Kein Stalin-Bild in der neuen Hauptkirche der russischen Streitkräfte

Dankschreiben von Erzbischof Jean (Renneteau), dem Oberhaupt der Erzeparchie der Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, an Patriarch Kyrill I.

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Foto: © Kremlin.ru (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International)

Paris-Moskau, 11.05.20 (poi) In der neuen Hauptkirche der russischen Streitkräfte im “patriotischen” Themenpark unweit von Moskau wird es kein Stalin-Bild geben. Dies geht aus einem Dankschreiben von Erzbischof Jean (Renneteau), Oberhaupt der Erzeparchie der Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, an Patriarch Kyrill I. hervor. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: “Mit Dank und Freude haben wir gehört, dass Sie die Darstellung Stalins unter den Soldaten, die ihr Leben für Russland gegeben haben, auf einem Fresko (Mosaik) verboten haben. Christus sei gelobt! Langes Leben für Sie, hochgeweihter Herr Patriarch. Dank für Ihre Weisheit”. Die “mutige Entscheidung” des Patriarchen erlaube es der Erzeparchie, “jenen klar zu antworten, die uns vorwerfen, dass wir uns dem Patriarchat von Moskau unterworfen haben: Unsere Mutterkirche ist frei und unser Patriarch Kyrill lenkt seine Kirche nach dem Willen Gottes”.

Erzbischof Jean hat ab 2015 im Auftrag des Ökumenischen Patriarchats – zunächst als Nachfolger von Erzbischof Job (Getcha), dem jetzigen Repräsentanten Konstantinopels beim Weltkirchenrat in Genf, als “locum tenens” – die Erzeparchie der Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa geleitet. 2016 wurde er vom Heiligen Synod im Phanar offiziell zum Exarchen für die Gemeinden russischer Tradition gewählt. Im November 2018 löste Konstantinopel ohne vorherige Konsultation das Exarchat auf und verfügte die Eingliederung der Gemeinden in seine örtlichen Diaspora-Eparchien. Die Mehrheit der Gläubigen des Exarchat lehnte das ab, nach langen Verhandlungen einigte sich Erzbischof Jean mit dem Moskauer Patriarchat, er wurde als Titularbischof von Dubna (einem wichtigen Kernforschungszentrum nördlich von Moskau) in den Episkopat der russisch-orthodoxen Kirche aufgenommen.

Der Streit um das Stalin-Bild (und um ein Bild von Staatspräsident Wladimir Putin) in der Armeekathedrale löste heftige internationale Diskussionen aus. Die Kathedrale sollte ursprünglich im Rahmen der Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag des durch ungeheure Blutopfer erkauften Sieges über NS-Deutschland geweiht werden. Im Hinblick auf die Corona-Pandemie war das nicht möglich. Die Weihe der Kirche werde erst nach Ende der Epidemie erfolgen, sagte der russisch-orthodoxe Militärbischof Stefan (Priwalow) der Nachrichtenagentur „RIA Novosti“.  Die monumentale „Kirche des Sieges“ im „patriotischen“ Themenpark ist Russlands drittgrößte Kathedrale.

Die Grundsteinlegung der Kathedrale erfolgte im September 2018 durch Patriarch Kyrill I. und Präsident Putin. Das Gotteshaus mit einer fast 100 Meter hohen goldenen Hauptkuppel bietet nach offiziellen Angaben rund 6.000 Menschen Platz. Zur Kathedrale wurde eine „Straße der Erinnerung“ angelegt. Sie ist 1.418 Meter lang; so viele Tage dauerte vom deutschen Überfall im Juni 1941 bis zum Ende im Mai 1945 der „Große Vaterländische Krieg“. Auf diesem Weg sollen Besucher an multimedialen Monitoren die Namen und Fotos aller 33 Millionen sowjetischen Soldaten abrufen können, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben.

Das umstrittene Stalin-Bild war offensichtlich kein Portrait des Diktators, auf dem Mosaik wurde die sowjetische Siegesparade in Moskau vom 9. Mai 1945 abgebildet, bei der Bilder sowjetischer Heerführer und auch eines von Stalin mitgetragen wurden. Es gab aber nicht nur Auseinandersetzungen um das Stalin-Bild, sondern auch um eine Abbildung von Putin zusammen mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu (der kein Großrusse ist, er hatte einen tuwinischen Vater und eine russische Mutter, das Gebiet von  Tuwa wurde erst 1944 in die Sowjetunion integriert). Nach Angaben von Bischof Stefan wurde das Putin-Mosaik auf Wunsch des Staatspräsidenten entfernt, der keinen „Personenkult“ wie in sowjetischer Zeit wünsche.

