Katholische Kirche Italiens startet Mittelmeer-Initiative

Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Bassetti, nützte Patronatsfest der Kirche von Aquileia zur Ankündigung der Initiative auf breiter Basis – Kirche Italiens schart sich um Papst Franziskus und dankt ihm für sein „prophetisches Lehramt“ und seinen „Ökumenismus der Tat“ – Im Februar gesamtmediterrane Bischofsversammlung in Bari zum Thema „Friedensgrenze Mittelmeer“

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: public domain)

Aquileia, 13.07.19 (poi) Eine in Übereinstimmung mit Papst Franziskus entwickelte Mittelmeer-Initiative der katholischen Kirche Italiens hat der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI), Kardinal Gualtiero Bassetti, von Aquileia aus angekündigt. Aquileia sei seit der Antike ein „Ort der Begegnung“ für Europa und den ganzen Mittelmeerraum gewesen, sagte der Kardinal in einer „Lectio magistralis“ aus Anlass des Festes der beiden Patrone von Aquileia – des noch von Petrus geweihten ersten Bischofs der nordadriatischen Metropole, des Heiligen Hermacoras (Ermagora, nach ihm ist auch die Stadt Hermagor in Kärnten benannt, die zum Patriarchat von Aquileia gehörte), und des Diakons Fortunatus. Ein Höhepunkt der Mittelmeer-Initiative wird von 19. bis 23. Februar 2020 ein Treffen der Bischöfe aller Uferstaaten des Mittelmeers in Bari mit dem programmatischen Titel „Friedensgrenze Mittelmeer“ sein, Papst Franziskus wird daran teilnehmen.

Die Kirche habe sich entschlossen, nicht dem „Chor der Unglückspropheten“ beizutreten, sondern sowohl in ihrem Bereich als auch außerhalb die Keime des Neuen zu erkennen, das „auch im Mittelmeerraum wachsen kann und wachsen muss“, sagte Bassetti. Die Kirche Italiens verstehe sich als eine mediterrane Kirche, sie sei dankbar für das Zeugnis so vieler Märtyrer des Mittelmeerraums und betrachte die prophetische Haltung der Märtyrer als „Triumph der Nächstenliebe über den Hass, des Dialogs über den Fundamentalismus, der Gerechtigkeit über das Unrecht“. Wie das antike Aquileia wolle die Kirche Italiens auch heute im Dienst des Friedens und des Zeugnisses für das Evangelium stehen. Daher schare sich die Kirche Italiens um Papst Franziskus und danke ihm für sein „prophetisches Lehramt“ und seinen „Ökumenismus der Tat“. Die Mittelmeer-Initiative verstehe sich als ein Beitrag dazu. Die Einladung an die Vorsitzenden aller katholischen Bischofskonferenzen der Mittelmeerstaaten und der mit unierten östlichen Kirchen nach Bari habe das Ziel, „gemeinsam und brüderlich“ zu ergründen, was „Gott heute von der Kirche im Mittelmeerraum verlangt“. Die Gemeinschaft der Ortskirchen des Mittelmeerraums könne – „zum Unterschied von anderen Institutionen“ – jenen „umfassenden und organischen Blick“ auf die Erfordernisse der Situation entwickeln, der sonst im Hinblick auf den Mittelmeerraum fehle. Außerdem bedeute die Vielfalt der liturgischen, spirituellen und kirchlichen Traditionen ein „wertvolles Zeugnis der Synodalität“ auch für die Kirchen in anderen Regionen. Wörtlich stellte der CEI-Vorsitzende fest: „Dieses synodale Zeugnis, das auf die Stimme der nahöstlichen und nordafrikanischen Ortskirchen hört, die dramatische Situationen erleben, kann einen wichtigen Beitrag für eine realistische Betrachtung der sozialen Situation liefern und konkrete Vorschläge entwickeln, die sich an der Perspektive der ‚Peripherien‘ und am Licht der göttlichen Barmherzigkeit orientieren“.

Der Katholizismus mit seiner „universalen Vision“ erlaube es, auch „symbolische Konstruktionen“ wie den „Limes“ und die „kulturelle Zugehörigkeit“ als Zeichen der Einheit und nicht der Spaltung zu sehen, unterstrich Bassetti. Auch wenn die Geschichte von Feindschaft und Missverständnissen, von theologischen Disputen und politischen Grenzüberschreitungen gekennzeichnet sei, habe der Katholizismus immer zutiefst eine „Botschaft der Inklusion und des Dialogs“ vertreten. Dieser Dialog habe Meere und Flüsse, Hügel und Berge, Sprachen und Ethnien überwunden: „Er hat uns reich gemacht, ohne dass wir etwas vom Unsrigen verloren hätten“. Die Kirche Italiens sei historisch eine vielfältige, durch tausendjährige Vergangenheit volksverbundene und nach außen offene Kirche, so der Kardinal. Unverzichtbar sei aber der „Geist der Demut“, der alle kennzeichnen müsse, die in der Kirche einen Dienst leisten, Geweihte wie Nichtgeweihte. Niemals dürfe sich der „Geist des Dienstes“ in Machtgier verwandeln.

