Johannes Paul II. und die Kirchen in Ostmitteleuropa

In Rom tätiger Historiker Jan Mikrut gab neues Sammelwerk heraus: „Blut von eurem Blut, Bein von eurem Bein“ – Streben nach Einheit zwischen Ost- und Westkirche als Grundakkord des Pontifikats – Annemarie Fenzl, Leiterin des Kardinal-König-Archivs, beschreibt die drei Punkte, an denen sich die beiden als unterschiedlich empfundenen Kirchenmänner trafen: Sorge für die Kirche im damals kommunistisch beherrschten Teil Europas, Ringen um das richtige Verhältnis von Synodalität und Primat in der Kirche, Einsatz für den interreligiösen Dialog

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Foto ©: Dnalor 01 (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Rom-Wien, 18.11.20 (poi) Das Buch „Blut von eurem Blut, Bein von eurem Bein. Das Pontifikat Johannes Pauls II. (1978-2005) und die Kirchen in Ostmitteleuropa“ wurde am Dienstag bei einer Online-Veranstaltung der Päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom präsentiert. Der Herausgeber, Prof. Jan Mikrut (früher in Wien tätig und jetzt Lehrender an der Historischen und der Theologischen Fakultät der Gregoriana), erinnerte bei der Präsentation daran, dass Johannes Paul II. die vatikanische „Ost-Politik“, wie sie Agostino Casaroli konzipiert hatte, radikal veränderte: Die Politik Casarolis sei auf Kompromisse mit den kommunistischen Regierungen ausgerichtet gewesen, um der Kirche in den kommunistisch beherrschten Ländern Atemluft zu verschaffen, Johannes Paul II. habe vom Beginn seines Pontifikats an eine härtere Linie gegenüber den kommunistischen Regierungen verfolgt. Prof. Mikrut verwies darauf, dass der einstige sowjetische Parteiführer Michail Gorbatschow dem Wojtyla-Papst eine entscheidende Rolle beim Zusammenbruch des Kommunismus in Europa zugeschrieben habe.

Der Krakauer Erzbischof Marek Jedraszewski legte bei der Präsentation den Ursprung des Buchtitels „Blut von eurem Blut, Bein von eurem Bein“ dar. Johannes Paul II. hatte die Formulierung bei seiner ersten Pastoralreise in die polnische Heimat zum Abschluss seiner Pfingstpredigt am 3. Juni 1979 in Gniezno (Gnesen) gebraucht: „So wird mit euch, geliebte Landsleute, dieser Papst singen, Blut von eurem Blut, Bein von eurem Bein“. Dem Papst sei bewusst gewesen, dass der – inzwischen heiliggesprochene – britische Kardinal John Henry Newman im 19. Jahrhundert genau diese Worte benützt hatte, um die Würde der Priester zu beschreiben: Sie seien an Würde allen anderen Getauften gleich, nicht irgendwelche fremde Wesen, sondern Geschwister der anderen Getauften.

In dem im Veroneser Verlag „Editori Gabrielli“ erschienenen Band werden in alphabetischer Reihenfolge alle mittel- und mittelosteuropäischen Länder behandelt, die Johannes Paul II. im Verlauf seiner Amtszeit besucht hat. Dabei werden auch die ökumenischen Aspekte analysiert. So verweist der bulgarische orthodoxe Autor Ivan Stojanov Ivanov auf die positiven Auswirkungen des Bulgarien-Besuchs des Wojtyla-Papstes im Jahr 2002. Im Gefolge des Pastoralbesuchs habe es viele kirchliche, soziale und politische Initiativen gegeben. Die Visite Johannes Pauls II. habe auch die Türen des bulgarischen Volkes für die Welt geöffnet. Das Streben nach der Einheit der Christen sei gleichsam der Grundakkord des Pontifikats von Johannes Paul II. Wörtlich schreibt Stojanov Ivanov: „Ich bin überzeugt, dass der Prozess der christlichen Einheit, auch wenn er schwierig ist, keine Utopie darstellt. Trotz der vielen Schwierigkeiten kann man diesen Prozess durch die theologischen Studien, die kirchliche Diplomatie und die objektiven geschichtlichen Fakten, die schrittweise entdeckt werden, realisieren, um in Zukunft eine umfassendere Communio zwischen der Kirche des Ostens und der Kirche des Westens zu erreichen“.

