Irak: Kirche würdigt die Rettung von Christinnen durch Muslime vor IS

Muslimische Familie in Mossul nahm 2014 zwei hilflose alte Frauen auf und rettete ihnen das Leben – Chaldäisches Patriarchat würdigt selbstlose Aktion über Religionsgrenzen hinweg

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Foto: Beschädigtes Kreuz über Mossul © Jaco Klamer, KIRCHE IN NOT

Bagdad, 27.05.21 (poi) Im Sommer 2014 mussten hunderttausende Irakerinnen und Iraker Hals über Kopf vor dem IS aus der nordirakischen Stadt Mossul bzw. der Ninive-Ebene fliehen, darunter bis zu 100.000 Christinnen und Christen. Das Miteinander unter der Bevölkerung ist in der Region auf lange Zeit schwer beeinträchtigt.

Der Wiederaufbau verlorenen Vertrauens und die Verarbeitung von Traumata sind daher große Herausforderungen für die Zukunft vor Ort. Dieser Tage machte das Chaldäische Patriarchat im Irak ein Ereignis publik, das Hoffnung macht, dass Menschlichkeit nicht an Religionszugehörigkeiten gebunden und eine gemeinsame Zukunft von christlichen und muslimischen Irakis möglich ist.

Mary Fathohi Weber und Camilla Haddad, zwei hochbetagte alleinstehende christliche Frauen, gingen im Juni 2014, als die gesamte christliche Bevölkerung innerhalb weniger Stunden aus Mossul fliehen musste, im allgemeinen Chaos verloren. Niemand wusste um ihr Verbleiben, die Flucht war ihnen augenscheinlich nicht geglückt. In Anbetracht der üblichen Gräueltaten des IS schien dies so gut wie ihr Todesurteil.

Doch die beiden wurden, wie sich erst jetzt herausstellte, von einem muslimischen Nachbarn aufgenommen, der ihre wahre Identität vor dem IS verbarg. Die beiden wurden Teil der Familie von Elias Abu Ahmed mit seinen beiden Ehefrauen und 14 Kindern. Vor den IS-Leuten, die auch seine Wohnung aufsuchten, gab er die beiden alten Frauen als Großmutter und Tante aus. Mary Fathohi Weber starb 2015 eines natürlichen Todes, die inzwischen 98-jährige Camilla Haddad erfreut sich hingegen bis heute guter Gesundheit. Die beiden Frauen gehörten zur Familie. „Wir sind alle Geschwister“, zitierte die Website des chaldäischen Patriarchats den muslimischen Familienvater aus Mossul.

Der chaldäische Patriarch Kardinal Louis Raphael Sako hat laut Bericht dieser Tage Kontakt zu Camilla Haddad aufgenommen, die er noch gut aus seiner Zeit als Priester in Mossul kennt. Demnächst soll es auch zu einem persönlichen Besuch des Patriarchen in Mossul bei der Familie und ihrem christlichen Familienmitglied kommen. Haddad will jedenfalls laut chaldäischem Patriarchat auch ihren weiteren Lebensabend in der muslimischen Familie verbringen.

Mossul wurde erst 2016/17 von kurdischen und irakischen Truppen befreit. Camilla Haddad verdankt ihr Leben zweifellos der beherzten muslimischen Familie.

Unter den christlichen Einwohnern von Mossul wird in Zusammenhang mit der Erfahrung von Mary Fathohi Weber und Camilla Haddad auch an den jüngsten Besuch von Papst Franziskus Anfang März 2021 im Irak erinnert. Bei seinem Besuch in Mossul rief der Papst zur Überwindung des Hasses auf und sagte wörtlich: „Wir wollen auch für uns alle beten, dass wir über die religiösen Bekenntnisse hinweg in Harmonie und Frieden leben können, in dem Bewusstsein, dass wir in den Augen Gottes alle Brüder und Schwestern sind.“