Kommt der Ökumenische Patriarch eigens nach Kiew?

Ankündigung einer Poroschenko-Vertrauten – Aber zwischen den Führungspersönlichkeiten der bisher als schismatisch geltenden ukrainischen Gemeinschaften gibt es schwerwiegende Auffassungsunterschiede im Hinblick auf das geplante Bischofskonzil zur Bildung der neuen Kirche

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Foto: Dmitry A. Mottl (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Kiew-Moskau, 21.10.18 (poi) Während prominente orthodoxe Theologen – so der australische Archimandrit John Chryssavgis, enger Ratgeber von Patriarch Bartholomaios und Autor einer Biographie des Ökumenischen Patriarchen, der griechische Theologe Christos Yannaras oder der Kanzler der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Antonij (Pakanitsch) von Boryspol – in den Medien die unterschiedlichen inhaltlichen Standpunkte zur Auseinandersetzung zwischen Konstantinopel und Moskau präsentieren, mehrten sich in den letzten Tagen auch die „kirchenpolitischen“ Statements in Sachen Ukraine. So erklärte die Repräsentantin des ukrainischen Präsidenten bei der Werchowna Rada, Irina Lutsenko, im Fernsehen, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. werde persönlich nach Kiew kommen, um dem Oberhaupt der neuen orthodoxen Kirche in der Ukraine den „Tomos“ über die Zuerkennung der Autokephalie zu überbringen. Im Zusammenhang mit der Übergabe der Nutzungsrechte an der Andreaskathedrale in Kiew an das Ökumenische Patriarchat erklärte sie, das wichtigste sei jetzt die Abhaltung eines panukrainischen Bischofskonzils, um den Primas der neuen Kirche zu wählen.

Die Entscheidung, dem Ökumenischen Patriarchat den „dauernden und kostenlosen“ Gebrauch der auf Geheiß von Zarin Elisabeth Mitte des 18. Jahrhunderts errichteten Andreaskathedrale einzuräumen, hat Diskussionen ausgelöst. In der Werchowna Rada stimmten zwar 237 Abgeordnete (226 wären ausreichend gewesen) für das entsprechende Gesetz, aber die Anhänger der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats bezeichneten die Übergabe der Kathedrale – die Staatseigentum bleibt – an Konstantinopel als illegal. Der Leiter der Informationsabteilung der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Erzbischof Kliment (Wetscherja), verwies auf „Unregelmäßigkeiten“ des Vorgangs. Präsenz und Dienst von Bischöfen einer anderen orthodoxen Ortskirche in Kiew (die Andreaskathedrale ist als Sitz für die beiden Exarchen aus Konstantinopel vorgesehen) ohne Genehmigung des kanonischen Metropoliten der ukrainischen Hauptstadt stelle eine „klassische Verletzung der kirchlichen Kanones und Regeln“ dar. Auch sei es überraschend, dass „eine der schönsten Kirchen Kiews“ Bischöfen aus dem Ausland zur Verfügung gestellt werde.

Im Hinblick auf das geplante Bischofskonzil gibt es schwerwiegende Auffassungsunterschiede zwischen den beiden Führungspersönlichkeiten der bisher als schismatisch geltenden Gemeinschaften – „Patriarch“ Filaret (Denisenko) und Metropolit Makarij (Maletytsch). Filaret und Makarij wurden durch den Beschluss des Heiligen Synods des Patriarchats von Konstantinopel vom 11. Oktober mitsamt den von ihnen abhängigen Bischöfen und Klerikern rehabilitiert, sie haben aber unterschiedliche Vorstellungen über die weitere Vorgangsweise, wie aus einem TV-Interview von Metropolit Makarij hervorgeht. Das Oberhaupt der sogenannten „ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche“ erklärte, „Patriarch“ Filaret habe ihm im Hinblick auf Statut und Namen der neuen Kirche keine Mitsprache eingeräumt, sondern ihm gesagt, der Name – seit Samstag offiziell „Patriarchat von Kiew und der ganzen Rus-Ukraine“ – existiere bereits und er habe ihn anzunehmen.

„Patriarch“ Filaret habe ihm auch gesagt, die Bischofsversammlung müsse rasch einberufen werden. Auf seinen Einwand, dass es nicht einmal gemeinsame kirchliche Statuten gebe, habe der „Patriarch“ nur geantwortet, er habe Statuten, berichtete Metropolit Makarij. Auf den Hinweis, dass auch seine Kirche Statuten habe und man ein gemeinsames Dokument entwerfen müsse, habe Filaret gekontert, dass es die Statuten „seines“ Patriarchats sein müssten. Auch auf die Frage nach der Kirchenstruktur – ob Metropolie oder Patriarchat – habe er nur die verärgerte Antwort bekommen, es müsse ein Patriarchat sein, so Makarij.

