Katholiken und Orthodoxe müssen voneinander lernen

Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen plädierte bei 35-Jahr-Feier der Salzburger Sektion von „Pro Oriente“ im Hinblick auf „Primat“ und „Synodalität“ für „Lernbereitschaft auf beiden Seiten“ – Was Katholiken lernen können, wenn sie Liturgie in der ostkirchlichen Tradition als „kosmisches Geschehen“ sehen

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Foto: © Pemolo (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria)

Salzburg, 07.10.20 (poi) Zu einem Plädoyer für das wechselseitige Lernen voneinander zwischen Katholiken und Orthodoxen gestaltete sich am Mittwochabend im Salzburger Kardinal-Schwarzenberg-Haus der Festvortrag des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, zum 35-Jahr-Jubiläum der Sektion Salzburg der Stiftung „Pro Oriente“. Kardinal Koch stellte u.a. fest: „Die Stärke der orthodoxen Kirche ist ihre Synodalität, weshalb Papst Franziskus immer wieder betont, die katholische Kirche habe im Dialog mit den orthodoxen Brüdern die Möglichkeit, ‚etwas mehr über die Bedeutung der bischöflichen Kollegialität und ihre Erfahrung der Synodalität zu lernen‘“. Im Spiegel der Tradition der orthodoxen Kirchen werde die katholische Kirche eingestehen müssen, dass sie in ihrem Leben und in ihren Strukturen noch nicht jenes Maß an Synodalität ausgebildet hat, „das theologisch möglich und notwendig wäre“. Eine glaubwürdige Verbindung des „primatialen“  Prinzips mit dem „synodalen“ Prinzip könne aber eine wesentliche Hilfe für das weitere ökumenische Gespräch mit der Orthodoxie sein. Kardinal Koch hob gleichzeitig hervor, dass der theologische Dialog aber nur dann in die Zukunft führen werde, wenn „die jeweiligen starken Seiten beider Kirchen miteinander ins Gespräch gebracht werden“. Dies sollte in der „Hoffnung auf Lernbereitschaft auf beiden Seiten“ und in der „Bewährung des Grundprinzips des ökumenischen Dialogs“ geschehen, „das im gegenseitigen Austausch von Gaben besteht, in dem von den ‚Anderen‘ gelernt werden kann“.

Für Papst Franziskus sei es evident, dass das katholische Engagement, eine synodale Kirche aufzubauen, große Auswirkungen auf die Ökumene hat und auch eine „neue Sicht auf den Primat des Bischofs von Rom“ ermöglicht, stellte Kardinal Koch fest und zitierte die Ansprache des Bergoglio-Papstes bei der 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode im Oktober 2015: „Ich bin überzeugt, dass in einer synodalen Kirche auch die Ausübung des petrinischen Primats besser erklärt werden kann. Der Papst steht nicht allein über der Kirche, sondern er steht in ihr als Getaufter unter den Getauften, im Bischofskollegium als Bischof unter den Bischöfen und ist – als Nachfolger des Apostels Petrus – zugleich berufen, die Kirche von Rom zu leiten, die in der Liebe allen Kirchen vorsteht“.

Auf der anderen Seite werde man von den orthodoxen Kirchen erwarten dürfen, dass sie im ökumenischen Dialog lernen, „dass ein Primat auch auf der universalen Ebene nicht nur möglich und theologisch legitim, sondern auch notwendig ist“, betonte Kardinal Koch in Salzburg. Die innerorthodoxen Spannungen und Konflikte, die vor allem beim orthodoxen Konzil auf Kreta 2016 deutlich zum Ausdruck gekommen seien, würden nahelegen, „auch auf der universalen Ebene der Kirche über ein Amt der Einheit nachzudenken“. Den orthodoxen Kirchen sei auch die Einsicht zuzumuten, dass ein solches Amt der Einheit „mehr sein muss als ein reiner Ehrenprimat“. Dieses Amt müsse auch „rechtliche Elemente“ einschließen.