Ein Highlight des Buchs ist der Beitrag von Annemarie Fenzl, der Leiterin des Kardinal-König-Archivs (und Generalsekretärin der Kardinal-König-Stiftung). In ihrem Beitrag „Kardinal Franz König und Papst Johannes Paul II.“ zeigt Annemarie Fenzl (Jahrzehnte hindurch Mitarbeiterin des Wiener Erzbischofs) an Hand von drei grundsätzlichen Bereichen – Sorge für die Kirche im damals kommunistisch beherrschten Teil Europas, topaktuelles Ringen um das richtige Verhältnis von Synodalität und Primat in der Kirche, Einsatz für den interreligiösen Dialog zugunsten des Friedens – die „gedankliche Nähe der beiden oft als unterschiedlich empfundenen Kirchenmänner“ auf. Franz König und Karol Wojtyla seien einander erst verhältnismäßig spät im Leben begegnet – 1961 an der tschechisch-polnischen Grenze in Cieszyn (Teschen), schreibt die Leiterin des Kardinal-König-Archivs. Der Kardinal-Erzbischof von Wien und der spätere Papst kannten einander vordem nicht. In den darauffolgenden Jahren sei es infolge der geographischen Lage Wiens als Durchgangsstation auf dem Weg nach Rom zu wiederholten Begegnungen gekommen. Kardinal König, „dessen persönliche Sympathie zu den Menschen in den Ländern des kommunistischen Machtbereichs kontinuierlich zunahm, beobachtete vieles und schwieg. Und als dann der ‚Papst aus dem Osten‘ die Verantwortung über die katholische Weltkirche übernahm, hat sich der Kardinal aus tiefer Überzeugung gefreut und dieses einzigartige Pontifikat bis zu seinem Lebensende im März 2004 aufmerksam begleitet“.
Das Zweite Vatikanische Konzil habe die Bischöfe ermuntert, über den „diözesanen Gartenzaun“ hinwegzuschauen und das Wohl der Gesamtkirche mit zu berücksichtigen, erinnert Annemarie Fenzl. Kardinal König habe diese Verantwortung – das Bemühen um die Überwindung der Isolation der Kirche im kommunistischen Machtbereich durch Herstellung brüderlicher Kontakte der österreichischen Kirche zu den Nachbarkirchen im Osten Europas – gewissermaßen als spezifische Aufgabe des Wiener Erzbischofs bereits einige Jahre vor dem Konzil erkannt, und zwar „durch einen Wink von oben“. Im Februar 1960 – auf der Fahrt zum Begräbnis seines Studienkollegen aus dem römischen „Germanicum“, des Zagreber Kardinals Alojzije Stepinac – erlitt er vor Varazdin einen schweren Autounfall. In den darauffolgenden Wochen auf dem Krankenlager in Varazdin wurde ihm die Verantwortung Österreichs im Herzen Europas für seine östlichen Nachbarn klar bewusst. Annemarie Fenzl zitiert die Erzählung des Kardinals: „Damals tauchte zum ersten Mal umrisshaft die Frage auf, was wohl dieser Unfall in meinem Leben zu bedeuten habe. Auf eine mir nicht ganz erklärliche Weise war es der Gedanke: der Erzbischof von Wien solle in diesem Unfall ein Zeichen sehen, dass er sich auch um die Kirche hinter dem Eisernen Vorhang kümmern müsse“.
In dieser Grundhaltung habe König in den darauffolgenden Jahren eine intensive „Besuchspolitik“ nach Osten entfaltet, um den Menschen dort deutlich zu zeigen, dass sie nicht vergessen waren und ihre Stimmen gehört wurden. Die zahlreichen Reisen in nahezu alle Länder des ehemaligen Ostens, die vielen Kontakte mit Betroffenen vertieften seine Kenntnis des gesamten kommunistischen Systems. Dabei sei die Überzeugung des damaligen Wiener Erzbischofs gewachsen, dass nur jemand, der quasi aus der Mitte der Situation kam und „dazu auch von Gott die nötige Unerschrockenheit und Durchschlagskraft erhalten hatte“, imstande war, dieses System zu durchbrechen.
