Irak: Chaldäischer Patriarch lädt zum Gebet für den Papstbesuch ein

Trotz der zurückhaltenden Bemerkung von Papst Franziskus in einem am 10. Jänner ausgestrahlten TV-Interview gehen die Vorbereitungen für die Visite des Papstes entschlossen weiter – Kardinal-Patriarch Sako würdigte gute Zusammenarbeit mit politischen und zivilgesellschaftlichen Kräften

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Foto: © Österreichisches Außenministerium (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Bagdad, 15.01.21 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarchen, Kardinal Mar Louis Raphael Sako, lädt die Gläubigen seiner Kirche ein, ab 17. Jänner jeden Sonntag für den angekündigten Besuch von Papst Franziskus im Irak zu beten. Das Gebet, dessen Text vom chaldäischen Patriarchat bereits veröffentlicht wurde, gilt vor allem auch den „Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen”, damit Papst Franziskus den „erwarteten Besuch tatsächlich durchführen kann“. Ebenso wird für die Anliegen des Papstes gebetet, „den Dialog und die brüderliche Versöhnung zu fördern, das Vertrauen zu stärken, die Werte des Friedens zu festigen und die Menschenwürde zu bekräftigen, insbesondere für die Menschen im Irak, die Zeugen schmerzhafter Ereignisse geworden sind“. Wörtlich heißt es in dem Gebet: “Herr, unser Schöpfer, erleuchte unsere Herzen mit deinem Licht, damit wir erkennen, wo das Gute und der Frieden sind, und beginnen, sie zu verwirklichen”. Abschließend wird die Fürsprache Mariens angerufen, damit die Menschen durch die positiven Auswirkungen der Papstreise in voller nationaler Gemeinschaft leben und geschwisterlich zusammenarbeiten, „um eine bessere Zukunft für unser Land und seine Bürger aufzubauen“.
Die Reise von Papst Franziskus in den Irak findet auf Einladung der Regierung und der katholischen Kirche im Land voraussichtlich von 5. bis 8. März statt. Papst Franziskus hat zwar selbst in einem am 10. Jänner ausgestrahlten TV-Interview angedeutet, dass es noch anders kommen könnte („ich weiß im Moment nicht, ob die Reise stattfinden wird“), aber der chaldäische Kardinal-Patriarch setzt die Vorbereitungen entschlossen fort. In einem Interview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR sagte Mar Louis Raphael Sako, „die Vorbereitungen gehen gut voran“. Die Zusammenarbeit mit den Regierungsbehörden sei optimal. Erst vor kurzem sei er auch mit einer Delegation des schiitischen Geistlichen und Politikers Muqtada al-Sadr zusammengetroffen, dann auch mit Repräsentanten der Nationalen Kommission für die Menschenrechte und mit Exponenten des Irakischen Rates für Frieden und Solidarität. Alle diese Begegnungen dienten dazu, das Terrain für die erhoffte Papstreise vorzubereiten.
Über die Begegnung mit Muqtada al-Sadr war Mar Louis Raphael Sako besonders erfreut, denn der geistliche Politiker hat ein Komitee zusammengestellt, das Dokumente und Unterlagen über Immobilien und Grundstücke sammelt, die illegal ihren christlichen Eigentümern entzogen worden sind. Dieses Thema werde auch mit Regierungsstellen diskutiert, er hoffe sehr, dass es zu einer Lösung im Namen des Rechtes und der Gerechtigkeit kommen wird, so der Kardinal-Patriarch. Auch bei der Begegnung mit den Repräsentanten der Nationalen Kommission für die Menschenrechte habe er betont, dass es notwendig sei, diese Rechte für alle Iraker zu verteidigen, auch für die Christen unter ihnen: „Wir müssen an alle Bürgerinnen und Bürger denken. Alle haben gelitten. Deshalb müssen wir uns auf die Respektierung der Menschenrechte konzentrieren“. Das werde aber erst möglich sein, wenn es im Irak einen demokratischen, säkularen und nicht religiös bestimmten Staat gebe. Das in Abu Dhabi am 4. Februar 2019 unterzeichnete Dokument über „Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ und die jüngste Enzyklika von Papst Franziskus „Fratelli tutti“ gebe den Weg für die Zukunft des Irak vor.
Die Etappen der erhofften Papstreise stehen fest: Bagdad, Ur (die Heimatstadt Abrahams), Erbil, die Hauptstadt der autonomen kurdischen Region, Mosul, Bagdida (Qaraqosh) in der Ninive-Ebene, eine traditionelle Hochburg der Christen. Der Kardinal-Patriarch deutete auch verschiedentlich an, dass es Überlegungen zu einem Besuch des Papstes in Nadschaf, der „heiligen Stadt“ der Schiiten, und eine Begegnung mit deren geistlichem Führer, dem Großayatollah Ali al-Sistani, geben könnte. Im Hinblick auf Nadschaf gebe es noch keine Bestätigung, sagte Mar Louis Raphael Sako im SIR-Interview.
Dem Kardinal-Patriarchen liegt die für 5. März vorgesehene Begegnung des Papstes mit dem Klerus in der syrisch-katholischen Marienkathedrale in Bagdad besonders am Herzen. Die Kathedrale war am 31. Oktober 2010 Ziel eines islamistischen Terroranschlags, 48 Christen unterschiedlichen Alters (unter ihnen zwei Priester am Altar) wurden getötet. Die diözesane Phase des Seligsprechungsverfahrens für diese Märtyrer wurde am 31. Oktober 2019 in Bagdad abgeschlossen. Mar Louis Raphael Sako verweist noch auf andere Märtyrer, wie den Priester Ragheed Ganni, der 2007 in Mosul zusammen mit drei Diakonen ermordet wurde, oder den chaldäischen Erzbischof der Tigris-Metropole, Paulos Faraj Rahho, den Islamisten 2008 entführten und töteten. Bei der Begegnung mit dem Klerus in der Marienkathedrale könnte der Märtyrer gedacht werden, betonte der Kardinal-Patriarch, dem freilich bewusst ist, dass der Weg bis zur offiziellen Seligsprechung noch lang sein wird.
Wieder Marienstatue auf Kirchturm in Bagdida
Wenn Papst Franziskus im Rahmen seines Besuchs im Irak die Stadt Bagdida (Qaraqosh) besucht, wird er auch die große Marienstatue sehen, die jetzt den Glockenturm der „Al Tahira“-Kirche wieder krönt. Die Installierung der Statue, die am 11. Jänner stattfand, ist von großer symbolischer Bedeutung und ein Zeichen der Wiedergeburt der Stadt in der Ninive-Ebene, die von 2014 bis 2016 unter der Herrschaft der IS-Terroristen stand. Der Komplex des Heiligtums von „Al Tahira“ mit seinen zwei Kirchen – eine aus dem 13. Jahrhundert und die neue aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – ist das bekannteste christliche Monument der Stadt. Auch aus diesem Grund verwandelten die Dschihadisten die Anlage in eine militärische Garnison und missbrauchten sie auch als Schießstand und Waffenlager. Während und nach der Besetzung durch die Dschihadisten wurde die Kirche geplündert und verwüstet. Die Restaurierung wurde nun mit der Installierung der Marienstatue auf dem Turm des Heiligtums symbolisch beendet.
Die IS-Terroristen hatten die Stadt in der Nacht vom 6. auf den 7. August 2014 erobert. Zehntausende christliche Einwohner wurden zur Flucht gezwungen. Die meisten suchten Zuflucht in Erbil und in anderen Städten der autonomen kurdischen Region. Die Befreiung von Bagdida fand im Oktober 2016 statt.