Hagia Sophia: „Tiefes Bedauern“ des Heiligen Synods des Moskauer Patriarchats

Ukraine-Frage hat Fähigkeit der Orthodoxie gemindert, „gemeinsam gegen neue spirituelle Bedrohungen und kulturelle Herausforderungen aufzutreten“ – Griechisch-orthodoxe Christen in Nordamerika begehen den 24. Juli als „Tag der Trauer und des Schmerzes“: Trauergeläut, Flaggen auf Halbmast, am Abend wird in den Kirchen der „Hymnos Akathistos“ gesungen

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Foto: © Dnalor 01 (Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-SA 3.0/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria)

Konstantinopel-Moskau-Washington, 19.07.20 (poi) Die Auseinandersetzung um die Hagia Sophia, die nach dem Willen der türkischen Politik wieder Moschee sein soll, geht weiter. Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche brachte bei seiner Sitzung am 16./17. Juli sein „tiefes Bedauern“ über das Vorgehen der türkischen Spitzenpolitik zum Ausdruck. Bei der Entscheidung seien die Einwände der Führungspersönlichkeiten der autokephalen orthodoxen Kirchen und von Klerikern unterschiedlicher Konfession, zahlreicher Regierungen und vieler internationaler Organisationen beiseitegeschoben worden. Die religiösen Gefühle von Millionen Christen in aller Welt seien verletzt worden; dies könne das interreligiöse Gleichgewicht sowohl in der Türkei als auch außerhalb gefährden.

Zu einem Zeitpunkt, an dem es in vielen Regionen Christenverfolgungen gebe und der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten weitergeht, sei die Entscheidung der türkischen Politik  besonders schmerzvoll. Die Hagia Sophia sei zu Ehren des Erlösers Jesus Christus erbaut worden, im Bewusstsein von Millionen Christen bleibe sie eine Kirche. Für die Orthodoxie sei die Hagia Sophia von „besonderer historischer und spiritueller Wichtigkeit“.

Der Moskauer Heilige Synod erinnerte „mit großer Trauer“ daran, dass das „düstere Ereignis der Umwidmung der Hagia Sophia“ eine orthodoxe Welt“ getroffen habe, die „als direkte Konsequenz der unkanonischen Legalisierung des Schismas in der Ukraine“ gespalten sei. Dies habe die Fähigkeit der Orthodoxie gemindert, gemeinsam gegen neue spirituelle Bedrohungen und kulturelle Herausforderungen aufzutreten. Wörtlich heißt es in der Erklärung des Heiligen Synods weiter: „Jetzt, in einer Zeit wachsender Christianophobie und des zunehmenden Drucks der säkularen Gesellschaft auf die Kirche ist Einheit notwendiger denn je. Wir rufen die orthodoxen Schwesterkirchen im Geist des Friedens und der Liebe Christi zur Zusammenarbeit auf, um Wege zur Überwindung der Krise zu suchen“.

An die türkischen Behörden appellierten die Mitglieder des Heiligen Synods der russisch-orthodoxen Kirche, die notwendigen Schritte zur Bewahrung der „unschätzbaren christlichen Mosaiken“ zu setzen, die auf wunderbare Weise bis zum heutigen Tag überlebt haben. Insbesondere müsse auch der Zugang der christlichen Pilger zum christlichen Bildprogramm der Hagia Sophia gesichert werden.

Abschließend brachten die russischen Metropoliten die Hoffnung zum Ausdruck, dass der gegenseitige Respekt und die Verständigung zwischen den Gläubigen der Weltreligionen verstärkt wird und dass die internationale Gemeinschaft alles daran setzen möge, um den besonderen Status der Hagia Sophia zu bewahren, „die für alle Christen von zeitloser Bedeutung ist“.

Der Heilige Synod der griechisch-orthodoxen Erzeparchie von Amerika hat unter dem Vorsitz von Erzbischof Elpidophoros (Lambriniadis) am Sonntag einen Hirtenbrief an die griechisch-orthodoxen Gläubigen und alle griechischen Organisationen in Nordamerika gerichtet, in dem dazu aufgefordert wird, den 24. Juli als „Tag der Trauer und des Schmerzes“ zu begehen. Am 24. Juli soll erstmals in der Hagia Sophia ein muslimischer Gottesdienst stattfinden. Die nordamerikanischen Metropoliten bezeichnen den Vorgang am 24. Juli in der Hagia Sophia als „Programm der kulturellen und spirituellen widerrechtlichen Inbesitznahme“ und als „Verletzung aller Regeln von religiöser Harmonie und gegenseitigem Respekt“.

Die Mitglieder des Heiligen Synods laden ein, dass am 24. Juli in allen orthodoxen Kirchen Nordamerikas das Trauergeläut erklingt, dass alle Flaggen an Gotteshäusern und kirchlichen Gebäuden auf Halbmast gesetzt werden und dass am Abend in den Kirchen der „Hymnos Akathistos“ gesungen wird. Der „Hymnos Akathistos“ gehört zu den ältesten Marienhymnen der Ostkirche, er beginnt mit den Worten: „Unbesiegbare Heerführerin, dir gelten die Lieder des Sieges! Aus der Gefahr befreit, bringt deine Stadt dir Hymnen des Dankes dar“.

In dieser Zeit der „Trauer und des Schmerzes“ sei Maria „die einzige Hoffnung der Hoffnungslosen“, der „Sitz der Weisheit Gottes und die Schatztruhe Seiner Vorsehung“. Wörtlich heißt es in dem Hirtenbrief: „Wir überlassen die Zukunft unserer geliebten Hagia Sophia der Weisheit Gottes und erflehen die Fürbitte der Gottesmutter“.

Zugleich kündigen die Metropoliten an, dass sie weiterhin – „gelegen oder ungelegen“ – für „Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit“ im Hinblick auf die Hagia Sophia eintreten werden.

Kulturministerin der Emirate kritisierte Erdogans Schritt

Am Wochenende hat sich auch eine wichtige Stimme aus der islamischen Welt zu Wort gemeldet. Die Kultur- und Jugendministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, Noura Al Kaabi, betonte, die Kulturschätze der Menschheit – wie die Hagia Sophia – müssten „in ihrem Wert und in ihrer Funktion“ bewahrt werden, sie dürften nicht „unpassend“ verwendet oder für „persönliche Zwecke instrumentalisiert“ werden. Die Entscheidung der türkischen Politik betreffe zutiefst die ganze Menschheit, weil es sich bei der Hagia Sophia um eine UNESCO-Welterbe-Stätte von „außerordentlichem Wert für alle Völker und Kulturen“ handle. Die Ministerin hob zugleich hervor, dass es nicht nur um historische Werte gehe, die Hagia Sophia sei „eine Brücke zwischen unterschiedlichen Menschen“. Wörtlich fügte sie hinzu: „Die Hagia Sophia ist ein wichtiges Beispiel der Interaktion und des Dialogs zwischen Asien und Europa und sollte ein harmonisches Zeugnis menschlicher Geschichte bleiben“.

Die kritische Haltung der Vereinigten Arabischen Emirate zur Vorgangsweise Recep T. Erdogans wird auch auf dem Hintergrund der Tatsache gesehen, dass die Emirate wesentlich am Zustandekommen der „Gemeinsamen Erklärung über Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ beteiligt waren, die am 4. Februar 2019 von Papst Franziskus und dem Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb, in Abu Dhabi unterzeichnet wurde.