Kardinal Rai zur Beirut-Katastrophe: „Das Volk will die Wahrheit wissen“

Maronitischer Patriarch übt in Interview scharfe Kritik an der „politischen Klasse“ und wegen der Flüchtlingssituation an der internationalen Gemeinschaft – „Aktive Neutralität“ einzige Lösung für den Libanon

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Foto: © Yoniw (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Beirut, 04.09.20 (poi) Das libanesische Volk wolle die Wahrheit über die Explosionskatastrophe vom 4. August wissen und verlange Gerechtigkeit. Dies betonte der maronitische Kardinal-Patriarch Bechara Boutros Rai aus Anlass des „universalen Tages des Gebets und des Fastens für den Libanon“  in einem Interview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. Der Kardinal-Patriarch betonte, dass nach seiner Einschätzung die Untersuchung der Katastrophe gut vorankomme. Es würden zahllose Zeugen und Verantwortungsträger befragt. Eine allzu rasche Untersuchung hätte auch Oberflächlichkeit bedeuten können, es sei besser, tiefer zu schürfen, schließlich sei das Ammoniumnitrat seit Jahren im Hafen gelagert gewesen, viele hätten das gewusst.

Rai erinnerte daran, dass sich die soziale, wirtschaftliche und finanzielle Situation im Libanon immer mehr verschlechtere. Die Arbeitslosigkeit betreffe mittlerweile die Hälfte der Libanesen, 60 Prozent der Bevölkerung müssten mit Mitteln unter der Armutsgrenze auskommen. Die Libanesen seien nicht daran gewöhnt, von Hilfslieferungen zu leben, sagte der maronitische Patriarch: „Wir danken den Nationen, die uns unterstützen, aber der Libanon will von seinen eigenen Ressourcen leben“. Schon vor der Corona-Pandemie seien im Libanon alle kirchlichen Einrichtungen mobilisiert worden, um ein „dichtes Netz der Solidarität“ zu knüpfen und so allen Familien in Not und den „besonders verletzlichen“ Personen zu helfen. Die Kirche habe sich verpflichtet gefühlt, alles zu tun, damit niemand im Libanon am Hunger stirbt.

Der Kardinal-Patriarch brachte auch in dem Interview mit SIR seine scharfe Kritik an der „Unverantwortlichkeit der politischen Klasse“ zum Ausdruck. Die Hoffnungen richteten sich auf die jungen Leute, die auf der Straße protestieren. Dadurch werde die Unfähigkeit der politischen Klasse sichtbar, Antworten auf die Krise zu finden. Neuerlich rief Rai das für den Libanon notwendige Konzept der „aktiven Neutralität“ in Erinnerung. Die Identität des Libanons bestehe darin, ein neutrales Land zu sein, das den Krieg zurückweist. Die Päpste hätten den Libanon als „Botschaft der Freiheit“, als „Beispiel des Pluralismus für den Orient wie für den Okzident“ bezeichnet. Die Bewahrung des Libanons sei daher eine der wichtigsten Aufgaben für die Welt von heute.

Neutralität bedeute für den Libanon die „definitive Weigerung, auf regionaler oder internationaler Ebene in Koalitionen oder Konflikte einzutreten“, betonte der maronitische Patriarch. Ein neutraler Libanon könne auch keine Eingriffe in seine inneren Angelegenheiten dulden, „von welchem Staat auch immer“. Der religiöse, kulturelle und zivile Pluralismus müsse die spezifische Charakteristik des Libanons sein. Neutralität schließe aber auch die Stärkung des libanesischen Staates ein, „damit er fähig ist, die innere und äußere Sicherheit zu garantieren“. Die „aktive Neutralität“ zeige einen Ausweg aus der wirtschaftlich Krise auf. Stabilität und Sicherheit würden unleugbare Vorteile für viele Bereiche mit sich bringen, von den Schulen und Universitäten über den Finanzbereich bis zu den Produktionssystemen. Aber der Prozess müsse rasch in Gang gesetzt werden, weil der Libanon durch die Migrationsbewegung viele aktive lebendige Kräfte verliere.

Kardinal Rai machte in dem Interview aber auch klar, wie das von Staatspräsident Michel Aoun in Erinnerung gerufene Konzept des „laikalen Staates“ zu verstehen sei. Laikal bedeute Trennung von Religion und Staat, „weder Evangelium noch Koran sind Quellen der Gesetzgebung“. In allen anderen arabischen Staaten sei der Koran die Quelle der Gesetzgebung. Der Libanon trenne die Religion vom Staat, aber nicht die Religion von Gott, unterstrich der Patriarch: „Das libanesische Parlament beschließt nichts, was gegen das göttliche Gesetz ist“. Insofern sei die Kirche durchaus eines Sinnes mit Aoun, sie werde auch entsprechende Vorschläge erarbeiten, um ihren Beitrag zu leisten.

Als ein zentrales Problem des Landes bezeichnete der Kardinal-Patriarch die Flüchtlingsfrage, von den 6,7 Millionen Einwohnern des kleinen Landes sind 1,5 Millionen Flüchtlinge.  Wörtlich stellte Rai fest: „Wir essen alle aus der selben Schüssel. Die syrischen Flüchtlinge müssen in ihre Heimat zurückkehren. Die internationale Gemeinschaft meint, dass es zuerst eine politische Lösung des Syrien-Konflikts braucht. Die palästinensischen Flüchtlinge im Libanon warten auf die politische Lösung des Konflikts mit Israel seit 74 Jahren, wenn man diesen Maßstab anlegt, können die syrischen Flüchtlinge nie zurückkehren. Man muss die Dinge trennen: Politische Lösung und Rückkehr der Flüchtlinge. Die internationale Gemeinschaft kann nicht einfach erklären, dass sie keinen Groschen geben will, solang Assad an der Regierung ist. Jetzt zahlt der Libanon den Preis des Krieges in Syrien. Aber der Libanon kann nicht für die Fehler der anderen zahlen“.