Kardinal Schönborn unterstreicht Friedensaufgabe von „Pro Oriente“

Präsident Kloss: „Pro Oriente“ profiliert sich parallel zur akademisch-theologischen Arbeit auch als „konkrete Plattform der Versöhnung im internationalen Bereich“

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Foto: © BambooBeast (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 20.09.19 (poi) Die Friedensaufgabe von „Pro Oriente“ unterstrich Kardinal Christoph Schönborn im Wiener Erzbischöflichen Palais am 19. September bei der Kuratoriumssitzung der Stiftung. Im Gedenken an die in den letzten Monaten verstorbenen Persönlichkeiten, die mit „Pro Oriente“ verbunden waren, zitierte Schönborn ein Wort des am  4. September verstorbenen französischen Kardinals (und langjährigen Präsidenten des früheren Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden) Roger Etchegaray: „Der Friede! Nachdem ich ihm so lang gedient habe, ist mir klar, dass Friede in Zeiten des Friedens geschaffen werden muss, viel mehr als in Kriegszeiten“. Im Hinblick auf den 15. Todestag des Gründers der Stiftung, Kardinal Franz König, sagte Schönborn, dass „Pro Oriente“ für immer mit dem Namen seines Vorvorgängers als Erzbischof von Wien verbunden bleiben werde. Der Kardinal erinnerte aber auch daran, dass die neue Präsenz evangelikaler Gruppen im Panorama des christlichen Ostens Fragen an die im ökumenischen Dialog Engagierten stelle. Sowohl Papst Franziskus als auch der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Pfarrer Olav Fykse Tveit, hätten dieses Thema bereits aufgegriffen.

Der „Pro Oriente“-Präsident, Botschafter i.R. Alfons M. Kloss, sagte im Rückblick auf sein erstes Amtsjahr, er sei dankbar für die Unterstützung, die er beim „Versuch der finanziellen Konsolidierung“ der Stiftung erfahren habe. Diese Konsolidierung gehe mit Hilfe von kirchlichen und staatlichen Stellen sowie von Privatspendern voran. „Pro Oriente“ habe im Zusammenhang mit dieser Konsolidierung einen „Zukunftsprozess“ gestartet, der auch eine stärkere Beachtung für den Beitrag der Stiftung zum Allgemeinwohl mit sich bringen soll, wie der „Pro Oriente“-Finanzreferent Gordian Gudenus erläuterte. „Pro Oriente“ leiste viel im Hinblick auf Friedenspolitik, Außenpolitik und Wissenschaftspolitik.

Präsident Kloss betonte, dass „Pro Oriente“ sich parallel zur akademisch-theologischen Arbeit auch als „konkrete Plattform der Versöhnung im internationalen Bereich“ profiliere. Der „Pro Oriente“-Präsident verwies u.a. auf Begegnungen mit den EU-Institutionen in Brüssel (wo der Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion Prof. Dietmar W. Winkler eine viel beachtete Analyse der Situation der orientalisch-orthodoxen Kirchen vorlegte) und mit der Gemeinschaft Sant’Egidio bei deren letztem Assisi-Folgetreffen in Madrid. Auf dem Hintergrund seiner langjährigen diplomatischen Erfahrung sagte Kloss, dass sich bei den Politikern zunehmend die Erkenntnis durchsetze, wie sehr die religiöse Dimension für die Erfassung von Hintergründen und Zusammenhängen politischer Entwicklungen von Bedeutung ist.

Diesen Aspekt erläuterten der „Pro Oriente“-Präsident und „Pro Oriente“-Generalsekretär Bernd A. Mussinghoff auch an Hand der Arbeit der „Pro Oriente“-Historikerkommission, die sich mit positiven wie negativen Einwirkungen der Religionsgemeinschaften auf die Entwicklung in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens befasst. Dabei dürfe nicht übersehen werden, dass es auf dem Balkan auch „Traditionen des Zusammenlebens“ gibt, die für die Zukunft Europas fruchtbar gemacht werden können.

Ein wichtiger Impuls sei im letzten Arbeitsjahr die Neugründung einer Kommission für den katholisch-orthodoxen Dialog gewesen, die es sich auch zum Ziel gesetzt habe, akademische Lehrstuhlinhaber und Nachwuchs-Wissenschaftler miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei gehe es auch um die Frage, wie weit die in den vergangenen Jahrzehnten erarbeiteten Konsenstexte weiterhin Wirkung entfalten. Von besonderer Bedeutung sei im katholisch-orthodoxen Dialog auch die von Papst Johannes Paul II. im Heiligen Jahr 2000 angeregte „Reinigung des Gedächtnisses“ („Healing of memories“). Beispielsweise sei die Eroberung Konstantinopels durch Kreuzfahrer und Venezianer im Jahr 1204 eine Wunde, die bis heute Aversionen weckt. Zunehmend wichtig werde auch der „Dialog der Dialoge“, die Vernetzung der katholisch-orthodoxen Dialoginstitutionen, die es in unterschiedlichen Ländern gibt.

