“Klaus Hemmerle-Preis” für den albanischen orthodoxen Primas Anastasios

Kardinal Koch bezeichnete den Erzbischof von Tirana als “glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums”

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Foto: © Kemmi.1 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“)

Aachen-Tirana, 16.02.20 (poi) Das Oberhaupt der albanisch-orthodoxen Kirche, Erzbischof Anastasios (Yannoulatos), wurde im Aachener Dom mit dem “Klaus Hemmerle-Preis” der Fokolar-Bewegung ausgezeichnet. Die Auszeichnung erfolgte im Hinblick auf das außerordentliche Engagement von Erzbischof Anastasios zu Gunsten der Versöhnung der christlichen Kirchen wie auch des christlich-islamischen Dialogs. Auf Grund der historischen Entwicklung ist das heutige Albanien seit dem 16. Jahrhundert ein multikonfessionelles Land, orthodoxe, katholische und (heute auch) evangelikale Christen sind ebenso präsent wie sunnitische Muslime und Bektashi (eine spirituelle Gemeinschaft aus muslimischer Wurzel mit vielen Anleihen aus der christlichen Tradition). Der kommunistische Parteichef Enver Hoxha proklamierte Albanien 1967 zum “ersten atheistischen Staat der Welt” und untersagte jegliche religiöse Aktivität. Nach dem Ende des Kommunismus wurde Erzbischof Anastasios, ein herausragender orthodoxer Missionswissenschaftler, 1991 vom Ökumenischen Patriarchat mit der diffizilen Aufgabe des Wiederaufbaus der völlig zerstörten orthodoxen Kirche Albaniens betraut. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, betonte bei der Überreichung des Preises die Bedeutung des Glaubenszeugnisses. Für die Christen könne es keine schönere Aufgabe geben, als “in den immer mehr säkularisierten Gesellschaften Europas” die Gegenwart Gottes zu bezeugen. Erzbischof Anastasios sei einer der “glaubwürdigen Zeugen des Evangeliums” im Europa von heute. Der seit 2002 verliehene Preis verweist auf Klaus Hemmerle, der von 1975 bis 1994 als Bischof von Aachen wirkte und ein Pionier der Einheit der Christen war.

In seiner Dankansprache betonte Erzbischof Anastasios die Bedeutung der “Friedlichen Koexistenz in einer multireligiösen Welt”. Der katholische Bischof von Aachen, Helmut Dieser, hob die Rolle des Erzbischofs von Tirana als Wegbereiter des ökumenischen und interreligiösen Dialogs hervor. Erzbischof Anastasios habe Menschen “zusammengeführt, sie sprachfähig miteinander gemacht und Brücken gebaut”.

Erzbischof Anastasios wurde 1929 in Piräus geboren. Er wurde nach Studien in Athen 1960 zum Priester geweiht, 1965 bis 1969 studierte er in Hamburg, Marburg und Tübingen. Von 1971 bis 1990 war er Generaldirektor der wichtigen griechischen Caritas-Institution „Apostoliki DIakonia“ und zugleich Professor an der Athener Theologischen Fakultät. Von 1983 bis 1986 wirkte er als Erzbischof für Ostafrika des orthodoxen Patriarchats von Alexandrien., von 1984 bis 1991 war er Präsident der Weltkirchenrats-Kommission für „Mission und Evangelisierung“, später auch einer der Präsidenten des Weltkirchenrats.

Die religiöse Entwicklung Albaniens, ursprünglich ein ganz christliches Land mit einer doppelten – lateinischen und byzantinischen – Tradition – ,war ab dem späten 15. Jahrhundert von einer kontinuierlichen Konversionsbewegung zum Islam der herrschenden Osmanen gekennzeichnet. Allerdings wurde in der Familie oft die christliche Tradition gewahrt, nur der Haushaltsvorstand übernahm im Hinblick auf die steuerlichen und sonstigen Vorteile die islamische Herrschaftsreligion. Daher war in Albanien das auch in anderen Regionen am östlichen und südlichen Mittelmeer auftretende Phänomen der „Bunten“ oder „Doppelten“ (die nach außen Muslime waren, sich aber insgeheim als Christen betrachteten) besonders verbreitet. In der Zeit der „Nationalisierung“ im späteren 19. Jahrhundert wurde die „unklare“ religiöse Zugehörigkeit als hinderlich empfunden. Die damalige intellektuelle Elite identifizierte sich mit dem Spruch von Pashko Vasa (1825-1892): „Differenziert nicht nach Kirche oder Moschee. Die Religion des Albaners ist der Albanismus“. Dieses Zitat bildete später dann auch die Basis für die antireligiöse Politik der kommunistischen Führung unter Enver Hoxha.

Erzbischof Anastasios hat in der schwierigen albanischen Situation – die vor allem auch im Süden durch unterschwellige ethnische Probleme gekennzeichnet ist – in behutsamer Weise den Wiederaufbau der orthodoxen Kirche ermöglicht. Die Orthodoxie gehört zum Nationalerbe Albabiens, vor allem durch die Gestalt des Erzbischofs Fan Stylian Noli (1882-1965), der aus dem albanischsprachigen Städtchen Qytezë an der heutigen griechisch-türkischen Grenze stammte, er war nicht nur der Begründer der albanisch-orthodoxen autokephalen Kirche, sondern 1924 auch Ministerpräsident Albaniens.

In der aktuellen innerorthodoxen Auseinandersetzung zwischen Konstantinopel und Moskau ist Erzbischof Anastasios um einen Mittelweg bemüht, der berechtigten Argumenten beider Seiten Gerechtigkeit widerfahren lassen will.