Jerusalemer Patriarch Pizzaballa: Es braucht Ausgleich von Verschiedenheit und Einheit

Feierlicher Einzug des neuen lateinischen Patriarchen in die Grabeskirche – Bevorstehendes Weihnachtsfest wird „wegen der totalen Absenz von Pilgern auf Grund der Corona-Pandemie“ schwierig werden

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Foto ©: Andrew Shiva (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Jerusalem, 04.12.20 (poi) Der neue lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, hat am Freitag bei seinem feierlichen Einzug in die Grabeskirche („Anastasis“) betont, dass es die Aufgabe der Kirche sei, einerseits die verschiedenen Kulturen zu respektieren, aber zugleich auch für die Einheit einzutreten. Der Patriarch hob die „enormen wirtschaftlichen und sozialen Probleme“ der Christen im Heiligen Land hervor, die durch die Corona-Pandemie noch verschärft worden seien. Es gehe um ein „klares Wort zur Politik“, von der das Leben der christlichen Familien zutiefst betroffen sei. Ebenso gehe es um die Begegnung mit den anderen christlichen Kirchen und „mit den muslimischen und jüdischen Brüdern“. Im „Licht von Ostern“ zu leben, bedeute, mit dem konkreten Leben die christliche Hoffnung zu bezeugen, so der Patriarch. Wörtlich stellte Pizzaballa fest: „Wir gehen gemeinsam mit Gott, den wir kennen, auf eine Zukunft zu, die uns nicht bekannt ist. Die unsichere Zukunft kann Angst auslösen. Vertrauen wir uns deshalb Gott an, wie ihn Jesus geoffenbart hat, um Trost und Stärke zu empfangen“. Der Patriarch lud die Gläubigen ein, die „kollektiven und individuellen“ Geschichten in Erinnerung zu rufen, in denen die Treue Gottes erfahrbar war. Dieses Gedenken sei essenziell, um eine Brücke zwischen der von Sorgen und Ängsten erfüllten Gegenwart und der „Zukunft voll Hoffnung“ zu finden. Pizzaballa, der 1965 in Cologno al Serio in Italien geboren wurde, lebt seit 30 Jahren im Heiligen Land, zunächst als junger Priester, dann als Kustos der Franziskaner, in den letzten vier Jahren als Apostolischer Administrator des lateinischen Patriarchats. Bereits am 6. November hatte er – in Anwesenheit des Nuntius in Israel (und Apostolischen Delegaten für Jerusalem und Palästina), Erzbischof Leopoldo Girelli – kirchenrechtlich vom Patriarchat Besitz ergriffen.

Vor seinem feierlichen Einzug hatte Patriarch Pizzaballa in einem Interview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR betont, dass ihm die langjährigen Erfahrung im Heiligen Land, die Begegnungen mit anderen Christen, mit Juden und Muslimen viel gegeben hätten. Diese Begegnungen hätten ihn viel gelehrt, vor allem eine Erweiterung des Horizonts und die Einsicht, dass es nicht darum geht, zu urteilen, sondern vor allem zu verstehen zu trachten. Im Hinblick auf die pastorale Situation räumte der Patriarch ein, dass die Präsenz vieler christlicher Migranten in Israel und in Jordanien eine neue Herausforderung darstelle. Es sei wichtig, einen Dialog zu führen, zuzuhören, die Situation zu analysieren. Für die verschiedenen pastoralen Regionen des Patriarchats müsse eine gewisse Autonomie gefunden werden, weil die Länder, auf die sich das lateinische Patriarchat erstreckt – Israel, Palästina, Jordanien, Zypern – sehr unterschiedlich seien.

In dem Interview ließ Patriarch Pizzaballa keinen Zweifel, dass das bevorstehende Weihnachtsfest „wegen der totalen Absenz von Pilgern auf Grund der Corona-Pandemie“ schwierig sein werde. Alle Menschen im Heiligen Land seien wegen der Pandemie von Zukunftsangst belastet. Bisher gebe es noch keine präzisen behördlichen Vorschriften im Hinblick auf die Weihnachtszeit, aber zweifellos werde es Restriktionen geben, dazu komme die schwere wirtschaftliche Krise, vor allem in den palästinensischen Gebieten. Die Katholiken im Heiligen Land hätten schon Ostern nicht würdig feiern können, jetzt auch Weihnachten unter ähnlichen Bedingungen feiern zu müssen, sei ein schwerer Schlag für das Leben der christlichen Community. Wörtlich meinte der Patriarch: „Das ist etwas, das mich sehr besorgt macht, denn Weihnachten und Ostern sind die Momente, die unserer Community Form und Kraft geben“. Die „Streaming“-Übertragungen seien sicher gut und derzeit das „Maximum“, aber es sei klar, dass sie nicht Gemeinschaft stiften. Der christliche Glaube brauche die physische Präsenz, so Pizzaballa: „Wir sind die Leute von der Inkarnation, der Menschwerdung“. Weihnachten handle von einem neugeborenen Kind aus Fleisch und Blut. Vermutlich werde es heuer weniger Geschenke, weniger Weihnachtsbeleuchtung, weniger Christbäume geben, so Pizzaballa: „Aber die wahre Bedeutung von Weihnachten ist die Liebe Gottes, der mitten unter uns ist. Diese Gegenwart drückt sich in unseren Gesten der Nächstenliebe aus“.

Skeptisch äußerte sich der Patriarch in dem SIR-Interview im Hinblick auf den politischen Frieden. Man dürfe sich keine großen Ereignisse erwarten, die den Gang der Geschichte verändern. Trotzdem müsse man für den Frieden arbeiten: „Wir müssen das in unserer Umgebung tun, mit den Leuten, die wir kennen, die wir gern haben, welcher Religion oder Ethnie auch immer sie angehören mögen. Das ist auch im Heiligen Land möglich“.

Gemeinsam mit dem orthodoxen Patriarchen Theophilos III. und dem armenisch-apostolischen Patriarchen Nourhan Manougian erwartete der Kustos der Franziskaner, P. Francesco Patton, am Freitag Patriarch Pizzaballa am Portal der Grabeskirche. P. Patton unterstrich die Notwendigkeit, dass die Mauer der Feindschaft niedergerissen werde, die die Völker im Heiligen Land trenne, aber auch die verschiedenen Kirchen und die als Haltung des Misstrauens und der Rivalität sogar innerhalb der katholischen Gemeinschaft spürbar sei. Die Grabeskirche sei die unerschöpfliche Quelle der Hoffnung, sagte P. Patton. Dies sei umso bedeutsamer in dieser Stunde, in der die ganze Welt wegen des Corona-Virus von Todesangst erfasst sei und die Pandemie die kirchlichen Gemeinschaften am Gottesdienst hindere und den Alltag so vieler Familien durch den Verlust der Arbeitsplätze verdunkle. Der Franziskaner-Kustos wünschte dem neuen Patriarchen, dass auch er von der Grabeskirche jene Hoffnung empfangen möge, die er dem ihm anvertrauten Volk Gottes verkünden solle. P. Patton brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Patriarch allen Gläubigen helfen möge, damit sie nicht in die Falle kurzatmiger Formen ethnischer Selbstbezogenheit gehen, sondern sich der ganzen Welt öffnen und überall jene Botschaft verkünden, die von diesem Ort ihren Ausgang genommen habe: „Der Herr ist auferstanden“.