In Prag werden orthodoxe „Neumärtyrer“ der NS-Besatzungszeit heilig gesprochen

Die Märtyrer waren Gefährten von Bischof Gorazd (Pavlik), in dessen Kathedrale tschechische Fallschirmjäger nach dem Attentat auf den NS-Satrapen Heydrich Zuflucht gesucht hatten

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Foto: © Ludek (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Prag, 07.02.20 (poi) In der Prager orthodoxen Kyrill-Method-Kathedrale werden am Samstag, 8. Februar, „Neumärtyrer“ heilig gesprochen, die Gefährten von Bischof Gorazd (Pavlik) waren; sie wurden 1942 von den NS-Besatzern nach dem Anschlag auf den SSler Reinhard Heydrich, den sogenannten „stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren“, ermordet. Der Beschluss über die Heiligsprechung war am 10. Oktober des Vorjahrs vom Heiligen Synod der orthodoxen Kirche Tschechiens und der Slowakei gefasst worden. Im „Troparion“ zum Fest der neuen Heiligen heißt es: „Heute preisen wir alle Christus, der in seinen Zeugen verherrlicht ist, den Priestern Vaclav und Vladimir, die zusammen mit gläubigen Mitgliedern des Volkes Gottes, dem Märtyrer Jan und einer Schar von Männer und Frauen die Tyrannei der Gottlosen nicht fürchteten, sondern voll der Hoffnung auf Unsterblichkeit ihre Seelen in die Hand des Herrn des Lebens gaben. Stärke, o barmherziger Gott, durch ihre Fürsprache den orthodoxen Glauben in unseren Ländern und gib uns allen den Mut, dein Reich mit unserem Leben zu bezeugen“.

Im Mai 1942 verübten tschechoslowakische Fallschirmjäger, die unentdeckt abgesprungen waren, ein Attentat auf Heydrich. Einigen der Attentäter gelang es, sich in der Krypta der orthodoxen Kathedralkirche in Prag zu verstecken. Doch die Gestapo kam ihnen durch Verrat auf die Spur. Das Gotteshaus wurde am 18. Juni 1942 von deutschen Soldaten umstellt und beim folgenden Kampf im Inneren der Kathedrale wurden alle Widerstandskämpfer getötet. Aufgrund der Tatsache, dass die Freiheitskämpfer in der Krypta der orthodoxen Kathedrale Zuflucht gefunden hatten, war auch das Schicksal Bischof Gorazds besiegelt. Um wenigstens das Leben der schon am Tag der Erstürmung des Gotteshauses verhafteten beiden Priester, sowie des Mesners und seiner Familie zu retten, war er bereit, als zuständiger Bischof die gesamte Verantwortung auf sich zu nehmen. Am 25 Juni wurde Bischof Gorazd verhaftet und schwer gefoltert. Am 3. September verurteilte man ihn zum Tod durch Erschießen. Mit Bischof Gorazd wurden auch der Kathedralpfarrer Vaclav Cikl, und der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Jan Sonnevend, erschossen. Einen Tag später folgte ihnen Vladimir Petrek, der als einfacher Priester an der Kathedralkirche gedient hatte, ins Martyrium nach.

Weitere 236 Personen – angebliche Mitverschworene der Fallschirmjäger – wurden im Oktober 1942 im Konzentrationslager Mauthausen umgebracht. Unter ihnen befanden sich neun Mitglieder der orthodoxen Kathedralgemeinde: Marie Ciklova, die Gattin von Pfarrer Vaclav Cikl, Marie Gruzinova, die Sekretärin von Bischof Gorazd, Marie Sonnevendova, die Gattin Jan Sonnevends, Ludmila Rysava, ihre Tochter, Vaclav Ornest, der Mesner der Kathedrale, Frantiska Ornestova, seine Gattin, Miluse Ornestova, ihre Tochter, Karel Louda und Marie Loudova. Bereits am 1. September 1942 war die orthodoxe Kirche der böhmischen Länder verboten und ihr gesamtes Eigentum von den NS-Behörden eingezogen worden. Ihre Gotteshäuser wurden geschlossen und alle Geistlichen zur Zwangsarbeit nach Deutschland abtransportiert.

