Kiew feierte den Tag des Heiligen Wladimir

Göttliche Liturgie auf dem Vorplatz der Marienkathedrale im Höhlenkloster wurde direkt im TV übertragen - Metropolit Onufrij lud zur Versöhnung ein - Vielbeachteter Aufruf des ukrainischen Präsidenten zum gemeinsamen Gebet für Frieden

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Foto: © Sergiy Klymenko (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Kiew, 28.07.20 (poi) In Kiew wurde am Dienstag das Fest des Heiligen Großfürsten Wladimir feierlich begangen. Der Primas der (mit dem Moskauer Patriarchat verbundenen) ukrainischen orthodoxen Kirche, Metropolit Onufrij (Berezowskij), zelebrierte auf dem Vorplatz der Marienkathedrale im Kiewer Höhlenkloster die Göttliche Liturgie. Wegen der Corona-Pandemie war heuer am Tag des Heiligen Wladimir keine „panukrainische Kreuzprozession“ möglich; diese Prozession hatte in den letzten Jahren jeweils hunderttausende Gläubige angezogen. Nach der Göttlichen Liturgie fand nur eine kleine Kreuzprozession auf dem Gelände des Höhlenklosters statt, zu deren Abschluss am Grab des bis heute hochverehrten Metropoliten Wladimir (Sabodan; 1935-2014) eine Andacht gehalten wurde. Metropolit Wladimir war der Vorgänger von Metropolit Onufrij als Primas der ukrainischen orthodoxen Kirche. Die Feierlichkeiten im Höhlenkloster wurden von mehreren ukrainischen TV-Stationen live übertragen. Aus Anlass des Tages des Heiligen Wladimir wurden zu Mittag im ganzen Land die Glocken geläutet, ein 2012 neu eingeführter Brauch.

In seiner Predigt ging der Metropolit auf die Gestalt des Großfürsten Wladimir ein, der durch die Taufe völlig verändert worden sei: „Zuvor war er ein grausamer Herrscher. Danach wurde er barmherzig, gütig, schlicht, das Beispiel eines Christen“. Ein solches Beispiel sei sehr wichtig für die ganze Gemeinschaft, Großfürst Wladimir sei nach der Taufe zu einem Vorbild geworden, er habe sich um Arme, Waisen und Heimatlose gekümmert. An den Sonn- und Feiertagen habe er Mahlzeiten für die Notleidenden arrangiert, ihnen Geld gegeben und alles, was sie zum Leben brauchten. Die Ukraine danke Gott für den „schönen und spirituell erhabenen Glauben“, der dem Volk durch den Heiligen geschenkt worden sei. Die gläubigen Christen seien als Menschen, die in Übereinstimmung mit der Botschaft des Evangeliums leben, von großer Bedeutung, „egal, ob sie studiert oder einfach, reich oder arm, gesund oder krank sind“. Wörtlich stellte der Metropolit in diesem Zusammenhang fest: „Wenn wir für unseren Staat, für unsere Familien nützlich sein wollen, müssen wir leben wie der Heilige Wladimir nach seiner Taufe und uns nicht von menschlichen Gesetzen leiten lassen, die bisweilen gut sind, bisweilen aber auch nicht, sondern vom Gesetz Gottes, das immer gut, positiv und nützlich ist. Wenn wir diesem Gesetz entsprechend leben, sind wir wahre Patrioten, wahre Bürger unseres Staates“.

Bei einem TV-Marathon aus Anlass des Gedenktages der „Taufe der Rus“ rief Metropolit Onufrij zur Versöhnung auf, die Menschen in der Ukraine dürften einander nicht bekämpfen. Wörtlich sagte der Metropolit: „Was wir für unser Land, für unsere Kirche tun sollen: Vor allem Gott danken und die Menschen einladen, einander zu respektieren, ihnen das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe nahebringen. Das ist unsere zentrale Aufgabe“. Die Kirche wolle mithelfen, dass die Menschen immer mehr „friedfertig, nobel, gütig und geduldig“ werden. Auch wenn nicht alles gleich gelinge, „wir geben nicht auf“, betonte der Metropolit von Kiew. Die vielen Aufgaben der Kirche – Gottesdienst, Sakramentenspendung, die Sorge um Waisenkinder, Obdachlose, Arme – würden „um Gottes willen und im Dienst der Menschen“ erfüllt.

Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij wandte sich am Tag des Heiligen Wladimir mit einem vielbeachteten Aufruf zum gemeinsamen Gebet für Frieden an die Menschen in der Ukraine. Auf „Telegram“ stellte Selenskij fest: „Ich wende mich an die Oberhäupter aller Kirchen und Religionsgemeinschaften, unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit. Ich tue es nicht als Präsident, sondern als Mensch  – mit der Bitte, um Frieden im ukrainischen Land zu beten, für das ersehnte Schweigen der Waffen und völligen Waffenstillstand im Donbass. Damit unsere Leute nicht mehr getötet oder verletzt werden. Damit die Schrecken des Krieges für die Ukraine endlich ein Ende finden und der lang erwartete Friede einsetzt“.

Das Gebet müsse nicht laut, aber ehrlich sein, betonte der Präsident. Er erinnerte die Menschen in der Ukraine daran, dass niemand das Recht habe, die christlichen Werte zu vergessen, die alle Handlungen prägen sollten. Es sei nicht möglich, Frieden und Wohlstand ohne diese Werte zu erreichen. Selenskij nahm ausdrücklich auf den Heiligen Wladimir Bezug: „Wir halten alle Ausschau nach dem Weg zur Einheit – und vergessen dabei, dass Großfürst Wladimir schon vor 1.032 Jahren diesen Weg aufgezeigt hat. Er sammelte die Leute um die Werte von Güte, Barmherzigkeit und Nächstenliebe“. Der Glaube habe den Vorfahren im persönlichen Leben und bei der Lösung der staatlichen Probleme geholfen. Das gelte auch heute: „Wir brauchen tatsächlich das gemeinsame Gebet für die Ukraine, die Hilfe Gottes in allen Schwierigkeiten, um für die Heimat eine friedliche Zukunft zu erreichen“.

Am Vortag des Festes des Heiligen Wladimir hatte der Kanzler der ukrainischen orthodoxen Kirche, Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol, die Gläubigen zum intensiven Gebet dafür aufgefordert, dass der am 27. Juli in Kraft getretene neue Waffenstillstand im Donbass hält. Es sei bedeutsam, dass der Waffenstillstand am 27. Juli in Kraft getreten sei, dem Tag, „an dem in früheren Jahren jeweils hunderttausende Gläubige der ukrainischen orthodoxen Kirche an der ‚panorthodoxen Kreuzprozession‘ teilgenommen haben“. Bei dieser Kreuzprozession sei immer das leidenschaftliche Gebet um Frieden auf den Lippen der Gläubigen gewesen.

Der Waffenstillstand sei jetzt eine Chance, betonte Metropolit Antonij, dass es „keine Toten und Verletzten an der ‚Kontaktlinie‘ mehr gibt und dass die Menschen auf beiden Seiten dieser Linie nicht mehr den Schrecken der Bombardements ausgesetzt sind“. Es müsse alles getan werde, damit der neue Waffenstillstand nicht wieder zu einer anderen „verlorenen Hoffnung“ wird. Deshalb rufe die Kirche zu intensivem Gebet auf, dass der Waffenstillstand zum „völligen Ende des Krieges in der östlichen Ukraine führt“. Das Gebet solle aber auch den politischen Verantwortungsträgern gelten, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen. Es sei schwierig, Frieden zu stiften, aber es sei der einzig richtige Weg, „der Gott gefällt“. Der Heilige Basilius der Große habe mit Recht daran erinnert, dass nichts für einen Christen so charakteristisch sei als die Bereitschaft, Frieden zu stiften.