Haltung von Patriarch Bartholomaios zur Hagia Sophia war immer klar

Der Ökumenische Patriarch stellte fest, dass die Hagia Sophia als Kirche, nicht als Moschee erbaut wurde, ließ aber auch eine Präferenz für die Beibehaltung des Status als Museum erkennen – Initiative aus der Ukraine

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Foto: © user:Bollweevil (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Konstantinopel-Kiew, 19.06.20 (poi) Angesichts der neu aufgeflammten Diskussion um die Hagia Sophia hat der griechische Newsletter „Orthodox Times“ die wiederholt zum Ausdruck gebrachte Haltung des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zusammengefasst. So hatte Bartholomaios I. in einem Interview mit der türkischen Zeitung „Milliyet“ im Jahr 2013 festgestellt, wenn die Hagia Sophia wieder als Gotteshaus dienen solle, dann müsse sie erneut eine christliche Kirche werden. „Die Hagia Sophia wurde als Kirche, nicht als Moschee erbaut“, betonte der Patriarch. Zugleich hielt er fest, dass die einstige Kathedrale besser ein Museum bleiben solle, die Frage der Bewahrung der Hagia Sophia als eines herausragenden Weltkulturerbes dürfe nicht zu einem Zwist zwischen Christen und Muslimen führen.

Anfang 2014 stellte Bartholomaios I. in einer Rede im Phanar fest, sollte die Hagia Sophia wieder ein Ort des Gebets und der Gottesverehrung sein, könne das nur als christliche Kirche geschehen, „denn zu diesem Zweck wurde sie erbaut“. Der Patriarch nahm auf die bereits damals aufgetauchten Pläne Bezug, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen. Wörtlich sagte er: „Als Kirche sind wir gegen alle Pläne, aus der Hagia Sophia eine Moschee zu machen. Die ganze christliche Welt wird sich gegen solche Absichten wenden“. Die Äußerungen des Patriarchen wurden in den türkischen Medien breit rezipiert.

Wenig später betonte Bartholomaios I. bei einem Besuch in Bonn in einem Radiointerview: „Ich denke, dass die Hagia Sophia nicht in eine Moschee umgewandelt wird. Der Verstand und das Bewusstsein des wahren Interesses der Türkei wird das verhindern, die Hagia Sophia wird ein Museum bleiben. Ich habe das in meinen öffentlichen Stellungnahmen betont, auch im Gespräch mit den leitenden Persönlichkeiten der UNESCO. Schließlich steht die Hagia Sophia ja unter dem Schutz dieser internationalen Organisation. Die Hagia Sophia ist heute ein Museum, das allen Besuchern offen steht. Hunderte, wenn nicht Tausende kommen jeden Tag – die Türkei zieht hohen Gewinn aus den Eintrittsgebühren“.

 

Schlüssel für Freundschaft zwischen Christen und Muslimen

Mittlerweile hat sich innerhalb der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ eine Initiativgruppe von Laien und Priestern gebildet, die an den türkischen Präsidenten Recep T. Erdogan appelliert, den Status der Hagia Sophia als Museum nicht zu verändern. Die Initiativgruppe sammelt mit einem „Appell der ukrainischen Öffentlichkeit im Hinblick auf den Status der Hagia Sophia“ im ganzen Land Unterschriften. In einem Brief an Erdogan stellen die Mitglieder der Initiativgruppe fest: „Wir respektieren die Souveränität und Würde der türkischen Republik, das Recht und die ausschließliche Verantwortung der Regierung in Ankara, Entscheidungen auf dem Territorium der Türkei zu treffen. Wir können nichts anderes tun, als zu hoffen und Sie demütig zu bitten, unsere Stimme zu hören“. Ein neutraler Status der Hagia Sophia-Kathedrale sei der Schlüssel für „Freundschaft, Respekt und Verständigung“ nicht nur zwischen dem ukrainischen und dem türkischen Volk, sondern auch zwischen den beiden größten Kulturen der Welt, der muslimischen und der christlichen.

In dem „Appell der ukrainischen Öffentlichkeit“ heißt es u.a., für die Ukraine sei die Hagia Sophia eines der „zentralen historischen Symbole“. Dieses Gotteshaus habe eine entscheidende Rolle in Geschichte und Kultur des ukrainischen Volkes gespielt. Großfürst Wolodymyr (Wladimir) habe das Christentum unter dem Eindruck der Schilderungen über die Schönheit der Kathedrale angenommen. Fast 500 Jahre hindurch sei die Hagia Sophia die zentrale Kathedrale der ukrainischen Kirche gewesen, zugleich auch das Vorbild für die heiligste Kathedrale der Ukraine, die Hagia Sophia in Kiew. Bis zum heutigen Tag verkörpere die Hagia Sophia den Geist und die Philosophie der Weltstadt am Bosporus. Die Kathedrale sei nicht ein Symbol des Osten oder des Westens, sondern vielmehr ein Symbol der Einheit, der Ort, wo Ost und West respektvoll aufeinander treffen, und „ein großer Segen für die Türkei“.

Der Appell macht sich die in der Türkei übliche Interpretation der Tradition des Osmanischen Reiches zu eigen: „Das Osmanische Reich hat viele Völker und Nationen vereinigt, Muslime, Christen und Juden. Von Mesopotamien bis Marokko, von Österreich bis Äthiopien war es offen und gastfreundlich gegenüber unterschiedlichen Kulturen und Traditionen aus Asien, Afrika und Europa. So wurde das Osmanische Reich machtvoll und konnte über viele Gegner triumphieren – einschließlich etlicher engstirniger Fanatiker, deren Nachfolger sich auch heute gegen die Türkei wenden. Dieses Erbe der Offenheit und kulturellen Verschiedenheit ist der größte Schatz der Türkei“.

Unter Bezugnahme auf die muslimische Präsenz in der Ukraine wird die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass es auch in einem heute muslimisch geprägten Land wie der Türkei Offenheit für Christen geben möge. Die Zeiten des Kampfes zwischen christlicher und muslimischer Welt seien lang vorbei, heute würden sich Christen und Muslime gemeinsam gegen Materialismus und Atheismus wenden. Die moderne religiöse Welt beruhe nicht auf Wettbewerb, sondern auf gegenseitiger Hilfe: „Wir Nachkommen von Abraham, Isaak und Ismael sollten für Frieden, Wohlstand und Einheit zusammenarbeiten, wie es dem Willen Gottes entspricht“. Dieser Geist des gegenseitigen Vertrauens sei für die beiden „großen Länder der Schwarzmeer-Region“, die Türkei und die Ukraine, von größter Bedeutung.

 

UNESCO müsste zustimmen

In der Türkei ist inzwischen Justizminister Abdulhamit Gül mit der Bemerkung hervorgetreten, es sei „der Wunsch von uns allen“, die Ketten der Hagia Sophia zu durchbrechen und sie wieder für das islamische Gebet zu öffnen. Das sei der Auftrag des Eroberer-Sultans Mehmet. Der türkische Historiker und Literat Ahmet Anapali teilte mit, ein anonymer Gönner habe bereits Gebetsteppiche im Ausmaß von 7.500 Quadratmetern für die Hagia Sophia gestiftet.

Die Generaldirektorin der UNESCO, Audrey Azoulay, machte hingegen deutlich, dass eine Veränderung des Status der Hagia Sophia der Zustimmung der UNESCO bedarf. 1985 wurde die Hagia Sophia ausdrücklich als Museum zum Weltkulturerbe erklärt.