Als Papst habe dann Johannes Paul II. die Menschenrechte zum „eigentlichen Grundthema seiner Friedensappelle und Soziallehren“ gemacht, zitiert Annemarie Fenzl den einstigen Wiener Erzbischof. Auf diese Grundrechte menschlicher Freiheit und Würde, besonders auch der Religionsfreiheit, habe seinerzeit Johannes XXIII. hingewiesen und ihren christlichen Ursprung deutlich gemacht. Das Vatikanische Konzil habe diese Linie der Anerkennung der Menschenrechte mit dem ständigen Hinweis auf solche Grundrechte vor der Weltöffentlichkeit unterstrichen. Johannes Paul II. habe das fortgesetzt, gerade zu der Zeit, als „die sichtbaren Risse im kommunistischen Imperium sich mehrten“.

„Ut unum sint“
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts sei die katholische Kirche in eindrucksvoller Weise zur Weltkirche geworden, erinnert Annemarie Fenzl. Kardinal König habe dieser Vorgang sehr bewegt. Er sei sich bewusst gewesen, dass dieser Vorgang „wachsende Anforderungen an das römische Petrusamt“ stelle. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewollte „weltweite Mitsorge des Kollegiums der Bischöfe“ sei aus Angst vor dem Zerfall der Einheit von der vatikanischen Bürokratie – „bewusst oder unbewusst, de facto, aber nicht de iure“, wie Kardinal König sagte – übernommen worden. In diesem Zusammenhang gewinne die am 25. Mai 1995 veröffentlichte Enzyklika „Ut unum sint“ von Papst Johannes Pauls II. an großer Bedeutung. Der Papst widmete sie der Ökumene und bekräftigte darin den Wunsch nach der Einheit aller Christen. Darüber hinaus habe er – „nach Meinung Kardinal Königs insgesamt viel zu wenig beachtet“ –zu einem ernsthaften Dialog über die Art und Weise der Ausübung des Petrusamtes durch den Bischof von Rom aufgerufen. Annemarie Fenzl verweist auf einen bekannten, von Kardinal König hochgeschätzten Satz Johannes Pauls II. in der Enzyklika mit einem Appell an alle Christen: „Eine ungeheure Aufgabe, die wir nicht zurückweisen können und die ich allein nicht zu Ende bringen kann. Könnte die zwischen uns allen bereits real bestehende, wenn auch unvollkommene Gemeinschaft nicht die kirchlichen Verantwortlichen und ihre Theologen dazu veranlassen, über dieses Thema mit mir einen brüderlichen, geduldigen Dialog aufzunehmen, bei dem wir jenseits fruchtloser Polemiken einander anhören könnten, wobei wir einzig und allein den Willen Christi für seine Kirche im Sinne haben und uns von seinem Gebetsruf durchdringen lassen: Auch sie sollen eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast (Joh 17, 21)?
Kardinal König habe wiederholt, „allerdings erfolglos“, bis zu seinem Heimgang im Jahr 2004 nach Reaktionen auf diese Bitte gewartet, so die Leiterin des Kardinal-König-Archivs. Die Antwort auf das nicht vorhandene Echo liege in dem Problem, auf das Kardinal König in seinen letzten Lebensjahren des Öfteren in Vorträgen aufmerksam gemacht habe: Welchen Führungsstil braucht die katholische Kirche, um die Einheit in einer sich rasch ändernden Welt zu wahren und welche Formen der Vielfalt sind möglich, ohne die Einheit an der Schwelle des dritten Jahrtausends ernstlich zu gefährden?
In einem Beitrag zur Festschrift „150 Jahre Österreichische Bischofskonferenz“ im Jahr 1999 unter dem Titel „Einheit und Vielfalt der Kirche Gottes an der Schwelle des dritten Millenniums“ habe Kardinal König daher festgestellt: Die Kirche, die im 20. Jahrhundert in der Tat Weltkirche geworden ist, könne nicht mehr auf „eine derart zentralistische Weise geführt werden, wie dies mehr oder weniger immer noch der Fall ist“. Kaum jemand habe je aus dem Mund Kardinal Königs öffentliche Kritik an Rom gehört, betont Annemarie Fenzl. Als Leiter eines im Gefolge des Konzils gegründeten vatikanischen Sekretariates für die Nichtglaubenden durch 15 Jahre habe er die vatikanischen Behörden aus eigener Erfahrung gekannt und sie immer wieder auch gegen überzogene Kritik in Schutz genommen. Allerdings sei er mit dem Konzil der Meinung gewesen, dass diese Behörden „eine neue Ordnung erhalten (sollten), die den Erfordernissen der Zeit … stärker angepasst ist, besonders, was ihre Zahl, Bezeichnung, Zuständigkeit, Verfahrensweise und Koordinierung ihrer Arbeit angeht.“
Gegen Ende seines Lebens habe Kardinal König dann einige Male eine für seine Verhältnisse doch deutliche Sorge über verschiedene Gepflogenheiten der römischen Zentrale laut werden lassen, stellt Annemarie Fenzl fest. Und immer wieder sei es ihm um die Kollegialität gegangen, das Verhältnis zwischen Rom und den Diözesanbischöfen bzw. den lokalen Bischofskonferenzen.
