Kirchenräte weltweit besorgt über die Causa Hagia Sophia

Nahöstlicher Kirchenrat, Konferenz Europäischer Kirchen und Nationaler Kirchenrat der USA verurteilen einmütig das türkische Vorgehen im Hinblick auf die einstige Kathedrale von Konstantinopel

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Foto: © Dean Strelau (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Nicosia-Brüssel-Washington, 16.07.20 (poi) Ebenso wie der Weltkirchenrat haben auch regionale Kirchenräte ihre Besorgnis über die türkische Entscheidung zur Umwandlung der Hagia Sophia von einem Museum zur Moschee zum Ausdruck gebracht. Es handle sich um einen „Angriff auf die Religionsfreiheit“, die durch internationale Bestimmungen geschützt ist, betonte der Nahöstliche Kirchenrat (MECC). In seiner Erklärung rief der MECC auch die Vermittlung der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga in dieser Angelegenheit an. Der Kirchenrat schlug vor, beim türkischen Obersten Gerichtshof Berufung einzulegen, um „die historische Symbolik der Hagia Sophia“ zu schützen. Am schlimmsten sei es, dass die türkische Entscheidung in einem historischen Moment getroffen wurde, der vom Versuch geprägt sei, das friedliche Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen zu verbessern. In der von der MECC-Generalsekretärin Prof. Souraya Bechealany unterzeichneten Stellungnahme wurde in diesem Zusammenhang an die am 4. Februar 2019 in Abu Dhabi von Papst Franziskus und dem Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb, proklamierte „Gemeinsame Erklärung über Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ erinnert. Der Beschluss der türkischen Regierung zum Status der Hagia Sophia sei „ein schwerer Schlag“ für alle islamisch-christlichen Dialoginitiativen, die in den letzten drei Jahrzehnten als Antwort auf Extremismus und sektiererischen Fanatismus auf den Weg gebracht wurden.

Auch die „Konferenz Europäischer Kirchen“ (CEC) hat ihre „tiefe Sorge“ über die Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee geäußert. Eine solche Aktion gefährde die Religionsfreiheit in der Türkei, sie löse überflüssige Kontroversen aus, die weltweit die interreligiöse Annäherung und den Dialog bedrohen und das kulturelle Erbe dieses „Weltkulturerbes am Bosporus“ einschließlich der Mosaiken und Fresken in Gefahr bringen. Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee schaffe möglicherweise sogar einen „fruchtbaren Boden“ für religiösen Hass und Gewalt, sagte CEC-Präsident Christian Krieger in Brüssel. Die CEC hat sich brieflich an den Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell, gewandt. Ebenso appellierte die Organisation christlicher Kirchen auch an die UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay, um die Änderung des Status der Hagia Sophia zu verhindern.

Der orthodoxe Metropolit Cleopas von Schweden erklärte als stellvertretender CEC-Vorsitzender, die Hagia Sophia bringe als Museum „Menschen und Kulturen aus der ganzen Welt zusammen“. Eine Änderung dieses Status schmälere zweifellos die Botschaft dieses außerordentlichen Bauwerks als einer allgemein zugänglichen Brücke, die Ost und West verbindet und die friedliche Koexistenz, gegenseitiges Verständnis und Solidarität zwischen verschiedenen Völkern symbolisiert. Die türkische Entscheidung sei ein Zeichen der Respektlosigkeit gegenüber der weltweiten Christenheit, zugleich werde damit das Image der Türkei verletzt, die Leitlinien, denen sich die türkische Republik ein Jahrhundert lang verpflichtet gefühlt habe, würden in Frage gestellt. Abschließend zitierte der Metropolit den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. mit dessen Worten, dass es für die Hagia Sophia im 21. Jahrhundert „unangemessen und schädlich“ sei, Quelle von Konfrontation und Konflikt zu werden, wo sie doch „der Göttlichen Weisheit geweiht ist und es den Gläubigen beider Religionen ermöglicht, gemeinsam ihre Großartigkeit zu bewundern“. Im Geist der Göttlichen Weisheit gelte das Gebet der Christen der Hoffnung, dass „Weisheit und Vernunft die Oberhand bewahren und die Hagia Sophia weiterhin ihren bisherigen Status beibehalten wird“.

Auch der „National Council of the Churches of Christ in the USA“ (NCC) bedauerte die Entscheidung der türkischen Regierung, die Hagia Sophia in eine Moschee umzuwandeln. Präsident Erdogan habe eine von „nationalistischem Eifer“ gespeiste Entscheidung getroffen. Darin sei seine Missachtung der religiösen Toleranz und sein Zynismus in der Manipulation der muslimischen Mehrheitsbevölkerung in der Türkei sichtbar geworden.

Der NCC schließe sich den orthodoxen Kirchen in aller Welt, dem Vatikan, dem Weltkirchenrat, dem Nahöstlichen Kirchenrat (MECC) und den Menschen guten Willens überall in der Welt in der Trauer über die jüngste Entwicklung um die Hagia Sophia an. Zugleich teile der NCC die Einschätzung der „Islamic Society of North America“, dass die Aktion Erdogans eine Bedrohung für die Entwicklung des globalen islamisch-christlichen Verhältnisses sei, an dessen Verbesserung beide Gemeinschaften in den letzten Jahrzehnten in den USA und weltweit gearbeitet hätten.
Im Hinblick auf die datumsmäßige Übereinstimmung erinnerte der NCC daran, dass die Hagia Sophia-Aktion mit dem 25-Jahr-Gedenken des Massenmords an bosnischen Trägern muslimischer Namen in Srebrenica zusammenfällt. Wörtlich heißt es in der NCC-Erklärung: „Was damals 1995 in Srebrenica geschah, als Christen von politischen Führern durch nationalistischen Eifer veranlasst wurden, eine der schrecklichsten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts zu begehen, wird auf immer das christliche Gewissen belasten“.
Beide Geschehnisse – Hagia Sophia und Srebrenica – würden anzeigen, dass historische Spannungen zwischen Völkern nur durch den Dialog überwunden werden können. Abschließend heißt es in der NCC-Erklärung: „Wir beten, dass die Heilung des Gedächtnisses – ‚healing of memories‘ – stattfindet und dass die Spannungen von einst nicht mehr durch politische, nationalistische – und sinnlose – Aktionen befeuert werden“.