Istanbul: Patriarch Bartholomaios weiht neuen Altar der Wiener „Eisernen Kirche“

Ökumenischer Patriarch betont bei Feier in bulgarischer Kirche, dass in der Orthodoxie um der Kircheneinheit willen das Ortsprinzip vorrangig gegenüber dem Nationalitätenprinzip ist

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Foto ©: Ökumenisches Patriarchat

Istanbul, 06.12.21 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios hat am Sonntag im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes den neuen Altar der bulgarischen Kirche St. Stefan am Goldenen Horn in Istanbul geweiht. Die Hauptkirche der bulgarischsprachigen Gläubigen in Istanbul hat einen historischen Wien-Bezug. Sie trägt auch den Namen „Eiserne Kirche“, weil sie aus Stahl und Eisen erbaut wurde. Nach einer internationalen Ausschreibung waren die einzelnen Bauelemente, die zusammen rund 500 Tonnen wogen, zwischen 1893 und 1896 bei „Waagner-Biro“ in Wien gefertigt und über die Donau und das Schwarze Meer nach Istanbul verschifft worden.

 In seiner Predigt bei der Altarweihe unterstrich der Ökumenische Patriarch einmal mehr, dass alle orthodoxen Christen in Konstantinopel, ungeachtet ihrer nationalen und sprachlichen Herkunft und Identität, „geistliche Kinder“ des Ökumenischen Patriarchats seien. Die Grundlage für die Einheit der Kirche sei das geografische Gebiet: Alle, die an einem bestimmten Ort leben, gehörten unabhängig von ihrer Nationalität kirchlich dem Ortsbischof an, so Patriarch Bartholomaios. Er dankte in diesem Zusammenhang auch der bulgarischen Gemeinde in Istanbul für ihre Loyalität zum Ökumenischen Patriarchat.

 Die Worte des Patriarchen waren angesichts der Geschichte der Kirche St. Stefan wohl gewählt: St. Stefan spielte eine große Rolle bei der bulgarischen politischen und kirchlichen Renaissance im 19. Jahrhundert. Im Zug der bulgarischen Renaissance entwickelten sich auch kirchliche Strömungen, die eine Emanzipation der bulgarisch geprägten Gebiete des Osmanischen Reiches vom Ökumenischen Patriarchat wünschten. Sultan Abdulaziz I. begründete 1870 durch einen Ferman das autonome bulgarisch-orthodoxe Exarchat mit Sitz in Konstantinopel – die Hohe Pforte wollte damit vermutlich auch die Position des Ökumenischen Patriarchats schwächen.

 Als Amtssitz des Exarchen wurde vom Sultan die (damals noch hölzerne) Kirche St. Stefan in Konstantinopel bestimmt, die bereits seit 1849 als Gotteshaus der bulgarischen Gemeinde in der Stadt galt. Das Exarchat proklamierte im Mai 1872 unter dem Exarchen Anthim I. einseitig seine Autokephalie.

 Eine im Spätsommer 1872 in Konstantinopel einberufene Synode, an der die Patriarchen von Konstantinopel, Alexandrien, Jerusalem und Antiochien sowie der Erzbischof von Zypern teilnahmen, erklärte daraufhin, dass das ethnisch-nationale Prinzip für die Bildung neuer Staaten sinnvoll sein könne, für die Kirche jedoch nicht annehmbar sei, da die ethnische Herkunft der Gläubigen keine Rolle spiele. Während die Bildung von Nationalkirchen in souveränen Staaten – etwa der Kirche von Griechenland im unabhängigen Staat Griechenland – legitim sei, wurde die Idee zurückgewiesen, dass innerhalb eines Staates – hier des Osmanischen Reiches – verschiedene orthodoxe Kirchen nach ethnischen Gesichtspunkten entstehen könnten.

 Da das Oberhaupt der bulgarischen Orthodoxen seinen Amtssitz in Konstantinopel hatte, sah die Synode auch das altkirchliche Territorialprinzip verletzt, wonach in einer Stadt nur ein einziger Bischof residieren könne. Die Synode verurteilte im September 1872 ausdrücklich den „Phyletismus“ genannten kirchlichen Nationalismus. Die bulgarische Kirche wurde für schismatisch erklärt. Erst 1945 kam es zur Versöhnung.

 Unterdessen zerstörte ein Brand die alte Holzkirche; die bulgarischen Christen erhielten 1890 vom Sultan die Erlaubnis, ein neues Gotteshaus zu bauen. Die Grundsteinlegung erfolgte 1892 durch den Exarchen Josef I. Der beauftragte armenische Architekt Hovsep Aznavor entschied sich angesichts des schwachen Untergrunds am Goldenen Horn für einen leichten Bau ganz aus Stahl und Eisen und gegen eine Stahlbetonkonstruktion. Die Bauelemente kamen dazu aus Wien. Nach rund eineinhalbjähriger Bauzeit wurde die neue Kirche 1898 geweiht.

 Der tragende Rahmen der Kirche besteht aus Stahl, die Außenhaut aus gusseisernen Platten, die miteinander vernietet, verschweißt und durch Bolzen verbunden sind. In ihrer Architektur vereint die dreischiffige Kirche Elemente der Neogotik und des Neobarock. Die sechs Glocken des 40 Meter hohen Glockenturms wurden in der russischen Stadt Jaroslawl gegossen. Die Ikonostase wurde in Moskau angefertigt.