In Paris wurde ein bedeutsames Dokument interorthodoxer Versöhnung unterzeichnet

Übereinkommen soll für die Moskau bzw. Konstantinopel unterstehenden Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa eine „Zukunft in Frieden und Eintracht“ ermöglichen – „Der Name der Kirche ist kein Name der Spaltung, sondern ein Name der Einheit und der Harmonie“

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Foto: © Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Paris, 05.12.20 (poi) Ein Dokument interorthodoxer Versöhnung wurde am Freitag, 4. Dezember, in Paris von den Metropoliten Emmanuel (Adamakis) und Jean (Renneteau) unterzeichnet. Metropolit Emmanuel gehört zum Patriarchat von Konstantinopel, in seiner Metropolie gibt es seit Juli ein „Russisches Vikariat“, Metropolit Jean ist für die Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa unter dem Omophorion (der Oberhoheit) des Patriarchen von Moskau zuständig. Nach der 2018 vom Phanar gewollten Aufhebung der Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa, die unter dem Omophorion des Patriarchen von Konstantinopel stand, entschlossen sich die meisten der russischen Diasporagemeinden mit Metropolit Jean an der Spitze, sich Moskau zu unterstellen. Einige Gemeinden zogen es vor, bei Metropolit Emmanuel anzudocken. Diese Spaltung führte zu schmerzlichen Auseinandersetzungen. Das jetzt von Metropolit Emmanuel und Metropolit Jean unterzeichnete Dokument wird von kirchlichen Beobachtern als bemerkenswert eingestuft. Es ist das erste Versöhnungssignal seit Beginn der Auseinandersetzung zwischen Konstantinopel und Moskau um die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“.
Wie es im Kommunique der Erzeparchie über das am Freitag unterzeichnete Versöhnungsdokument heißt, hätten Repräsentanten beider Seiten intensiv daran gearbeitet, „ein starkes und beispielhaftes Signal“ dafür zu setzen, „wie das Leben in der Kirche sein soll“. Das Ergebnis dieser Bemühungen sei das jetzt unterzeichnete Übereinkommen, das den verschiedenen Gemeinschaften eine „Zukunft in Frieden und Eintracht“ ermöglichen soll. Das Übereinkommen bezieht sich auf drei Bereiche. Es legt zum ersten die gegenseitige Anerkennung und den „gewissenhaften Respekt“ für die Entscheidungen der Pfarrgemeinden und monastischen Gemeinschaften fest, ob sie Moskau oder Konstantinopel unterstehen wollen. In diesem Zusammenhang enthält das Übereinkommen auch eine Bestimmung, die auf eine „Gütertrennung“ (einschließlich der Kirchengebäude) hinausläuft, damit alle Gemeinschaften den von ihnen gewählten spirituellen Weg friedlich gehen können. Zweitens soll die „brüderliche und kirchliche“ Koexistenz zwischen den Gemeinschaften, die in der jetzt Moskau unterstellten Erzeparchie verblieben sind, und jenen, die sich den verschiedenen konstantinopolitanischen Metropolien in Westeuropa angeschlossen haben, „organisiert und garantiert“ werden. Drittens wird „für alle“ der Zugang zum gemeinsamen „reichen spirituellen und kulturellen Erbe“ garantiert, das von der Erzeparchie (bzw. ihrer Trägerorganisation nach französischem Recht, Frankreich erkennt den Kirchen generell keinen juridischen Status zu) aufbewahrt und digitalisiert wird. Diese Festlegung ist von großer Bedeutung, weil die nach der Oktoberrevolution entstandenen russischen Diasporagemeinden in Frankreich der Brennpunkt der orthodoxen theologischen und kirchlichen Erneuerung waren, die in Russland vom atheistischen Regime systematisch verhindert wurde (ein Symbol dieser Erneuerung ist das Theologische Institut Saint-Serge in Paris).
