Kirchliche Ukraine-Krise: Scharfe Kritik aus Serbien

Bischof Irinej von Novi Sad: Primat des Ökumenischen Patriarchen ist nicht mit dem Primat des römischen Papstes zu vergleichen – „Mit Schismatikern kann man nicht auf Augenhöhe verhandeln, sie müssen zuerst Buße tun und in die Kirche zurückkehren, bevor sie ihre Anliegen vorbringen dürfen“

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Foto: © Zoran Strajin (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Serbia)

Belgrad, 24.09.18 (poi) Scharfe, aber von „tiefem Schmerz“ und „Liebe zur Kirche des Heiligen Andreas“ geprägte Kritik an der Vorgangsweise des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in der Ukraine-Krise hat Bischof Irinej (Bulovic) von Novi Sad, der Sprecher des Belgrader Patriarchats, geäußert. Die Position des Ökumenischen Patriarchen als „Erster unter Gleichen“ rechtfertige nicht den Eingriff in der Ukraine. Die Aktionen Konstantinopels würden durch den Wunsch erklärt, ein Schisma zu überwinden und die kirchliche Einheit des ukrainischen Volkes wiederherzustellen, aber das geschehe auf der Grundlage der neuformulierten Lehre, dass das Ökumenische Patriarchat das Recht habe, selbständig und aus eigener Initiative Entscheidungen zu treffen, unabhängig von der Position oder dem Widerstand der Ortskirchen. Aber der Primat des Patriarchen von Konstantinopel sei nicht mit dem Primat des römischen Papstes zu vergleichen, so Bischof Irinej. Auf Grund des Apostolischen Kanons 34 sei eine Bischofsversammlung ohne den Ersthierarchen ungültig, aber der Ersthierarch könne auch nicht ohne die Versammlung tätig werden. Daraus folge, dass der Ökumenische Patriarch kein Recht habe, allein über den Status der ukrainischen Kirche zu diskutieren und noch weniger, Entscheidungen darüber zu treffen.

Unter Bezugnahme auf die Position des selbsternannten Kiewer „Patriarchen“ Filaret – der einst das Amt des russisch-orthodoxen Patriarchen angestrebt hatte, nicht zum Zug kam, dann eigene Wege ging und daraufhin vom Moskauer Patriarchat laisiert und exkommuniziert wurde – betonte Bischof Irinej, es sei kirchenrechtlich undenkbar, dass Konstantinopel die von Moskau gegen einen Schismatiker wie Filaret verhängten Maßnahmen aufheben könne: „Was immer in einer orthodoxen Kirche beschlossen wurde, gilt automatisch und ohne Ausnahme auch in allen anderen orthodoxen Kirchen“. Wenn dieses Prinzip beiseitegelassen werde, dann sei die ganze Struktur und das System des gesamtkirchlichen Organismus sofort verletzt. Mit Schismatikern könne man daher nicht auf Augenhöhe verhandeln, sie müssten zuerst Buße tun und in die Kirche zurückkehren, bevor sie ihre Anliegen vorbringen dürfen. Erst dann könnten sie nach Autokephalie verlangen, zuerst gegenüber ihrer angestammten Kirche und dann – über sie – gegenüber der Gesamtkirche.

Wenn man die ukrainischen Schismatiker legalisiere, dann werde das Schisma (die Kirchenspaltung) keine Todsünde mehr sein, es werde vielmehr als ein bloßer Fehler betrachtet werden, den man aussitzen könne und für den man dann noch schlussendlich mit der Autokephalie (Selbständigkeit) belohnt werde, so Bischof Irinej. Dann würden alle Barrieren gegen neue Schismen beseitigt sein, die orthodoxe Kirche werde „eine Art Weinberg ohne Zäune“ werden, es werde „unendlicher Schaden“ entstehen. Bis vor kurzem habe sich das Ökumenische Patriarchat anders verhalten, damals sei es etwa undenkbar gewesen, dass die Schismatiker von Skopje (mazedonische Kirche) ohne vorherige Zustimmung des serbisch-orthodoxen Patriarchats im Phanar empfangen wurden.

Man müsse sich vor Augen halten, dass es in der Ukraine eine kanonische orthodoxe Kirche gibt, die dem Moskauer Patriarchat zugeordnete autonome Kirche, so der Bischof von Novi Sad. Diese Kirche sei von allen anderen orthodoxen Kirchen anerkannt, sie wolle keine Autokephalie und habe niemand darum angefragt, weder Moskau noch Konstantinopel. Zugleich gebe es in der Ukraine „drei schismatische Gemeinschaften, an der Spitze die griechisch-katholische unierte Gemeinschaft“. Die Verhandlungen über die Autokephalie würden mit diesen schismatischen Gemeinschaften und mit den ukrainischen staatlichen Autoritäten geführt, ohne die kanonische Kirche einzubeziehen und gegen deren Willen.

