Bevölkerung – wurden aber auch jene Bischöfe, Äbte und Aristokraten, die sich nicht mit der Union anfreunden konnten, wieder in ihre angestammten Rechte eingesetzt.