Kardinal Schönborn und die Ostkirchen

„Pro Oriente“-Präsident Kloss: „Der Wiener Erzbischof ist ein unermüdlicher Vorkämpfer des geschwisterlichen Dialogs zwischen den Kirchen des Ostens und den Kirchen des Westens“- Der Schlüssel für das überaus hohe Ansehen des Kardinals bei den Kirchen des Ostens ist seine Theologie

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Foto: © BambooBeast (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 19.01.20 (poi) Kardinal Christoph Schönborn, dessen 75. Geburtstag unmittelbar bevorsteht, lebt das Papst-Wort, dass die Kirche lernen muss, mit beiden Lungen zu atmen, der „westlichen“ und der „östlichen“. „Pro Oriente“-Präsident Alfons Kloss sagte am Sonntag im Gespräch mit dem „Pro Oriente“-Informationsdienst (poi): „Der Kardinal ist ein unermüdlicher Vorkämpfer des geschwisterlichen Dialogs zwischen den Kirchen des Ostens und den Kirchen des Westens“. „Pro Oriente“ schätze sich glücklich, mit Kardinal Schönborn einen Kuratoriumsvorsitzenden zu haben, der durch seine vielfältige Aktivität im Bereich der Ökumene, durch seine tiefgehende theologische Arbeit und seine Haltung der Brüderlichkeit bei den östlichen Kirchen „überaus angesehen und geschätzt“ ist. Dies motiviere „Pro Oriente“ besonders, sich im Sinn gelebter Ökumene für eine Vertiefung der Kontakte mit den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen einzusetzen und „auf ein gemeinsames Wirken in der Welt von heute hinzuarbeiten“. Kardinal Schönborn vermittle immer wieder die Überzeugung von Papst Franziskus, dass „nicht das, was uns unterscheidet“, im Mittelpunkt stehen soll, sondern „das, was uns eint“, die Bereitschaft, die Botschaft des Evangeliums in der Welt von heute zu bezeugen. Das schließe etwa auch den Einsatz für die „Bewahrung der Schöpfung“ ein, der gerade durch das Wirken des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. entscheidende Impulse erhalten habe. „Wir sind Kardinal Schönborn dankbar, dass er das gemeinsame Handeln der Christen für diese ‚Bewahrung der Schöpfung‘ immer wieder betont, zuletzt etwa in seiner TV-Silvesteransprache“, so Präsident Kloss.

Der Schlüssel für das überaus hohe Ansehen des Wiener Erzbischofs bei den Kirchen des Ostens ist seine Theologie, die auf drei Standbeinen beruht: Bibel, Konzilien, Schriften und Denken der Kirchenväter. Diese drei Aspekte hat er selbst immer wieder als „Säulen des ökumenischen Dialogs“ zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens bezeichnet. Und er fügte hinzu, dass es immer wieder um „die persönliche Begegnung und das Ringen um Wahrheit“ gehe: „Wahrheit ohne Freundschaft ist zu hart, Freundschaft ohne Wahrheit zu weich“. Beim 1. „Pro Oriente“-Summer Course im Juni 2015 – der dritten „Pro Oriente“-Initiative, um im wissenschaftlichen Nachwuchs die Leidenschaft für die Ökumene neu zu entfachen – erinnerte der Kardinal an das Bedauern von Metropolit Meliton von Chalkedon, dass die nachfolgenden Generationen die „Erfahrung der Gemeinschaftlichkeit und Freundschaft“, die beim Zweiten Vatikanischen Konzil zwischen orthodoxen und katholischen Theologen und Bischöfen gewachsen war, nicht weitergetragen hätten. Heute gehe es wieder um „wirkliche Freundschaften“ zwischen Orthodoxen und Katholiken über die theologische Fachdiskussion hinaus, betonte der Wiener Erzbischof 2015. Der 1. „Summer Course“ beschäftigte sich mit den „Patristischen Studien als Basis und Quelle der Ökumene“ am Beispiel der Lehre über den Heiligen Geist in den ersten fünf Jahrhunderten der Christenheit. Kardinal Schönborn schilderte vor den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wie die Beschäftigung mit den Kirchenvätern seinen eigenen theologischen Werdegang geprägt hatte. Einen besonderen Zugang zur „lebendigen Gegenwart des Denkens der Kirchenväter“ habe ihm die „lebensprägende Begegnung“ mit P. Andre Scrima (1925-2000) erschlossen. Der aus Rumänien stammende orthodoxe Theologe hatte als Vertreter des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen. Von besonderer Bedeutung war für den späteren Wiener Erzbischof im Jahr 1968 dann die Begegnung mit dem Benediktiner P. Olivier Rousseau (1898-1984). Der Benediktiner aus dem ökumenisch engagierten Kloster Chevetogne hatte beim Zweiten Vatikanischen Konzil die französischsprachigen Journalisten betreut und eng mit den melkitischen griechisch-katholischen Bischöfen kooperiert. Als ihm Schönborn in den dramatischen Tagen des Jahres 1968 mitteilte, dass er sich intensiv mit den griechischen Kirchenvätern befasse, sagte P. Rousseau lapidar: „Dann bist du gerettet“.