Bischof Gorazd war die Zentralgestalt der „Wiedergeburt“ der orthodoxen Kirche in den böhmischen Ländern. Gorazd – sein weltlicher Name lautete Matej Pavlik – wurde 1879 in Hruba Vrbka in Mähren in eine katholische Familie geboren. Sein Vater war Bauer und Bürgermeister. Nach dem Studium in Olomouc (Olmütz) wurde er 1902 zum katholischen Priester geweiht. Er war zunächst als Kaplan in verschiedenen Pfarrgemeinden, dann als Kirchenrektor an einem psychiatrischen Sanatorium tätig. Bereits in seiner Studienzeit war er sehr interessiert an Leben und Werk der heiligen Slawenapostel Kyrill und Method. Daraus erwuchs dann ein tiefes Interesse für das Glaubensleben der orthodoxen Kirche. So besuchte er auch während seiner Studienzeit das Russische Reich und war u.a. in Kiew und im dortigen Höhlenkloster.

Während des 1. Weltkriegs wuchs in ihm die Ablehnung gegenüber vielen Lehren und Ansichten der römisch-katholischen Kirche. Nach dem Krieg schloss er sich zunächst der Bewegung der sogenannten „Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche“ an. Schon bald aber erkannte er, dass dieser liberale, „altkatholische“ Weg ihn nicht zur Kirche der heiligen Apostel zurückführen konnte. Und so begann er innerhalb dieser Bewegung für einen Anschluss an die Orthodoxie zu werben. Am 20. September 1921 bekannten Matej Pavlik und fünfundzwanzig weitere Gemeindevertreter in Sremski Karlovac während einer Sitzung des Heiligen Synods der serbischen Kirche ihre Übereinstimmung mit dem orthododoxen Glaubensbekenntnis und baten um Aufnahme in die orthodoxe Kirche. Am folgenden Hochfest Mariä Geburt erhielt Matej Pavlik im Kloster Krusedol die Mönchsweihe und den Namen Gorazd (der Heilige Gorazd war ein aus Mähren gebürtiger Schüler des Heiligen Method).

Am 25. September weihten der serbische Patriarch Dimitrije, Metropolit Antonij (Chrapowitskij), der die russische Kirche im Exil leitete und andere Bischöfe – in Anwesenheit fast des gesamten Episkopats der serbisch-orthodoxen Kirche – den Archimandriten Gorazd zum Bischof der orthodoxen Kirche in den böhmischen Ländern. Er war in seinen Bemühungen um den Aufbau der orthodoxen Kirche in der Tschechoslowakei von unermüdlichem Eifer erfüllt. 1922 fuhr er in die USA, um seinen dort lebenden tschechoslowakischen Landsleuten den Zugang zur orthodoxen Kirche zu ermöglichen. Auch half er den aus der Union mit Rom zur Orthodoxie zurückgekehrten Gläubigen in den Karpaten und setzte sich erfolgreich für die Rechte der wiedererrichteten orthodoxen Eparchien von Mukatschewo und Presov ein. Bischof Gorazd gab den orthodoxen Katechismus, das orthodoxe Gebetbuch und verschiedene gottesdienstliche Bücher – so die Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos und die des Heiligen Basilios des Großen – in tschechischer Sprache heraus.

1961 beschloss die serbisch-orthodoxe Kirche und 1987 die orthodoxe Kirche in Tschechien und der Slowakei, Bischof Gorazd zu den heiligen Neumärtyrern zu zählen. 1999 wurde an der Südwand der orthodoxen Kathedralkirche in Prag ein Schrein für den neuen Heiligen errichtet. Das Zentrum dieses Schreins bildet eine große Ikone des Heiligen Gorazd, rechts und links sind hinter Glas seine bischöflichen Gewänder, sein Hirtenstab und seine Mitra ausgestellt. Die NS-Besatzer hatten seinen Leichnam sofort nach dem Märtyrertod verbrannt.