Wenn die „Stärken“ der orthodoxen und der katholischen Kirche miteinander ins ökumenische Gespräch gebracht werden, könnte – so Kardinal Koch – „die Entwicklung einer glaubwürdigen theologischen Synthese von Primat und Synodalität eine  weiterführende Etappe auf dem Weg zur Einheit sein“. Ein solcher ökumenischer Austausch der Gaben zwischen Ost und West könne sich aber auch in „noch grundlegenderen theologischen Fragen“ als fruchtbar erweisen. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen nannte als Beispiel die Tatsache, dass in der westlichen Tradition in der Neuzeit  die „kosmische Dimension des christlichen Glaubens und theologischen Denkens weithin aus dem Bewusstsein entschwunden ist“. Stattdessen gebe es eine starke Anthropozentrik, es werde nur mehr über den Menschen nachgedacht, während das östliche Christentum die Erlösung des Menschen und die Erlösung der Natur nie voneinander getrennt habe.

Die Auswirkungen der Ausblendung der kosmischen Dimension zeigten sich auch im Verständnis des Gottesdienstes, so Kardinal Koch. In der westlichen Tradition liege in der liturgischen Praxis  und in der Liturgiewissenschaft der Akzent weitgehend  auf der Versammlung der Gemeinde und folglich auch auf der Frage, wie die Liturgie zu gestalten ist, sodass sie dem Glaubensbewusstsein der Gemeinde entspricht. Im Unterschied zu dieser forcierten Konzentration der Liturgie auf die Gemeindeperspektive werde die Liturgie in der ostkirchlichen Tradition vorrangig als ein „kosmisches Geschehen“ verstanden. Wörtlich stellte Kardinal Koch fest: „Im ostkirchlichen Verständnis ist Liturgie sehr viel mehr als die Zusammenkunft einer mehr oder weniger großen Gemeinschaft von Menschen. Sie wird vielmehr in die Weite des Kosmos hinein gefeiert, sie umgreift Geschichte und Schöpfung“.  Die Feier der Eucharistie werde nicht einfach als historischer Rückblick auf das Letzte Abendmahl verstanden, sondern als Vorwegfeier der Vollendung des Kosmos und der Verherrlichung Gottes.

Die Christen des Westens sollten diese kosmische Dimension des Glaubens und des theologischen Denkens neu entdecken und sich von der orthodoxen Theologie bereichern lassen, vor allem im Hinblick auf die Sorge um die bedrohte Schöpfung, stellte Kardinal Koch fest. Auf diesem Hintergrund sei es wahrscheinlich kein Zufall, dass sich der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., so sehr für die Bewahrung der Schöpfung engagiere und als „grüner Patriarch“ gelte. Denn auf die ökologische Herausforderung müsse eine „Antwort aus der Kernmitte des christlichen Glaubens“ erfolgen. Das Beispiel eines theologisch-ökumenischen Austausches der Gaben im Bereich der Bewahrung der Schöpfung verdeutliche, dass „gegenseitige Lernbereitschaft“ notwendig ist, damit Katholiken und Orthodoxe  auf dem Weg der Wiedergewinnung der einen und ungeteilten Kirche in Ost und West vorankommen. Das Ziel müsse die Wiederaufnahme der Eucharistiegemeinschaft sein, wie dies der Ökumenische Patriarch Athenagoras bereits im Jahr 1968 ausgesprochen habe: „Die Stunde des christlichen Mutes ist gekommen. Wir lieben einander, wir bekennen den selben gemeinsamen Glauben, machen wir uns zusammen auf den Weg vor die Herrlichkeit des gemeinsamen heiligen Altares, um den Willen des Herrn zu erfüllen, damit die Kirche strahlt, damit die Welt glaubt und der Friede Gottes auf alle kommt“.

Abschließend dankte Kardinal Koch der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion für ihren „großen Dienst des Dialogs der Liebe und des Dialogs der Wahrheit“ mit dem Ziel der Wiedergewinnung der „einen und ungeteilten Kirche“.

 

„Gemeinsam vorangehen“

Bei der  – coronabedingt eingeschränkten – 35-Jahr-Feier von „Pro Oriente“-Salzburg im Kardinal-Schwarzenberg-Haus hob der Salzburger Erzbischof Franz Lackner die Absicht seines Vorgängers Karl Berg hervor, „die ökumenische Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils“ im diözesanen Bereich fortzuführen. Es sei eine „bahnbrechende Leistung“ gewesen, die Überzeugungen des Konzils auf die diözesane Ebene zu übertragen. Zugleich erinnerte Erzbischof Lackner an die Bedeutung von herausragenden kirchlichen Persönlichkeiten wie Kardinal Franz König und Erzbischof Karl Berg für die Entwicklung des ökumenischen Dialogs insgesamt.