Aus der Auseinandersetzung mit dem Denken der Kirchenväter erwuchs jenes erstmals 1976 erschienene Werk von Christoph Schönborn, das in vielen Übersetzungen vorliegt: „Die Christus-Ikone. Eine theologische Hinführung“. In dem Buch werden die zwischen dem Ersten Konzil von Nicäa im Jahr 325 n.Chr. und dem Zweiten Konzil von Nicäa (heute türkisch Isnik genannt) im Jahr 787 n.Chr. erarbeiteten theologischen Grundlagen der Ikonenverehrung benannt. Es handelt sich aber nicht nur um theologische Fachliteratur, vielmehr geht es darum, „durch den Blick auf das Antlitz Jesu, wie es in der Ikonenkunst zum Ausdruck kommt, ein ‚neues Sehen und Hören‘ und ein ‚neues Gespür für das Geheimnis Gottes‘ zu entwickeln“. Der Begriff Ikone steht hier nicht für gefällige Behübschung, sondern für den Zugang zum zentralen Punkt des christlichen Gottesbildes, der Hintergrund ist immer die Überzeugung des Heiligen Theodor von Studion (759-826): „Wer die Ikonen verwirft, verwirft die Menschwerdung Gottes“.

Das Ansehen Kardinal Schönborns in den östlichen Kirchen mag auch damit zusammenhängen, dass er sich die Überzeugung seines Vorvorgängers (und Begründers der Stiftung „Pro Oriente“), Kardinal Franz König, zu eigen gemacht und immer wieder zitiert hat: „Die Orthodoxie ist integrierender Bestandteil Europas“. Nicht alle sehen das so, die Engführung auf das „westliche“ Europa – ein Kulturmüll des 19. Jahrhunderts – macht sich immer wieder in unterschiedlichen Verkleidungen bemerkbar.

„Pro Oriente“ ist für den Kardinal offensichtlich mehr als ein beliebiger Punkt in der langen Liste seiner Aufgaben. Das wurde deutlich, als er etwa im April 2018 dem scheidenden früheren „Pro Oriente“-Präsidenten Johann Marte einen päpstlichen Orden überreichte. Der Kardinal würdigte nicht nur die besonderen Verdienste Martes, dessen „Gespür für Gerechtigkeit“, aber auch für die Bedeutung von „im Glauben verwurzelter Freundschaft“ für die Ökumene, seinen Einsatz für die verfolgten Christen wie auch die Aufmerksamkeit für die spannungsreiche Begegnung mit dem Islam. Marte habe neue Akzente im Themenbereich von „Pro Oriente“ gesetzt, wo heute die klassischen „theologischen Kontroversthemen“ nicht mehr den zentralen Platz einnehmen. Aus seiner römischen Erfahrung verwies der Erzbischof von Wien darauf, dass die Kardinäle Walter Kasper und Kurt Koch in ihrer Eigenschaft als Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen immer wieder froh gewesen seien, dass „Pro Oriente“ Themen aufgreife, die von Rom aus nicht behandelt werden könnten.