Das Kommunique beginnt mit einem Zitat des Heiligen Johannes Chrysostomos: „Der Name der Kirche ist kein Name der Spaltung, sondern ein Name der Einheit und der Harmonie“. In den Schlusspassagen wird betont, dass die Arbeit an dem Übereinkommen vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie begonnen habe. Die Repräsentanten beider Seiten seien überzeugt, dass die Prüfung der Pandemie zu der von allen gewünschten „kirchlichen Befriedung“ beitragen „kann und muss“. Alle müssten sich jetzt auf das Essenzielle konzentrieren: Nächstenliebe und das Beispiel der Vergebung.
Die Pariser „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition“ geht auf die Fluchtbewegung ab 1918 zurück, als die „Entente“ (Großbritannien, Frankreich, Italien, USA) nicht imstande war, die mit atheistischer Kirchenverfolgung verbundene – und von den „Mittelmächten“ finanzierte – bolschewistische Machtergreifung in Russland einzudämmen. Die Flüchtlinge wandten sich zunächst auf die Krim, dann über Konstantinopel vor allem nach Paris und Berlin. 1921 ernannte der Moskauer Patriarch Tichon den in Paris residierenden Metropoliten Jewlogij (Georgijewskij; 1868-1946) zu seinem Repräsentanten in Westeuropa. 1927 untersagte der im jugoslawischen Sremski Karlovci residierende Heilige Synod der russischen Kirche im Ausland dem Metropoliten die Ausübung seiner bischöflichen Rechte. Daraufhin kam es zu einer Spaltung in der russischen Emigration. 1931 unterstellte sich der Metropolit „zeitweise“ – um dem Druck der sowjetischen Politik zu entgehen – dem Omophorion des Ökumenischen Patriarchen. Ein Jahr vor seinem Tod (1945) kehrte er in die Jurisdiktion der russisch-orthodoxen Kirche zurück. Die meisten Priester und Gläubigen blieben aber unter Konstantinopel.
Das Ökumenische Patriarchat errichtete ein Exarchat für die Gemeinden der russischen Diaspora, das in unterschiedlichen juridischen und jurisdiktionellen Konstellationen bis 1999 bestand. 1999 gewährte der jetzige Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. der „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition“ einen „Tomos“ mit weitgehenden Autonomie-Rechten. Oberhaupt dieser Kirche war zunächst Erzbischof Job (Getcha) – heute Repräsentant Konstantinopels beim Weltkirchenrat in Genf -, dann Erzbischof Jean (Renneteau). Am 27. November 2018 beschloss der Heilige Synod von Konstantinopel überraschend (und ohne Konsultation mit Erzbischof Jean), den „Tomos“ von 1999 aufzuheben, die Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa wurden aufgefordert, sich den jeweiligen Metropolien des Ökumenischen Patriarchats anzuschließen und zu unterstellen.
Die meisten Priester, Mönche und Laien der Erzeparchie – mit Erzbischof Jean an der Spitze – wollten die konstantinopolitanische Entscheidung nicht akzeptieren. Bei einer Generalversammlung am 28. September 2019 wurde zwar nicht der kollektive Beitritt unter die Moskauer Jurisdiktion beschlossen, der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats ermöglichte aber am 7. Oktober 2019 den individuellen Beitritt von Gemeinden, Klerikern und Mönchen. Die Mehrheit der Gemeinden, Kleriker und Mönche folgte dem Beispiel von Erzbischof Jean, der sich dem Moskauer Patriarchen unterstellt hatte. Das Moskauer Patriarchat zeichnete das Oberhaupt der Erzeparchie mit dem Titel eines „Metropoliten von Dubna“ aus (Dubna ist eine 1947 nördlich von Moskau in sowjetischer Zeit errichtete „Wissenschaftsstadt“ mit Spitzeninstitutionen des naturwissenschaftlich-technischen Bereichs). Wer Erzbischof Jean nicht folgen wollte, schloss sich entweder der „Metropolie von Gallien“ oder der rumänischen, bulgarischen oder serbischen orthodoxen Kirche an.
Das Moskauer Patriarchat hat der „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa“ weitgehende Autonomie eingeräumt. Die Erzeparchie hat viele Impulse des russischen Landeskonzils von 1917/18 aufgenommen, bewahrt und weiterentwickelt, die in der Zeit der Sowjetunion unter kommunistischer Herrschaft weitgehend blockiert waren.