„Pro Oriente“-Präsident Alfons M. Kloss bezeichnete die Salzburger Sektion der Stiftung als eine „sehr dynamische und eigenständige Kraftquelle“. So wie Österreich föderal aufgebaut sei, lebe auch „Pro Oriente“ durch die Sektionen in Salzburg, Graz und Linz in einer Struktur von Einheit in der Vielfalt. Vieles, was heute die Marke „Pro Oriente“ ausmacht, sei dem Vorsitzenden der Salzburger Sektion, Prof. Dietmar W. Winkler, zu verdanken, insbesondere durch sein großes Engagement im Dialog mit den Kirchen der syrischen Tradition und die in dieser Form weltweit einzigartigen Salzburger „Syrischen Studien“. Präsident Kloss erinnerte an die Tätigkeit des „Zentrums zur Erforschung des Christlichen Ostens“ (ZECO) und an die bedeutenden wissenschaftlichen Beiträge  zur Erforschung des Christentums an der Seidenstraße vom Nahen Osten über Persien bis nach Indien und China.

Gerade ein Jubiläum wie der 35. Jahrestag der Gründung der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion sei aber auch eine gute Gelegenheit, um vorauszublicken. „Pro Oriente“ müsse sich in „einer so fragilen Welt“ wie heute sehr deutlich orientieren und auf die Bedürfnisse der Zeit ausrichten, so Kloss. Auf der Basis des Erreichten sei die Frage zu stellen, was die „mission“ von „Pro Oriente“ angesichts der Welt von heute und ihrer Fragestellungen sein muss. Aufbauend auf der wertvollen Arbeit der Vorgängerinnen und Vorgänger laufe derzeit ein „Zukunftsprozess“ für „Pro Oriente“. Ein Leitstrahl sei dabei ein Wort von Papst Franziskus: „gemeinsam vorangehen“ („camminare insieme“) mit den Schwesterkirchen, im Gebet, in der Aktivität, im christlichen Zeugnis in der Welt von heute. Wörtlich stellte der „Pro Oriente“-Präsident fest: „Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, was uns eint, und nicht so stark darauf, was uns trennt“. Die Herausforderungen der Zeit seien groß, die Christen könnten es sich nicht leisten, sich in Trennlinien und Abgrenzungen zu verlieren. Auch wenn sich in der Geschichte belastender Ballast angesammelt haben mag, sei das gemeinsame christliche Zeugnis in der Welt von heute notwendig.

„Pro Oriente“ wolle sich dieser Herausforderung stellen und weiterhin in vielfältiger Weise wirken, so Kloss. Dazu gehöre es, „spezifische Beiträge zur Konfliktlösung und Versöhnung im Kontext von Religion zu leisten“, als internationales Kompetenznetzwerk in Sachen ostkirchlicher Fragen zum besseren Verständnis dieser Kirchen und ihrer Anliegen beitragen und als aktiver Fürsprecher für bedrängte und verfolgte Christen zu wirken, aber auch als Unterstützer der Integration ostkirchlicher Migranten in Österreich. Der gemeinsame Beitrag der Christen zum Gemeinwohl, zum „bonum comune“, sei ein wesentliches Ziel, zu dessen Verwirklichung „Pro Oriente“ gerade auch jüngere Menschen aus allen Kirchen gewinnen wolle. In herzlichen Worten dankte Präsident Kloss Kardinal Koch für die stets tatkräftige Unterstützung der Arbeit von „Pro Oriente“ durch Kardinal Koch. Die Stiftung werde auch weiterhin stets in enger Abstimmung mit dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen agieren.

