„Historisches Ereignis“ für syrisch-orthodoxe Marienpfarre in Wien

In Leopoldau entsteht der erste syrisch-orthodoxe Kirchenneubau in Österreich – Feierliche Verlegung des „Grundsteins“ unter dem künftigen Altar durch Metropolit Mor Dionysios – Rohbau des Gotteshauses wurde in der Rekordzeit von sieben Monaten erstellt

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Foto: © Stalinsunnykvj (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 03.11.19 (poi) Ein historisches Ereignis fand am Sonntag in der syrisch-orthodoxen Marienpfarre in Wien-Leopoldau statt: Der für Österreich zuständige Metropolit Mor Dionysios Isa Gürbüz versenkte – wie es in syrisch-orthodoxen Gotteshäusern vorgeschrieben ist – den „Grundstein“ (mit Bibel und Kapseln mit Zeitzeugnissen) unter dem künftigen Altar der im Rohbau fertig gestellten Marienkirche. Zugleich wurde in dem Gotteshaus – der ersten neuerbauten syrisch-orthodoxen Kirche in Österreich – zum ersten Mal die Heilige Liturgie gefeiert. An dem Gottesdienst nahmen Hunderte Gläubige teil, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Siham Islek, konnte aber auch zahlreiche Ehrengäste – u.a. den Wiener Weihbischof Franz Scharl (der die Grüße von Kardinal Christoph Schönborn überbrachte), den koptisch-orthodoxen Bischof Anba Gabriel, den emeritierten Brüsseler syrisch-orthodoxen Chorepiskopos Abdulkerim Günel und den Floridsdorfer Bezirksvorsteher Georg Papai – begrüßen. Siham Islek bezeichnete den langersehnten Kirchenbau als „Meilenstein“ in der Entwicklung der syrisch-orthodoxen Kirche in Wien. Zugleich habe der Bau auch eine große gesellschaftliche Bedeutung.

Der Rohbau wurde in der Rekordzeit von sieben Monaten erstellt. Damit sei ein seit zehn Jahren gehegter Traum in Erfüllung gegangen, sagte der Vorsitzende der pfarrlichen Baukommission, Atilla Alici. Der Kirchenbau – und das anschließende Wohnheimprojekt – sei zugleich zu einem Ausdruck der „starken Gemeinschaft“ der syrisch-orthodoxen Gemeinde und ihres inneren Zusammenhalts geworden. Alici erläuterte die Bauprinzipien des modernen Gotteshauses: So stehen die vier großen Säulen für die vier Evangelisten, die je sechs kleineren für die zwölf Apostel.

Metropolit Mor Dionysios unterstrich, dass im Europa von heute der Neubau einer Kirche ein „großes Ereignis“ ist: „Das Christentum ist die Wurzel der europäischen Kultur“. Die syrisch-orthodoxen Christen fühlten sich in Österreich als einem Land des „Friedens, der Mitmenschlichkeit und Kultur“ wohl. Der Metropolit betonte das Miteinander mit der römisch-katholischen Kirche und mit der koptisch-orthodoxen Kirche. Dabei erinnerte er daran, dass das Miteinander von syrischer und koptischer Kirche – beide Gemeinschaften gehören zur orientalisch-orthodoxen Kirchenfamilie – bereits bei einem alttestamentlichen Propheten vorgezeichnet wurde. In seiner Predigt verwies der Metropolit auf den Kirchweihtag aller syrisch-orthodoxen Gotteshäuser, der am Sonntag begangen wurde. Dabei arbeitete er heraus, dass die christliche Gemeinde nicht lediglich eine „Versammlung von Gläubigen“ ist, sondern den „Leib Christi“ bedeutet. Von entscheidender Bedeutung sei der „lebendige Glaube an Jesus Christus“. Der Pfarrer der Marienpfarre, Abuna Toma Alexi Kasibrahim, hatte bereits eingangs das Glaubensfundament der Christen hervorgehoben und die Gläubigen zum Gebet für die beiden entführten Metropoliten von Aleppo – Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi – eingeladen.

Das ökumenische Miteinander zwischen der syrisch-orthodoxen Marienpfarre und der benachbarten römisch-katholischen Pfarrgemeinde Leopoldau betonte Dechant P. Klaus Coolen. Mit dem neuen Gotteshaus werde nicht nur ein eindrucksvolles Gebäude geschaffen, es gehe auch um den Aufbau der Gemeinde aus „lebendigen Steinen“. Die syrisch-orthodoxe und die römisch-katholische Gemeinde hätten ihre je eigene Identität mit besonderen Talenten, „aber gemeinsam sind wir stark“. Der Floridsdorfer Bezirksvorsteher würdigte in herzlichen Worten den ersten syrisch-orthodoxen Kirchenbau in Österreich und sagte: „Wir sind stolz, ein Land der Religionsfreiheit, des Religionsdialogs und des sozialen Ausgleichs zu sein“. Der Bau des neuen Gotteshauses sei „ein Statement über die konfessionellen Grenzen“ hinaus, hier entstehe ein Ort „des Miteinanders, der Gemeinschaft, des Dialogs“.

Einer der Initiatoren des Kirchenbaus, Israil Günel, schilderte eindrucksvoll die Entwicklung von der vor 30 Jahren entstandenen Idee eines syrisch-orthodoxen Kirchenneubaus in Wien über die Förderung durch den 2005 verstorbenen ersten syrisch-orthodoxen Metropoliten für Mitteleuropa, Mor Julius Isa Cicek, bis zum Aufbau der Mariengemeinde in Leopoldau, die seit 2013 von Abuna Toma geleitet wird. Günel legte die hohe symbolische Bedeutung der Grundsteinlegung dar, in der die Geschichte der syrisch-orthodoxen Kirche zum Ausdruck kommt, zum Beispiel in den vier Steinen aus wichtigen Gotteshäusern. Unter dem künftigen Altar der Marienkirche in Leopoldau wurde je ein Stein aus dem Jerusalemer St. Markus-Kloster (das als Ort des Letzten Abendmahls gilt), aus der Marienkathedrale von Diyarbakir (Amida), einem ehemaligen Patriarchensitz, aus der Marienkirche von Hah im Tur Abdin, dem ältesten christlichen Gotteshaus der Welt, und aus der Kirche von Keferze im Tur Abdin (dem Geburtsort von Mor Dionysios) versenkt. Besonders hob Günel die ebenfalls unter dem Altar versenkte Facsimile-Ausgabe der 1555 in Wien gedruckten syrischen Bibel des Moses von Mardin hervor, sie sei ein Zeichen, wie sehr Österreich schon in früherer Zeit mit dem syrisch-orthodoxen Christentum verbunden war.