Im Anschluss an den Festvortrag hatte Kardinal Bassetti in der historischen Basilika von Aquileia den Vorsitz beim Festgottesdienst inne, bei dem Bischöfe aus dem ganzen Triveneto und aus den benachbarten österreichischen und slowenischen Diözesen konzelebrierten, deren Territorien einst zum Bereich des (bis 1751 bestehenden) Patriarchats von Aquileia gehört hatten, das auch eine Brückenfunktion zwischen Ostkirche und Westkirche zu erfüllen hatte. Im Hinblick auf Vergangenheit und Gegenwart des friulanischen Raumes kamen bei der Liturgie Latein, Italienisch, Furlanisch, Slowenisch und Deutsch zum Einsatz.

 

Migrationsfrage wird nicht das einzige Thema sein

Die Vorbereitung für das Bischofstreffen in Bari von 19. bis 23. Februar 2020 unter dem Titel „Friedensgrenze Mittelmeer“ läuft bereits seit geraumer Zeit. Die Italienische Bischofskonferenz hat für das „synodale Treffen“ ein Vorbereitungskomitee unter dem Vorsitz des Bischofs von Acireale, Antonino Raspanti, eingesetzt. Raspanti betonte von Anfang an, dass „das Leid und die Hoffnung der Völker um das Mittelmeer“ das zentrale Thema in Bari sein werden. Die Migrationsfrage werde behandelt werden, „aber nicht das einzige Thema sein“. Es gehe um den Beitrag der Ortskirchen, um den Völkern bei der sozialen Entwicklung, bei der Überwindung der Ungerechtigkeit, bei der gemeinsamen Aktion zu Gunsten des Friedens zu helfen.

Kardinal Bassetti sagte bei der ersten Sitzung des Vorbereitungskomitees, der Begriff „Grenze“ sei ein Schlüsselwort, um den Mittelmeerraum zu begreifen. „Grenze“ dürfe aber nicht im Sinne von Trennung, Spaltung verstanden werden, sondern als „Geist der Grenze, der es ermöglicht, über das Bestehende hinauszugehen und die Herausforderungen anzunehmen“. Wörtlich stellte der Kardinal fest: „Im Licht der Geschichte haben wir gelernt, dass es keinen Frieden ohne das Mittelmeer gibt. Dieses Meer vereint und teilt die Welt. Jene, die am meisten unter diesen Teilungen leiden, sind die Armen. Es genügt, die Chronik der letzten Jahre anzuschauen, um das unter Beweis zu stellen“.

Bei einer späteren Zusammenkunft zitierte der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz den sizilianischen Priester-Politiker und entschiedenen Antifaschisten Don Luigi Sturzo: Sich dem Mittelmeerraum anzunähern, bedeute ihn zu verstehen, ihn zu lieben und ihn „nicht durch Macht, sondern durch Kultur zu erobern“. Europa könne nicht nur „vom Norden her“ gedacht werden. Der europäische Kontinent dürfe nicht durch die „Logik der Märkte“ aus dem Gleichgewicht gebracht werden, es sei notwendig, auch das gesellschaftliche Gewebe des „gemeinsamen Vaterlandes“ zu schaffen. Italien habe die Aufgabe, mitzuhelfen, dass Europa im Mittelmeerraum seine kulturellen und spirituellen Wurzeln wiederfindet.

In der Arbeit des Vorbereitungskomitees für Bari wurde deutlich gemacht, dass das Migrationsthema wichtig sein wird, aber die Debatte nicht erdrücken darf. Der Mailänder Soziologe Prof. Maurizio Ambrosini, der dem Komitee angehört, meinte im Gespräch mit Journalisten: „Auch die Migrationsfrage kann man doppelt sehen: Als Flucht aus dem Elend, aber auch als Scharnier zwischen den Kontinenten“. Daher werde auf dem Programm des Bischofstreffens in Bari auch vieles andere stehen: Die kirchliche Situation in den Ländern am Mittelmeer „und das Zeugnis für das Evangelium“, die Verteidigung der Menschenwürde, der ökumenische und der interreligiöse Dialog, die Entwicklung der schwächsten Gesellschaften am Ufer des Mittelmeers, die Zusammenarbeit. Der Florentiner Kirchenhistoriker Prof. Marco Giovannoni verwies darauf, dass die „in jüngster Zeit von der internationalen Gemeinschaft unternommenen Versuche zur Lösung der Probleme des Mittelmeerraums alle fehlgeschlagen sind“. Die Kirche könne, da sie mediterrane Wurzeln habe,  hier einen fundamentalen Beitrag leisten.  Mitglied des Komitees ist auch der CEO des italienischen Mineralölkonzerns ENI, Claudio Descalzi. Er erinnerte an die harten Zahlen: Im Mittelmeerraum leben insgesamt 500 Millionen Menschen, sieben Prozent der Weltbevölkerung, die zehn Prozent des globalen Bruttonationalprodukts erstellen. Am Nordufer des Mittelmeers werde aber sieben Mal mehr produziert als am Südufer. Das Ereignis von Bari sollte daher auch in dieser Hinsicht zu einer Wiederannäherung der beiden Ufer führen.