Aus persönlicher Überzeugung habe Kardinal König dabei aber immer auf die einzigartige und unersetzliche Bedeutung des Petrusamtes in der Kirche hingewiesen – „angesichts eines gegenseitigen Misstrauens, einer Angst im kurialen Bereiche selber, dass der innerkirchliche Dialog die Einheit gefährde und die Loyalität der Zusammenarbeit untergrabe: Ohne das Petrusamt in der katholischen Kirche, ohne römischen Papst würden wir alle in Bedrängnis geraten: Wer hätte sonst ein Zweites Vatikanisches Konzil einberufen können, außer Papst Johannes XXIII.? Wer hätte auf internationaler Ebene so eindrucksvoll für Menschenrechte, menschliche Freiheit und Würde gesprochen, in Verbindung mit der Botschaft Christi, als Papst Johannes Paul II.?“ Es gehe darum, jene neue und im Grunde auch alte Form kirchlicher Führung zu finden, die in besonderer Weise auch dem ökumenischen Anliegen dient. Kardinal König: „Wenn nicht das Kollegium der Bischöfe mitverantwortlich wird in Verbindung mit dem römischen Bischof, so werden weder Orthodoxe, noch Anglikaner, noch protestantische Kirchen an der Fortführung der Ökumene mit praktischen Schritten in Richtung Einheit interessiert sein“. König sei überzeugt gewesen, dass es darum gehe, die Aufgabe des Bischofs von Rom in Verbindung zu sehen mit der kollegialen Mitsorge, Mitverantwortung der Bischöfe für die Gesamtkirche, im Sinne des Konzils.
Als Religionswissenschaftler, der in Salzburg in den frühen 1950er-Jahren als Universitätsprofessor die Herausgabe seines dreibändigen religionsgeschichtlichen Werkes: „Christus und die Religionen der Erde“ besorgte, habe König in besonderer Weise die Kraft des Gebets erkannt, unterstreicht Annemarie Fenzl und zitiert den „Chef“: „Erst im Gebet entfaltet sich die Religion des Menschen und wird der Glaube lebendig. Das Gebet ist ein Gradmesser persönlicher Religiosität. Jemand kann vom Glauben sehr viel wissen, wenn er aber nicht betet, dann hat er keine Religion – und kein Glaube lebt in ihm.“ In der Stille der Abtei der Benediktinerinnen auf dem Salzburger Nonnberg habe König unter dem Titel „Der Mensch und die Religion“ erstmals zusammengefasst, was er im Verlauf seines Lebens immer wieder thematisieren sollte, die überwältigende Fülle nie endender Versuche, mit Gott Verbindung aufzunehmen. Darum habe er aus ganzem Herzen die Nachricht von einer aufsehenerregenden Spätauswirkung des Konzils begrüßt, die als „Ereignis von Assisi“ im Herbst 1986 in die Geschichte der Kirche eingehen sollte. Erstmals hatte Papst Johannes Paul II. hochrangige Vertreter der großen Weltreligionen zu einem interreligiösen Friedenstreffen nach Assisi eingeladen, um – zwar jeder Vertreter für sich in seiner Tradition, aber an einem Ort vereint – für den Frieden der Welt zu beten. Es sei nicht gemeinsam gebetet worden, sondern die einzelnen Vertreter der religiösen Gemeinschaften hätten dies voneinander getrennt getan. Gegen die vielen Vorwürfe der Religionsvermischung, des Synkretismus , die sich wegen des Ereignisses von Assisi zum Teil gegen den Papst selbst richteten, habe Kardinal König damals festgestellt: „Jene ängstlichen oder oppositionellen Beobachter des Ereignisses von Assisi hatten offenbar den auch heute noch in der Heiligen Schrift zu lesenden Satz Jesu vergessen, den er an das Apostelkollegium mit dem Inhaber des Petrusamtes an der Spitze gerichtet hatte: Siehe, ich bin bei euch, alle Tage bis zum Ende der Welt“.