Im Hinblick auf die Entwicklung des Dialogs mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen war die Teilnahme von Präsident Kloss und Prof. Winkler am ersten Versöhnungsgespräch zwischen äthiopisch-orthodoxer und katholischer Kirche im Mai von großer Wichtigkeit. Wie Prof. Winkler erläuterte, müsse das Versöhnungsgespräch auch im Zusammenhang der ausgleichenden Politik des äthiopischen Regierungschefs Abiy Ahmed (der auch den Friedensschluss mit Eritrea und die Wiedervereinigung der gespaltenen äthiopisch-orthodoxen Kirche zustande brachte) gesehen werden. Die portugiesischen Unionsversuche im 16./17. Jahrhundert, insbesondere aber die Erinnerungen an die Okkupation Äthiopiens durch das faschistische Italien stellten bis heute eine schwere Belastung für das Verhältnis zur äthiopisch-orthodoxen Kirche dar. Grausiges Fanal der faschistischen Unterdrückung Äthiopiens war die brutale Ermordung von 300 Mönchen und Novizen des Klosters Debre Libanos 1937, die fälschlich der Beteiligung an einem Attentatsversuch auf den Vizekönig Rodolfo Graziani beschuldigt wurden. Die „Pro Oriente“-Delegation überbrachte eine Einladung von Kardinal Schönborn an den äthiopisch-orthodoxen Patriarchen Mathias; mit einem Besuch in Wien könnte der Patriarch eine Tradition seiner Vorgänger aufnehmen, die jeweils vor einer Begegnung mit dem Papst in Wien Station machten.

 

Vielfalt der Initiativen

Sehr positiv hat sich im letzten Arbeitsjahr  die „Pro Oriente“-Gesellschaft „zur wissenschaftlichen Erforschung der ökumenischen Beziehungen“ entwickelt, die von Prof. i.R. Rudolf Prokschi, dem Vizepräsidenten der Stiftung „Pro Oriente“, geleitet wird. Sowohl die Zahl der Abonnenten des „Pro Oriente“-Magazins als auch die der Mitglieder des „Pro Oriente“-Freundeskreises weist eine steigende Tendenz auf.

In den Berichten aus der Tätigkeit der „Pro Oriente“-Sektionen Salzburg, Linz und Graz wurde die Vielfalt der Initiativen dieser Sektionen deutlich. Prof. Winkler schilderte etwa die Salzburger Aschermittwoch-Feier im Zeichen des Heiligen Gregor von Narek. Dieser Theologe, der an der Wende vom 1. zum 2. christlichen Jahrtausend lebte, gehörte der armenisch-apostolischen Kirche an, er wurde aber von Papst Franziskus zum Kirchenlehrer der katholischen Kirche erhoben. Schwerpunktländer der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion (auch im eben begonnenen neuen Arbeitsjahr) sind die Ukraine und die Türkei (der sich die Jahrestagung der „Initiative Christlicher Orient“/ICO am 23./24. September widmet).

Die „Pro Oriente“-Sektion Linz widmete sich, wie der Vorsitzende, Landeshauptmann i.R. Josef Pühringer, berichtete, im abgelaufenen Arbeitsjahr vor allem den ökumenischen Impulsen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die von Kardinal König von Wien aus weitergeführt wurden. Die Initiative „Besuchsökumene“, in deren Rahmen die orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Gemeinden in Oberösterreich besucht werden, schreitet voran. „Pro Oriente“-Linz nimmt sich auch des Anliegens orthodoxer Gemeinden im Hinblick auf die Überlassung von katholischen Gotteshäusern an.  Am 25. September findet in Linz die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft von „Pro Oriente“ an den emeritierten oberösterreichischen Diözesanbischof Maximilian Aichern statt.

Die von Hofrat Peter Piffl-Percevic geleitete „Pro Oriente“-Sektion Graz setzte Initiativen im Zusammenhang mit Jubiläen der Grazer Theologen Prof. Bert Groen, Prof. Erich Renhart und Prof. Grigorios Larentzakis (der als Orthodoxer an der Katholisch-Theologischen Fakultät lehrte). Im Oktober wird die Grazer Sektion eine Studienreise zu den ägyptischen Wüstenklöstern durchführen.

 

25 Jahre „Forum Syriacum“

Im Hinblick auf das neubegonnene Arbeitsjahr verwies „Pro Oriente“-Generalsekretär Mussinghoff u.a. auf das 25-Jahr-Jubiläum des „Forum Syriacum“, der von „Pro Oriente“ ins Leben gerufenen Begegnungsplattform aller Kirchen der syrischen Tradition. Die Bedeutung dieser christlichen Tradition neben lateinischer und griechisch-slawischer Tradition wird heute zunehmend erkannt. Die Jubiläumstagung findet von 26. bis 28. November in Wien statt. Im Rahmen der Tagung wird am 26. November bei einem öffentlichen Vortrag die Frage der „Zukunftsperspektive der  Christen in Syrien“ behandelt werden. Ebenfalls im November findet eine Vorstandsreise nach Jerusalem statt, bei der auch P. Frans Bouwen, eine der Säulen der theologischen Dialogarbeit der Stiftung, geehrt wird. Die Kommission für den Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen wird von 26. bis 28. Februar 2020 in Wien tagen. Im Juni 2020 wird wieder ein „Summer Course“ mit Nachwuchstheologinnen und –theologen stattfinden. Die Historikerkommission wird sich mit dem Verhältnis von Kirchen und Zivilgesellschaft in Südosteuropa befassen.

Große Beachtung fand bei der „Pro Oriente“-Kuratoriumssitzung ein Appell des Grazer Altbürgermeisters Alfred Stingl. Er verwies darauf, dass im kommenden Jahr 2020 des Endes des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 zu gedenken ist. Vor 75 Jahren sei die längste Friedensperiode in der Geschichte Europas eingeleitet worden. Aber Friede sei keine Selbstverständlichkeit. Es sei die Pflicht der Kirchen, für den Frieden einzutreten und dabei die Jugend mitzunehmen, denn es gehe um deren Zukunft. „Pro Oriente“ habe die Chance, in diesem Zusammenhang öffentlich zu wirken, unterstrich Stingl und verwies auf die Bedeutung des Tagungsortes der Kuratoriumssitzung, den Konsistorialsaal, in dem jenes Christusbild hängt, das im Oktober 1938 von fanatischen NS-Jugendlichen mit Dolchen zerstochen wurde.(