Der Vorsitzende von „Pro Oriente“-Salzburg,  Prof. Dietmar W. Winkler, verwies auf die Persönlichkeiten aus dem politischen und wirtschaftlichen Bereich –  wie die früheren Bundesminister Heinrich Drimmel und Theodor Piffl-Percevic oder Altbundespräsident Rudolf Kirchschläger – , die sich für die von Kardinal König begründete Stiftung zur Förderung des katholisch-orthodoxen Dialogs eengagierten. Bis heute gelte, dass viele Aspekte der Tätigkeit von „Pro Oriente“ im Ringen um Konfliktlösungen und zur Unterstützung von Frieden und Versöhnung im Hintergrund (aber darum umso wirksamer) geschehen. Prof. Winkler:  „Was die Salzburger Öffentlichkeit durch Vorträge, ökumenische Besuche und Symposien wahrnimmt, ist nur die Spitze des Eisbergs unserer Arbeit. Von den Interventionen und Hintergrundgesprächen im Jugoslawienkrieg mit kroatischen Katholiken und serbischen Orthodoxen bis hin zur Unterstützung bedrängter orientalischer Christen reicht die Palette der Interventionen von ‚Pro Oriente‘“ .

Vor allem Persönlichkeiten aus der Politik hätten in der Arbeit der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion eine wichtige Rolle gespielt, betonte der Ostkirchenexperte. Die lange Liste von Salzburger Politkern, die als Vorsitzende oder Vorstandsmitglieder von „Pro Oriente“ dienten, zeuge davon. So waren etwa die Altlandeshauptleute Hans Lechner und Hans Katschthaler beide Vorsitzende der Sektion. Die institutionelle Verwobenheit mit Politik, Universität und Kirche sei die große Stärke von „Pro Oriente“. Dazu komme die Zusammenarbeit mit den Zentren der Wissenschaft: „Wir knüpfen seit Jahrzehnten an einem globales Netzwerk wissenschaftlicher Expertise zu ostkirchlichen Fragen, das in Österreich nicht zuletzt durch die Kompetenzen des ‚Zentrums zur Erforschung des christlichen Ostens‘ ((ZECO) an der Paris-Lodron-Universität in Salzburg bereichert wird‘“. Die Idee von „Pro Oriente“ habe in Salzburg eine lange Vorgeschichte.  Schon Ende 1955 entwickelte der damalige Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher den Plan, an der Salzburger Universität ein „Orientalisches Institut“ zu gründen, das sich in wissenschaftlicher Weise der Wiedervereinigung der Kirchen widmen sollte. Im Rahmen des „Internationale Forschungszentrums“ (IFZ) auf dem Mönchsberg entstand dann 1960 tatsächlich ein entsprechendes „Ostinstitut“, dessen Vorstand Ernst Florian Winter wurde. Heute leiste die Salzburger „Pro Oriente“-Sektion vielfältige „ökumenische Knochenarbeit“, betonte Prof. Winkler. Auf der Ebene des inoffiziellen Dialogs könne unter Hereinholung der wissenschaftlichen Kompetenz vieles „ausprobiert“ und wertvolle Vorarbeit für den offiziellen theologischen Dialog zwischen den Kirchen geleistet werden.Bei der Feier am Mittwochabend erinnerte Prof. Winkler daran, dass die Salzburger Sektion von „Pro Oriente“ exakt am gleichen Tag vor 35 Jahren – am 7. Oktober 1985 – errichtet wurde. Salzburg war die erste „Pro Oriente“-Sektion außerhalb Wiens, es folgten Graz und Linz. Winkler überreichte zwei Persönlichkeiten dieser „ersten Stunde“, dem langjährigen Leiter des Arbeitsausschusses der Salzburger Sektion, Pfarrer i.R. Rupert Reindl, und Prälat Hans Walter Vavrovsky, dem früheren Rektor des Bildungszentrums St. Virgil, in Niederaltaich „geschriebene“ Ikonen sowie Ehrenurkunden.

Unter sorgsamer Beachtung der Corona-Regelungen nahmen an der Jubiläumsfeier der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion viele Persönlichkeiten des öffentlichen und kirchlichen Lebens teil, unter ihnen Weihbischof Hansjörg Hofer, der evangelisch-lutherische Superintendent Olivier Dantine, der Rektor der Salzburger Universität, Prof. Hendrik Lehnert, der Erzabt von Stift St. Peter, P. Korbinian Birnbacher OSB, und die emeritierte Äbtissin von Kloster Nonnberg, M. Perpetua Hilgenberg OSB.