Kardinal Schönborn attestierte Johann Marte ebenso „Leidenschaft für Ökumene“ wie er es einige Jahre zuvor (2011) beim Requiem für Stephanie Harrach getan hatte, die damals im 94. Lebensjahr verstorbene Schlossherrin von Rohrau. Die Gräfin (eine Tante des Kardinals) war eine der großen Gestalten von „Pro Oriente“ von Anfang an. Bei dem Requiem erinnerte der Kardinal daran, dass die Taufe, die Verbindung mit Christus, für Stephanie Harrach die tiefste Quelle ihrer Kraft gewesen sei. Aus dieser Quelle kämen auch die Seligpreisungen des Evangeliums als „Charta eines Lebens, das nicht ichbezogen ist“. In den Seligpreisungen gehe es darum, Versöhnung zu stiften, sich dafür einzusetzen, dass das Unrecht ab- und die Gerechtigkeit zunimmt: Das Grundprogramm des ökumenischen Dialogs zwischen Kirchen des Westens und Kirchen des Ostens.

Die doppelte „Besuchsdiplomatie“ im Rahmen des west-östlichen Kirchendialogs – Besuche in den Ländern der östlichen Kirchen und herzliche Gastfreundschaft für die Repräsentanten der östlichen Kirchen in Österreich – ist Kardinal Schönborn trotz übervollem Terminkalender immer ein Anliegen. Die Reisen im Rahmen der „Besuchsdiplomatie“ haben stets auch spirituellen Charakter. Ein schönes Beispiel war etwa die Reise des Kardinals in das bulgarische Varna im September 2006. Der Kardinal eröffnete dort eine große ökumenische Tagung der Stiftung „Pro Oriente“ und der bulgarisch-orthodoxen Metropolie Varna. Das Thema lautete „Bulgarien auf dem Weg – Kirche, Staat, Gesellschaft“, durch die Tagung sollte Bulgariens Geschichte, Kultur und orthodoxe Tradition für den Westen bekannter gemacht werden, da ja der EU-Beitritt Bulgariens bevorstand, der dann 2007 tatsächlich erfolgte. Im Jahr zuvor hatte eine ökumenische Geste Kardinal Schönborns in Bulgarien große Aufmerksamkeit gefunden: Der Wiener Erzbischof schenkte der Metropolie Varna eine Reliquienschatulle mit Reliquien der Apostel Andreas, Jakobus des Älteren und Bartholomäus sowie weiterer frühchristlicher Heiliger und Märtyrer. Die Reliquienschatulle wurde von einer gemischten 40-köpfigen Pilgergruppe der „Fokolar“-Bewegung und der Wiener bulgarisch-orthodoxen Gemeinde unter Führung von Bischofsvikar Iwan Petkin nach Bulgarien gebracht.

Im Herbst 2016 reiste Kardinal Schönborn mit dem Wiener koptisch-orthodoxen Bischof Anba Gabriel nach Ägypten. Dort war er besonders beeindruckt von der Begegnung mit den Familien der 21 koptischen Arbeitsmigranten, die von IS-Terroristen in Libyen ermordet wurden. Die Geschichte der 21 jungen Leute, die von den Terroristen aus einem Autobus herausgeholt worden waren, ist für den Wiener Erzbischof ein großartiges Beispiel des Glaubensmutes und des Christus-Bekenntnisses der koptisch-orthodoxen Christen in einer ihnen oft feindlich gegenüberstehenden Umgebung. So ist es auch kein Zufall, dass am Dienstag, 21. Jänner, im Rahmen des Ökumenischen Empfangs des Kardinals zur Weltgebetswoche für die Einheit der Christen bei der Vesper im byzantinischen Ritus in besonderer Weise der 21 Märtyrer gedacht wird. Gesungen wird die Vesper vom Chor des Eichstätter „Collegium Orientale“, in dem Priesterstudenten sowohl aus den katholischen Ostkirchen als auch aus den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen ausgebildet werden.

Die Situation der orientalischen Christen aller Konfessionen erfüllt Kardinal Schönborn mit großer Sorge. In einem Grußwort an die Teilnehmer des 3. „Colloquium Syriacum“ der Stiftung „Pro Oriente“ im November 2011 betonte der Wiener Erzbischof, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass der Christenheit wieder stärker bewusst wird, wo ihre Wurzeln liegen: Im Nahen und Mittleren Osten. Die Kirchen der syrischen Tradition repräsentierten die „ungebrochene Tradition des frühen Christentums“. Wörtlich stellte der Kardinal in diesem Zusammenhang fest: „Es ist von entscheidender Wichtigkeit, dass diese Kirchen in ihren ursprünglichen Heimatgebieten wieder den Raum zur freien Entfaltung erlangen“. Das sei nicht nur für die Christenheit als ganze von höchster Bedeutung, es sei auch eine vitale Notwendigkeit, um dauerhaften Frieden im Nahen Osten zu erreichen. Was früher nur wenigen Spezialisten bekannt war, werde nun schrittweise einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, unterstrich der Wiener Erzbischof: Die Tatsache, dass die Christenheit als ganze den Kirchen der syrischen Tradition sehr viel verdankt. Christliche Theologie, Liturgie, Spiritualität, Kunst seien nicht denkbar „ohne den entscheidenden Beitrag der Kirchen der syrischen Tradition vor allem im ersten Jahrtausend“.

