Hagia Sophia: „Wir wollen Frieden und keinen Hass“

Kritische Stimmen aus dem islamischen Raum zur Umwandlung des Gotteshauses in eine Moschee mehren sich – Obmann der „Türkischen Kulturgemeinde in Österreich“ gegen „Missbrauch und Politisierung der Religion“

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Foto: © Julian Nyča, CC-BY-SA 3.0 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Wien-Ankara-Abu Dhabi, 22.07.20 (poi) Die kritischen Stimmen aus dem islamischen Raum zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee mehren sich. Der Obmann der „Türkischen Kulturgemeinde in Österreich“ (TKG), Birol Kilic, sagte, seine Organisation bedaure die „politische“ Entscheidung des türkischen Verwaltungsgerichtshofes vom 2. Juli und die nachfolgenden Maßnahmen. Als Demokrat könne er es mit seinem Gewissen und seinem Religionsverständnis nicht vereinbaren, „dass man die Hagia Sophia im 21. Jahrhundert, wo man eigentlich viel mehr christlich-muslimische Brückenbauprojekte bräuchte und dringend sucht, durch Missbrauch und Politisierung der Religion wieder in eine Moschee umwandelt“. Die Hagia Sophia, die durch Atatürk, den Begründer der modernen Türkei, zum Museum gemacht wurde, sei für ihn wie für viele aus der Türkei stammende Österreicherinnen und Österreicher eine „positive Botschaft“, stellte Kilic fest. Er sei in Sisli geboren, wenige Kilometer von der Hagia Sophia entfernt, und habe von vielen christlichen und jüdischen Staatsbürgern der Türkei Freundschaft erfahren. Die Hagia Sophia sei für ihn ein Gotteshaus, in dem man zu dem einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs betet: „Der liebe Gott sieht alles, er ist Zeuge. Wir wollen Frieden und keinen Hass oder Vorurteile. Im Herzen haben wir bei jedem Besuch der Hagia Sophia etwas gelernt: Wir sind alle Brüder und Schwestern, wir können voneinander vieles lernen“. Als Muslim könne man auch aus dem Koran die Liebe zu Jesus und seiner Mutter Maria lernen.

Birol Kilic zitierte Vers 40 der Koran-Sure „Hac“, wo es heiße, dass es verboten ist, andere Gotteshäuser in Moscheen umzuwandeln. Wörtlich meinte der TKG-Vorsitzende: „Wir müssen alle Gotteshäuser schützen, ohne dabei religiöse Differenzen zu machen. Gott schützt alle Menschen, wodurch der Schutz der Gotteshäuser nicht nur eine islamische Angelegenheit, sondern eine für alle Menschen ist und somit eine internationale Verantwortung entsteht“. Die Begründung für die im Vers 40 der Sure „Hac“ verkündete Erlaubnis trage einen menschheitlichen Charakter, nämlich der Schutz von „Klöstern, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Gottes oft genannt wird“. Mit diesen Worten bestätige der Koran, dass die Moschee nicht der einzige Ort ist, an dem der Name des einen Gottes genannt wird: „Wir verstehen das so, dass die Sure Hac, Vers 40, uns verständlich machen will, dass allen religiösen Gemeinschaften die Unversehrtheit ihrer Gotteshäuser zusteht“.

Mit der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee verliere die Türkei ihre Funktion als Brückenbauerin zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident, zwischen Süd und Nord. Die Mehrheit der türkischen Bürgerinnen und Bürger wolle diese Umwandlung nicht, ist sich Kilic sicher. Die kolportierten Zahlen, dass  70 Prozent der Türkinnen und Türken die Umwandlung unterstützen, seien manipulierte Propagandaberichte, mit denen die Menschen in der Türkei und in der Emigration unter Druck gesetzt werden sollen. Mit der Umwandlung der Hagia Sophia werde in der Symbolpolitik ein falsches Signal an alle Muslime und Christen sowie die gesamte Welt vermittelt.

Der TKG-Vorsitzende brachte auch seine Sorge zum Ausdruck, dass durch die Vorgänge um die Hagia Sophia pauschale Vorurteile gegen die Türkei und die türkischen Menschen gefördert werden. Die TKG fühle sich den pluralistischen, freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien verpflichtet, so Kilic: „Wir wollen keine Instrumentalisierung der Religion durch reaktionäre Kräfte in der Türkei oder in der Emigration. Wir wünschen uns Friede daheim und Friede in der Welt“.

