„Im Schatten der (heiligen) Weisheit“

Prof. Pablo Argarate, Leiter des Instituts für Ökumenische Theologie, Ostkirchliche Orthodoxie und Patrologie an der Grazer Katholisch-theologischen Fakultät, zur Causa Hagia Sophia

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Foto: © Dean Strelau (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Graz, 28.07.20 (poi) Prof. Pablo Argarate, Leiter des Instituts für Ökumenische Theologie, Ostkirchliche Orthodoxie und Patrologie an der Grazer Katholisch-theologischen Fakultät, hat auf der Website der Grazer Universität zur Causa Hagia Sophia Stellung genommen. Der Ostkirchenexperte – der u.a. auch Vorsitzender der „Pro Oriente“-Commission for Ecumenical Encounter between the Catholic Church and the Oriental Orthodox Churches“ (CEE) ist – analysiert den Hintergrund der umstrittenen Entscheidung des türkischen Staatspräsidenten Recep T. Erdogan.

Die Stellungnahme von Prof. Argarate im Wortlaut:  „Religionen sind (fast) immer verortet. Besondere ‚loci‘ werden wahrgenommen, als ‚topoi‘, wo das Heilige besonders präsent und tätig ist. Innerhalb der Religionen und sogar der Konfessionen gibt es konkurrierende Aneignungen der ‚loci sancti‘. Wenn es zum Krieg kommt, schien es nur logisch, dass die Götter der Besiegten den Göttern Platz machen mussten, welche sich im Sieg als stärker erwiesen hatten. Beim Einzug der Sieger wurden die heiligen Orte der Besiegten entweder völlig zerstört (z.B. von den IS-Terroristen) oder zur Religion der Sieger konvertiert. Dies geschah nicht nur im Islam (z.B. mit der Umayyaden-Mosche in Damaskus), sondern auch  im Christentum, das alte heidnische Tempel (Baalbek, Pantheon in Rom) oder sogar Moscheen, wie in Cordoba, zu Kirchen umwandelte.

Der Bau der wichtigsten Tempel der Religionen ist niemals neutral, sondern immer Teil eines gesamten politischen Programmes. Das gilt auch für die (ost)römischen Kaiser Konstantin und später Justinian, welche die Kirche der ‚heiligen Weisheit‘ (Hagia Sophia) bauen bzw. wiedererrichten ließen. Nach der türkischen Eroberung 1453 ließ Mehmet II. sie logischerweise in eine Moschee umwandeln.

Es gibt jedoch zwei wichtige historische Ausnahmen für solche Umwandlungsprozesse. Zunächst weigerte sich der Kalif ʿUmar, als er Jerusalem eroberte, die Grabeskirche (die wichtigste Kirche des Christentums) zu betreten, damit sie nicht später dem Islam gehörte. 1934 machte Atatürk die Moschee ‚Ayasofya‘ zum Museum. Grund dafür war nicht, sie zum Ort des Dialogs der Religionen oder Begegnung der Kulturen zu machen, sondern eher sein laizistisches Programm, dass die Rolle der Religion in Grenzen halten wollte. 86 Jahre später agiert nun Erdogan nicht weniger politisch, wenn auch in der entgegengesetzten Richtung. Weder damals noch heute steht die Religion im Vordergrund. Die heutige autokratische Entscheidung (der Verwaltungsgerichtshof legte sie, warum auch immer, völlig in seine Hände) ist Teil seiner aggressiven Politik: Machtdemonstration, Ablenkung von der großen finanziellen Krise und innerer Repression, aber auch ein weiterer Schritt in der ständigen Provokation des Westens und insbesondere der Griechen, welche sich als Nachfolger der ‚Byzantiner‘ wahrnehmen. Am 24. Juli (Jahrestag des Vertrags von Lausanne 1923) wurde die Hagia Sophia wieder zu einer Moschee. Ob dies von (heiliger) Weisheit inspiriert wurde, bleibt äußerst fraglich“.