Zur Frage des Stalin-Bildes gab es auch innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche unterschiedliche Auffassungen. So sprach sich Erzpriester Leonid Kalinin, Vorsitzender des kirchlichen Rates für Kunst und Architektur, für die Beibehaltung des Mosaiks aus, auf dem Soldaten zu sehen sind, die ein Stalin-Bild hochhalten. Er sei in keiner Weise ein Verteidiger Stalins, der so viel Blut, so viele schreckliche Verbrechen auf sich geladen habe, betonte Kalinin. Aber als historische Gestalt, als “Oberkommandierender und Generalissimus Stalin” müsse er bleiben, gleichgültig, “ob das jemand will oder nicht”. Es gehe um die Geschichte des Landes, alle “Marschalle des Sieges” hätten unter der direkten Leitung Stalins gearbeitet. Die Diskussion um das Stalin-Bild in der Armeekirche teile die Gesellschaft und spiele die Menschen gegeneinander aus. Das Mosaik mit dem Stalin-Bild sei an einem wenig einsehbaren Platz vorgesehen gewesen, die Medien hätten die Diskussion hochgespielt, bedauerte Kalinin: “Aber niemand will vom Sieg sprechen, das zeigt, wie weit die Gesellschaft gefallen ist”.

Ganz anders als Kalinin äußerte sich der stellvertretende Leiter des kirchlichen Außenamtes, Erzpriester Nikolai Balaschow. Die Kirche müsse sich immer am Bild der Gemeinschaft der Heiligen orientieren, die ihr Blut für den Glauben gegeben haben, betonte er. Er bete, dass es in der neuen Kathedrale kein Stalin-Bild geben werde. Er sei überzeugt, so der Erzpriester, dass Gott „einen solchen Verlust der Erinnerung an das Leid der Menschen, eine solche Niederlage der Kirche, eine Schande für die Christen“ nicht zulassen werde.

 

Metropolit Hilarion: „Kein Platz für Stalin in orthodoxen Kirchen“

Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats nahm scharf zur Diskussion um mögliches Stalin-Bild in der Armeekathedrale im „patriotischen“ Themenpark in Kubinka unweit von Moskau Stellung

Moskau, 12.05.20 (poi) Auch der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), ist gegen ein Stalin-Bild in der Armeekathedrale im „patriotischen” Themenpark in Kubinka unweit von Moskau. „Ich denke, dass Bilder von Stalin in keiner russisch-orthodoxen Kirche Platz finden können, weil Stalin ein Verfolger der Kirche war. Das Blut von Millionen, einschließlich dessen von vielen Neumärtyrern und Bekennern der russischen Kirche, lastet auf seinem Gewissen“, sagte der Metropolit in seiner allwöchentlichen TV-Interview-Sendung „Kirche und Welt“ im Programm „Rossija 24“.

Die neue Kirche in Kubinka sei weder eine Ausstellungshalle noch ein „Panorama“ einer großen Schlacht (wie das bekannte „Panorama“ der Schlacht von Borodino gegen Napoleon) oder ein Ort, an dem Bilder von Militärparaden gezeigt werden sollen (das umstrittene Stalin-Bild war Teil eines Mosaiks, auf dem die Siegesparade vom 9. Mai 1945 in Moskau zu sehen ist), so Metropolit Hilarion. Ein Gotteshaus sei ein „Ort des Gebets“, die künstlerische Ausstattung müsse diesem Ziel entsprechen.

Metropolit Hilarion räumte ein, dass die Armee auch „ein Ort des Gedenkens“ sei. Daher seien dort auch Bilder militärischer Aktionen möglich. Aber diese Darstellungen dürften nicht „politisiert“ sein, sie sollten keine Zwietracht und keine Meinungsverschiedenheiten auslösen. Vor allem aber sollten in Gotteshäusern „keine Bilder von Kirchenverfolgern“ gezeigt werden.