Die Brückenfunktion Wiens im Dialog zwischen römisch-katholischer Kirche und den orthodoxen Kirchen ist ein anderer Hauptakzent der ostkirchlichen Initiativen Kardinal Schönborns. Besonders deutlich wurde das im Mai 2006 bei einer gemeinsamen Tagung des Päpstlichen Kultur-Rates und des Außenamts des Moskauer Patriarchats in Wien spürbar. Ausgangspunkt für das von „Pro Oriente“ organisierte katholisch-orthodoxe Treffen zu dem Thema “ Europa eine Seele geben“ war eine Begegnung des damaligen Präsidenten des Kultur-Rates, des französischen Kurienkardinals Paul Poupard, mit dem damaligen Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Aleksij II., in Moskau. Dabei war man sich einig in der Sorge über den Identitätsverlust Europas, aber auch über die Notwendigkeit, die christlichen Wurzeln des Kontinents wieder zu entdecken und ein „kraftvolles Projekt für die Zukunft“ zu entwickeln. Heute habe man in Europa manchmal den Eindruck, dass „die Türen für Christus verschlossen“ wären, „vor allem aus Furcht vor dem Leben“, sagte der Kardinal bei der Eröffnung der Tagung, die von Kardinal Poupard gemeinsam mit dem damaligen Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats (und späteren Nachfolger von Patriarch Aleksij), Metropolit Kyrill (Gundjajew), geleitet wurde. Nur im Blick auf Christus könne Europa den „Geschmack des Lebens“ wieder finden, so der Wiener Erzbischof. Die Tagung hatte hohe Bedeutung auch deshalb, weil mit ihr die „Eiszeit“ zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Moskauer Patriarchat durchbrochen wurde, zu der es nach der Einsetzung römisch-katholischer Bischöfe in Russland gekommen war, diese Einsetzung war in Moskau als Auftakt einer Kampagne zur „Abwerbung“ orthodoxer Christen verstanden worden.

Das gute Verhältnis des Wiener Erzbischofs zu Patriarch Aleksij II. war schon in den 1990er-Jahren aufgebaut worden. Der Kardinal traf im Jahr 1997 zwei Mal persönlich mit dem Moskauer Patriarchen zusammen – einmal in Wien und danach in Moskau und St. Petersburg. Die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche in Österreich und der russisch-orthodoxen Kirche bezeichnete Schönborn damals als sehr gut. Mit Ausnahme von Kardinal Carlo M. Martini und einiger anderer italienischer Bischöfe verfügte in jenen Jahren kaum ein hochrangiger römisch-katholischer Repräsentant über ein ähnliches Vertrauensverhältnis zum Moskauer Patriarchen wie es der Wiener Erzbischof aufweisen konnte. Tief betroffen zeigte sich Kardinal Schönborn denn auch im Dezember 2008 über den Tod von Patriarch Aleksij II. knapp vor dessen geplanter Pastoralreise nach Wien. Patriarch Aleksij habe die russische Kirche in der Zeit des Umbruchs geleitet, die einerseits die Befreiung aus der Unterdrückung durch den Kommunismus bedeutete, zugleich aber auch große Herausforderungen durch die Krisen der modernen Gesellschaft mit sich brachte.

