Keine Annäherung zwischen den orthodoxen Patriarchaten von Konstantinopel und Belgrad

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Foto: © Micki (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Belgrad, 27.10.19 (poi) Eine hochrangige Delegation des Ökumenischen Patriarchats hat das serbisch-orthodoxe Patriarchat besucht. Das Treffen fand am 25. Oktober in der Belgrader Patriarchenresidenz statt. Patriarch Irinej empfing die Delegation gemeinsam mit Mitgliedern des Heiligen Synods, unter ihnen Bischof Irinej (Bulovic) von Novi Sad, Metropolit Amfilohije (Radovic) von Montenegro und Metropolit Porfirije (Peric) von Zagreb. Die konstantinopolitanische Delegation wurde vom emeritierten Metropoliten von Pergamon, Ioannis (Zizioulas), geführt; ihr gehörten u.a. auch Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Paris, Metropolit Maximos (Ugenopoulos) von Silivri (Selymbria) und Metropolit Amphilochios (Stergios) von Edirne (Adrianopel) an. Über die Themen der Begegnung wurde offiziell nichts mitgeteilt, aus Bemerkungen von Metropolit Amfilohije ließ sich entnehmen , dass es um die Ukraine-Frage ging, in der die Positionen von Belgrad und Konstantinopel diametral entgegengesetzt sind, vor allem auch, weil in Belgrad Folgewirkungen der Gründung der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ in Montenegro und in Mazedonien befürchtet werden. Dass der Metropolit von Pergamon die Delegation aus dem Phanar leitete, konnte als „vertrauensbildende Maßnahme“ gewertet werden, weil Ioannis (Zizioulas) als einer der bedeutendsten orthodoxen Theologen der Gegenwart auch in Belgrad hoch angesehen ist. Eine Annäherung der Standpunkte wurde aber offensichtlich nicht erzielt.

Metropolit Amfilohije hielt am Tag nach der Begegnung mit der Delegation aus dem Phanar im Mariä Geburt-Kloster in Cetinje eine von der offiziellen Website seiner Metropolie publizierte Predigt, in der er scharf mit den Ansprüchen des Ökumenischen Patriarchats abrechnete. U.a. stellte der Metropolit fest, der Patriarch von Konstantinopel könne nicht als Oberhaupt der orthodoxen Kirche bezeichnet werden, denn die Kirche habe „nur ein Oberhaupt: Christus“. Alle anderen seien nur Apostel, „die für Christus als dem Haupt der Kirche und für die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ Zeugnis ablegen. Bei der Begegnung mit der Delegation aus dem Phanar in Belgrad habe sich „leider“ erwiesen, dass Bartholomaios II. weiterhin seine Linie in Sachen Ukraine verfolge. Die Ansichten der Delegation aus Konstantinopel basierten auf der historischen Rolle des Ökumenischen Patriarchats, „aber das Problem der Abgesandten aus Konstantinopel – und das vieler anderer – ist, dass sie nicht verstehen, wie sehr sich die Geschichte geändert hat“. Wörtlich stellte der montenegrinische Metropolit fest: „Unser Heiliger Synod hat dem Patriarchen von Konstantinopel geschrieben, dass die konstantinische Ära mit dem heiligen Kaiser Konstantin begonnen hat, aber sie endete, als 1453 Konstantinopel von den Osmanen erobert wurde und 1918 mit dem Martyrium der russischen kaiserlichen Familie Romanow“.

Konstantinopel habe eine große Rolle gespielt, als Kaiser Konstantin die Hauptstadt des Römischen Reiches aus dem „alten Rom“ in das „neue Rom“ am Bosporus verlegte. Dieser Faktor habe es Konstantinopel ermöglicht, eine große Mission zu haben, vor allem für die slawischen Völker. Diese Völker hätten den orthodoxen Glauben und dann die Unabhängigkeit ihrer Kirchen durch Konstantinopel erhalten, erinnerte der Metropolit: „Aber jetzt ist eine andere Zeit, es ist ein Gebot für die Kirche – bei allem Respekt für das, was in der Geschichte geschehen ist – ihre Zukunft auf jene ersten Jahrhunderte ihres Daseins aufzubauen, als sie noch nicht so eng mit den staatlichen Autoritäten verbunden war“. Die Kirche sei mit der Macht verbunden gewesen, als diese christlich wurde, so habe es von Kaiser Konstantin bis zu Kaiser Nikolaus II. „die christliche Regierung, christliche Herrscher, christliche Staaten“ gegeben.

Heute gebe es keine christlichen Herrscher mehr und selbst bei Völkern, die christlich waren, müsse man die Frage stellen, wie christlich sie denn heute noch seien. Die Synergie von Macht und Kirche, wie sie die Geschichte hindurch bestand, existiere heute nicht mehr. Alles, was in der Kirche geschehe, müsse – „vor allem im Hinblick auf wichtige Entscheidungen“ – im konziliaren Geist geschehen, im Geist des Apostelkonzils von Jerusalem. Das lehre die serbisch-orthodoxe Kirche heute und lade auch die Brüder in Konstantinopel dazu ein, sodass es nicht mehr möglich sei, dass jemand einsame Letztentscheidungen trifft, „ob es jetzt Konstantinopel oder Belgrad ist“.

Seit apostolischer Zeit sei das „panorthodoxe Konzil“ die oberste Instanz der orthodoxen Kirche, unterstrich Metropolit Amfilohije. Die Probleme, mit denen die orthodoxe Kirche heute konfrontiert sei, könnten nur durch ein solches Konzil gelöst werden. Man müsse beten, dass dieser Geist in der Kirche Christi wiederhergestellt werde – „bei allem Respekt für die Geschichte und für die Rolle des Patriarchats von Konstantinopel“. Der Patriarch von Konstantinopel könne nicht als „Haupt der orthodoxen Kirche“ bezeichnet werden, wie das im „Tomos“ über die Autokephalie für die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ geschehen sei. Und im Gegensatz zum Byzantinischen Reich und den Staaten, die nach dem byzantinischen Modell funktionierten, wo die Herrschenden am Leben der Kirche teilnahmen, sei der Staat heute säkular und die Herrschenden oft gottlos. Daher sei die „Symphonie“ mit dem Staat heute nicht mehr möglich, auch wenn man noch so viel Respekt für die Autoritäten habe, stellte der montenegrinische Metropolit fest, offensichtlich im Blick auf die Zusammenarbeit zwischen dem Patriarchen von Konstantiniopel und dem mittlerweile abgewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.