„Am traurigsten“ sei, dass das erklärte Ziel der „Operation Ukraine“ – die Überwindung der Schismata (Kirchenspaltungen) und die Vereinigung der orthodoxen Christen – zum Fehlschlag verurteilt sei, betonte Bischof Irinej. Kirchenspaltungen könne man nicht durch halbherzige Maßnahmen überwinden, die von den säkularen Machthabern unterstützt werden und von „obskuren politischen Zentren, die im Geheimen handeln“. Allenfalls werde die Anzahl der schismatischen Gemeinschaften sinken: Es werde die „neue“ Gruppe geben – bestehend aus „Kiewer Patriarchat“ und sog. ukrainischer autokephaler orthodoxer Kirche – und die kanonische Mehrheitskirche, die unter der Ägide Moskaus bleiben werde.

„Patriarch“ Filaret sage, die russischsprechenden Ukrainer würden sich für Moskau entscheiden und die ukrainischsprechenden für ihn, zitierte Bischof Irinej. Aber dieser Mann, der „wegen seines hohen Alters allen Respekts wert“ sei, aber ansonsten eine „bedauernswerte Gestalt“, habe ein Detail vergessen, dass die Mehrheit der Ukrainer russisch spreche. Er vermute, dass das hohe Alter im Fall von Filaret Denisenko und die herannahenden Präsidentschaftswahlen im Fall von Petro Poroschenko die Faktoren seien, die die Ungeduld beider erkläre. Aber er könne nicht verstehen, was sich Konstantinopel verspreche, stellte der serbische Bischof fest. In der Vergangenheit seien Schismata und häretische Bewegungen überwunden worden, indem deren Unterstützer nach entsprechender Buße sich wieder mit der Kirche vereinigt hätten. Aber in der ganzen zweitausendjährigen Kirchengeschichte sei ihm kein Fall bekannt, wo Schismatiker ohne vorhergehende Zeit der Reifung, der Askese, der Wiederherstellung von Moral und Denken wieder in die Versammlung der Kirchen aufgenommen wurden, „nur dank der Großherzigkeit des Ökumenischen Patriarchats“.

In einem Interview mit der Belgrader „Politika“ wurde Bischof Irinej noch deutlicher: Zum „ersten Mal in der Geschichte“ sei die orthodoxe Kirche mit der Gefahr eines neuen großen Schismas konfrontiert, „diesmal nicht zwischen West- und Ostkirche, aber innerhalb des Ostens“. Wenn das eintrete .- er hoffe innig, dass dies nicht der Fall sein werde, so Irinej -, dann werde es sich um ein größeres und härteres Schisma handeln als alle anderen Kirchenspaltungen in der Geschichte der Kirche, einschließlich des Schismas von 1054.

Bischof Irinej betonte seine Hoffnung, dass Konstantinopel in Sachen Ukraine „den Rubikon nicht überschreiten“ und die kirchliche Einheit über alle weltlichen „Antagonismen, Interessen und Einflüsse“ stellen werde. Die serbisch-orthodoxe Kirche sei nicht bereit, zwei „Spielarten“ der Orthodoxie zu akzeptieren, eine „phanariotische“ und eine „Moskauer“: „Wir glauben an die eine heilige, katholische und apostolische Kirche Christi“. Wörtlich fügte Bischof Irinej hinzu: „Wir sind nicht für Moskau, aber für die Respektierung der jahrhundertealten kanonischen Ordnung und wir sind nicht gegen Konstantinopel, aber gegen jede Initiative, die – unabhängig von allen guten Absichten – ohne Zweifel schärfere Trennungen hervorrufen würde als wir sie schon haben“.

Die Exarchen Konstantinopels seien offensichtlich mit der Mission in die Ukraine entsandt worden, den Plan zur Zuerkennung der Autokephalie an ukrainische Schismatiker unterschiedlicher Couleur – gegen den Willen der kanonischen Kirche des Landes – zu implementieren, so Bischof Irinej. Aber es gebe keine „irreversiblen Prozesse“, schon gar nicht, „wenn sie erst im Gang sind“. Deswegen habe er Hoffnung.