Die Auseinandersetzungen in der Weltorthodoxie im Zusammenhang mit der Ukraine betrachtete Kardinal Schönborn von Anfang an in großer Sorge – und er tut es weiterhin. Im Gespräch mit katholischen Medien bezeichnete der Wiener Erzbischof im Dezember 2018 den orthodoxen Kirchenstreit rund um die Ukraine als „tragisch“. Zum einen verstehe er, dass es gemäß dem orthodoxen Kirchenverständnis bei der politischen Unabhängigkeit eines Staates auch eine eigenständige orthodoxe Landeskirche geben könne. Darauf gebe es einen Anspruch und darauf würden sich in der Ukraine auch viele Orthodoxe berufen. Zum anderen wisse er freilich auch um die engen Verbindungen zwischen Russland und der Ukraine und um die große Bedeutung, die die Ukraine für die russisch-orthodoxe Kirche habe und welch tiefe Wunde damit in diese Kirche gerissen wird. Die Entscheidung des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., der orthodoxen Kirche in der Ukraine die Autokephalie zu verleihen, sei kirchenrechtlich in Ordnung, unterstrich der Wiener Erzbischof. Er stellte zugleich aber wörtlich fest: „Nicht, dass ich es der Ukraine nicht gönnen würde, aber ich empfinde es als tragisch, denn es reißt tiefe Wunden in die geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ukraine und Russland. Und deshalb war meine erste Reaktion so, dass ich bei dieser Nachricht geweint habe. „Die Ukraine war nicht nur die Kornkammer Russlands, sondern auch der Saatboden für das kirchliche Leben“ der russischen Kirche, erinnerte der Kardinal. Kiew sei der Geburtsort der russischen Orthodoxie. Nun habe man einen „unseligen Konflikt“ vor sich, die Schuld liege auf allen Seiten, und er wisse auch keine Lösung, so der Kardinal: „Ich bete, dass Gott einen Weg zeigt, der hilft, aus diesem Streit wieder herauszufinden“.

Der Wiener Erzbischof hat immer wieder seine hohe Achtung vor der russisch-orthodoxen Kirche bekundet. Aber das hindert ihn nicht, sich auch den Ukrainern gegenüber solidarisch zu zeigen. Im November 2019 verlieh der ukrainische griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk dem Kardinal im Wiener Stephansdom den „Metropolit-Scheptyzkyj-Orden“, die erstmals vergebene höchste Auszeichnung seiner Kirche. Der Verleihung ging ein entsprechender Beschluss der Bischofssynode der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche voraus. Der Wiener Erzbischof wurde für seinen „unermüdlichen Einsatz für die Versöhnung unter den Nationen, für die Förderung des ökumenischen und interreligiösen Dialogs und der Beziehungen zwischen Kirche und Staat“ ausgezeichnet. Die Ehrung bildete den Abschluss eines Festakts, mit dem der Einsatz von Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955) für die hungerleidende Bevölkerung in der Ukraine und anderen Teilen der damaligen Sowjetunion 1932/33 gewürdigt wurde.

Kardinal Schönborn hat eine sehr intensive Beziehung zur ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, ist er doch als Ordinarius für die Angehörigen der katholischen Ostkirchen in Österreich zuständig. Er trägt damit die bischöfliche Letztverantwortung – mit allen Rechten und Pflichten – für Gläubige und Priester dieser Kirchen in Österreich. Von den mindestens 20.000 Angehörigen der katholischen Ostkirchen in Österreich gehören die meisten der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche an. Auf Grund der Migrationsbewegung sind aber heute Katholiken aus nahezu allen osteuropäischen Ländern und damit aus den unterschiedlichsten Gebieten der katholischen Ostkirchen in Österreich daheim. Gemeinsam mit dem für die katholischen Ostkirchen zuständigen Generalvikar Yuriy Kolasa hat Kardinal Schönborn in den letzten Jahren für den Ausbau der Seelsorge der katholischen Ostkirchen in Österreich Sorge getragen. So gibt es derzeit im Bereich des byzantinischen Ritus sechs ukrainische Seelsorgestellen im Land, acht rumänische, je eine melkitische, slowakische und deutschsprachige sowie ein Gebetszentrum in Salzburg und ein Internationales Theologisches Institut, 33 Priester sind im Einsatz. Weiters bestehen Seelsorgestellen für die orientalischen unierten Kirchen, wie die armenische, die chaldäische, die syro-malabarische, die syro-malankarische und die maronitische. Kardinal Schönborn sieht für die katholischen Ostkirchen die Aufgabe, dem „Westen die Wahrheit über den Osten darzulegen, und umgekehrt dem Osten die Wahrheit über den Westen, damit sie am Ende in Liebe eins seien in der einen und selben Wahrheit“.