„In erster Linie sind wir Orthodoxe, dann erst Griechen, Russen, Ukrainer usw.“

Ökumenischer Patriarch Bartholomaios I. warnt in Radiointerview vor dem Wiederaufleben des „Phyletismus“, des Nationalismus im kirchlichen Bereich, wie er schon 1872 feierlich verurteilt wurde – Patriarchat von Konstantinopel „dient der ganzen Orthodoxie, dem ganzen Christentum und der ganzen Menschheit“

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Foto: © Адміністрація Президента України (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution 4.0 International)

Konstantinopel, 11.02.20 (poi) „In erster Linie sind wir orthodoxe Christen und dann erst Griechen, Russen, Bulgaren, Ukrainer oder sonst etwas“: Dies betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in einem Interview mit einem australisch-griechischen Radiosender. Seit dem Fall des Kommunismus sei leider ein Wiederaufleben des „Phyletismus“ im kirchlichen Bereich festzustellen. Unter „Phyletismus“ wird im orthodoxen Sprachgebrauch der in die Kirche eingedrungene Nationalismus des 19. Jahrhunderts verstanden. 1870 begründete der osmanische Sultan und Kaiser Abdulaziz I. mit einem Ferman das bulgarisch-orthodoxe Exarchat mit Sitz in Konstantinopel. Daraufhin berief das Ökumenische Patriarchat eine Panorthodoxe Synode ein, die im September 1872 den Beschluss fasste: „Wir weisen zurück, verurteilen und verdammen den Phyletismus, das heißt die Unterscheidung nach Völkern, den ethnischen Streit, die Zwietracht und die Trennungen in der Kirche Christi als einen Widerspruch zur Lehre des Evangeliums und zu den heiligen Kanones unserer gottseligen Väter, die die heilige Kirche stützen, die ganze Christenheit ordnen und sie zur Gottesverehrung anleiten“. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche wurde für schismatisch erklärt, erst 1945 kam es zur Versöhnung. Der „Phyletismus“ breitete sich aber trotzdem aus, vor allem in der Diaspora, wo in einer Stadt wie New York mittlerweile zehn orthodoxe Bischöfe unterschiedlicher Jurisdiktion residieren.

Bartholomaios I. betonte in dem Interview die Notwendigkeit, im Hinblick auf die Zukunft Europas an die christlichen Traditionen zu erinnern: „Es ist unsere Pflicht, als Repräsentanten der Kirchen größere Anstrengungen zu unternehmen, damit die Europäer im Alltagsleben den Lehren des Evangeliums folgen. Wir dürfen unsere Wurzeln nicht abschneiden und nie vergessen, dass das Christentum die Grundlage der europäischen Zivilisation ist“.

In dem Interview nahm der Ökumenische Patriarch auch zu verschiedenen Aspekten des modernen Lebens Stellung wie der ethischen Bewertung wissenschaftlicher Entwicklungen und der Ausbreitung von „fake news“. Als Beispiel für den Missbrauch von Wissenschaft und Technik nannte Bartholomaios I. ausdrücklich das Klonen, Stichwort „Dolly“. Das Phänomen der „fake news“ habe sich bis in den kirchlichen Bereich ausgebreitet: „Es ist eine Sünde, Menschen durch ‚fake news‘ irre zu führen“.

Eine scharfe Absage erteilte der Patriarch neo-osmanischen Bestrebungen zur neuerlichen Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee: „Die Hagia Sophia gehört der ganzen Menschheit. Für uns wird sie immer eine historische, traditionsreiche und glorreiche christliche Kirche sein. Wir möchten, dass sie ein Museum bleibt, sodass Besucher aus aller Welt sie weiterhin bewundern können“.

In der Vorwoche hatte der Patriarch am 5. Februar bei einer Begegnung mit Professoren und Studenten aus dem griechischen Grevena – und in Gegenwart des orthodoxen Erzbischofs von Australien, Makarios(Grienizakis) – den besonderen Dienst der „Mutterkirche von Konstantinopel“ unterstrichen. Dieser Dienst geschehe „bisweilen unter günstigen, bisweilen unter ungünstigen Umständen“, aber er sei sicher, dass „bessere Tage kommen werden“, so Bartholomaios I. Konstantinopel sei der „spirituelle Nährboden“ der griechischen Nation, hier sei „die Arche, in der die geheiligten Schätze der Nation bewahrt werden“. Das Ökumenische Patriarchat setze eine jahrhundertelange Tradition fort, in deren Verlauf das Patriarchat nicht nur „seinen eigenen spirituellen Kindern“ gedient habe, sondern „der ganzen Orthodoxie, dem ganzen Christentum und der ganzen Menschheit“. Wörtlich fügte Bartholomaios I. hinzu: „Das Patriarchat ist das Herz der Orthodoxie. Es hat einen besonderen Wert für uns orthodoxe Griechen, aber noch mehr für alle orthodoxen Christen, die hier ihren Bezugspunkt haben“.

Was die jüngeren autokephalen orthodoxen Kirchen betreffe, müsse daran erinnert werden, dass sie in Konstantinopel ihre Autokephalie (Selbständigkeit) und „gewissermaßen ihre eigene Persönlichkeit“ gewonnen haben. Leider gebe es „undankbare Kinder“, die nicht anerkennen wollen, was sie aus Konstantinopel empfangen haben: Die Taufe, die Kultur, das Alphabet usw. Die Mutterkirche von Konstantinopel habe sich selbst entäußert, um anderen etwas geben zu können, so Bartholomaios I. Weil sie Mutter sei, werde die Kirche von Konstantinopel weiterhin alle Welt lieben. Sie sei keine „Rabenmutter“, wie ein Metropolit der orthodoxen Kirche von Griechenland sie beschuldigt habe: „Sie war, ist und bleibt eine wahre Mutter“.