Der saudiarabische Investor und Strategieberater Mohammed Al-Sherebi stellte in „Newsweek“ fest, er sehe sich auf Grund seines muslimischen Glabens außerstande, in der von der türkischen Politik zur Moschee umgewandelten Hagia Sophia zu beten: „Als Muslim wäre es für mich gegen meine religiösen Überzeugungen, den heiligen Ort einer anderen Religion für meinen eigenen Gebrauch umzuwandeln“. Das werde den Anhängern des politischen Islam nicht gefallen, die den Schritt des türkischen Präsidenten unterstützen, aber es entspreche den Prinzipien des Islam.

Als die Hagia Sophia ein Museum war, habe sie einen „inklusiven Raum“ dargestellt, der als Brücke zwischen Kontinenten und Kulturen fungieren konnte, stellte Al-Sherebi fest. All dies sei durch eine populistische Maßnahme zerstört worden, die nicht nur eine Attacke auf die Rechte der Christen darstelle, sondern auch auf die der gemäßigten Muslime, „die mit Andersgläubigen in Harmonie leben wollen“. An der Causa Hagia Sophia würden die Gefahren von Autokratie und Intoleranz sichtbar, aber auch der dringende Bedarf nach Religionsfreiheit in der islamischen Welt. Zugleich mache das Beispiel der Umwandlung der Hagia Sophia die Spannungen zwischen dem traditionellen gemäßigten Islam der Mehrheit der Muslime in aller Welt  und dem engherzigen Charakter des politischen Islamismus deutlich. Wörtlich meinte Al-Sherebi: „Statt eine Kluft zwischen den beiden größten Weltreligionen auszulösen, sollte dieser Kraftakt alle Glaubensgemeinschaften in der Abwehr des Missbrauchs der Religion durch politische Akteure einen. Statt Muslime und Christen gegeneinander auszuspielen, sollte dieses Ereignis alle gläubigen Männer und Frauen zusammenführen, damit sie ihre Traditionen gegen die Korruption durch Extremisten bewahren.

Drei bekannte türkische islamische Theologen – die sich selbst als „kemalistische Theologen“ bezeichnen – haben die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee als „schweren und irreparablen Fehler“ bezeichnet. Nazif Ay, Mehmet Ali Öz und Yusuf Dülger betonten ihre Befürchtung, dass es in aller Welt zu einer Verstärkung der „islamophoben Gefühle“ kommen werde. Wie die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ berichtet, schreiben die drei Theologen, dass durch den Beschluss zur Rückumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee „die islamischen Botschaften der Versöhnung und Gerechtigkeit“  vernichtet werden. Der Versuch, das von orthodoxen Christen errichtete Gotteshaus durch ein „fait accompli“ für den islamischen Gottesdienst zu vereinnahmen, werde die Nichtmuslime beleidigen und dem Hass gegen den Islam Auftrieb geben.

Auch das „Hohe Komitee für die Geschwisterlichkeit aller Menschen“, das in der Folge der christlich-muslimischen Erklärung von Abu Dhabi unter dem Vorsitz des Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Miguel Angel Ayuso Guixot, errichtet wurde, hat sich zur Auseinandersetzung um die Hagia Sophia geäußert. Der Generalsekretär des „Hohen Komitees“, Mohammad Abd-el-Salam (er ist auch Berater des Großimams der Al Azhar, Ahmed al-Tayyeb), stellte in einem Brief an den Generalsekretär des Weltkirchenrats, Prof. Ioan Sauca, wörtlich fest: „In Anerkennung des kulturellen und spirituellen Werts der Hagia Sophia für die ganze Welt, unterstützen wir Ihren Aufruf, Spaltungen zu vermeiden und den gegenseitigen Respekt und die Verständigung unter den Religionen zu fördern“.

Der Generalsekretär übermittelte eine Entschließung des „Hohen Komitees“ an Prof. Sauca, in dem darauf verwiesen wurde, dass Gotteshäuser immer eine „Botschaft des Friedens und der Nächstenliebe“ für alle bleiben müssen. Das „Hohe Komitee“ rufe dazu auf, alle Schritte zu vermeiden, die zu einer Unterbrechung des interreligiösen Dialogs und der interreligiösen Kommunikation führen „und zur Entstehung von Spannungen und Hass“ unter den Gläubigen verschiedener Religionen beitragen könnten. Gotteshäuser müssten „Orte der Liebe und des Friedens“ für alle sein, sie dürften nicht zur „Spaltung und Diskriminierung“ benützt werden, da die Welt sich so sehr nach religiöser Unterstützung für die Stärkung der menschlichen Solidarität sehne.