Er habe sich an das Jahr 2015 erinnert gefühlt, als der fünfte Versuch, das Kiewer Patriarchat und die „ukrainische autokephale orthodoxe Kirche“ zu vereinen, gescheitert sei, sagte Metropolit Makarij laut ukrainischer religiöser Nachrichtenagentur RISU. 2015 hatten die Delegierten aus der Kirche Makarijs auf dem 50:50 Prinzip bestanden, außerdem wollten sie, dass der Name der vereinigten Kirche den Begriff „autokephal“ enthalten sollte. Beides wurde von den Vertrauten von „Patriarch“ Filaret – der Ende Jänner des kommenden Jahres 90 wird – abgelehnt.

Auswirkungen auf den Athos

Mittlerweile gibt es erste Überlegungen im Hinblick auf die Situation von russisch-orthodoxen Gläubigen, die im „kanonischen Territorium“ des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel leben. Solche Gläubige – etwa die vielen russischen Arbeitsmigranten in Konstantinopel oder die russischen Pensionisten an der Mittelmeerküste um Antalya – konnten bisher die Sakramente bei den Priestern und in den Gotteshäusern des Ökumenischen Patriarchats empfangen, was seit dem Beschluss des Heiligen Synods des Moskauer Patriarchats vom 15. Oktober nicht mehr möglich ist. Der Sekretär des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Erzpriester Igor Jakimtschuk, erklärte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „Interfax“, man werde das Problem angehen, aber es sei noch zu früh, um präzise Aussagen  über den Aufbau einer speziellen Seelsorge für diese Gläubigen zu treffen.

Metropolit Hilarion (Alfejew) nahm in einem BBC-Interview im Hinblick auf entsprechende Fragen zur Situation auf dem Athos Bezug (der dem Ökumenischen Patriarchen untersteht). Selbstverständlich könnten russisch-orthodoxe Gläubige – auch Kleriker – weiterhin den Athos besuchen, wenn sie über die entsprechenden Genehmigungen der dortigen Behörden verfügen. Nach dem Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Moskau und Konstantinopel sei es aber nicht mehr möglich, dass russische Priester in den Kirchen auf dem Athos die Liturgie zelebrieren oder Gläubige dort die Sakramente von Buße und Eucharistie empfangen.

Auf die Frage, ob er von den rund 200 Millionen Dollar wisse, die russische Wirtschaftstreibende in den letzten Jahren für die Restaurierung von Klöstern und Kirchen auf dem Athos gespendet haben, meinte der Metropolit, er wisse das natürlich. Aber jetzt rate er den russischen Geschäftsleuten, lieber für die russischen Klöster – von der Klosterstadt Sergijew Posad bis zu den Solowki-Inseln – zu spenden.

Grundsätzlich unterstrich Metropolit Hilarion die „herzlichen und respektvollen“ Beziehungen des Moskauer Patriarchats mit dem Athos. Er habe nicht die Absicht, den Mönchen vom Athos irgendwelche Ratschläge zu geben oder sich in deren innere Angelegenheiten einzumischen. Das gelte auch für das russische Panteleimon-Kloster auf dem Athos. Die Mönche sollten ihr Leben und ihre Arbeit auf dem Athos fortsetzen. Auf die Frage nach der Nennung des Namens des Ökumenischen Patriarchen bei der Liturgie betonte der Metropolit, auch das sei eine Frage, die die Mönche selbst entscheiden müssten.

Konstantinopel hat Gemeinschaft nicht gelöst

Laut Mitteilung des – dem Ökumenischen Patriarchat unterstehenden – Pariser Exarchats für die russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa hat das Patriarchat von Konstantinopel seinerseits die Eucharistiegemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat nicht gelöst. Bei der Liturgie werde in den konstantinopolitanischen Gottesdiensten in aller Welt nach den altkirchlichen Patriarchen von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem für den Patriarchen von Moskau gebetet, wie es der Ordnung der „Diptychen“ (der kirchlichen Ehrenverzeichnisse) entspricht. Das von Bischof Jean Renneteau geleitete Exarchat betont, dass alle orthodoxen Christen am liturgischen und sakramentalen Leben in den Gemeinden des Exarchats teilnehmen können; zugleich wird an alle Priester, Diakone, Mönche, Nonnen, Laien des Exarchats appelliert, inständig für die Einheit der Orthodoxie zu beten.

Das Exarchat ist aus der russischen Fluchtbewegung nach der Oktoberrevolution entstanden. 1921 wurde Erzbischof Jewlogij (Georgijewskij; 1868-1946), der seinen Wohnsitz in Paris aufgeschlagen hatte, von Patriarch Tichon zum Oberhaupt der provisorischen Verwaltung der russischen Diasporagemeinden in Westeuropa ernannt. 1927 brach der Erzbischof mit dem damals im serbischen Sremski Karlovci beheimateten Heiligen Synod der russischen Auslandskirche. Mit einem Teil der Diasporagemeinden unterstellte er sich 1931 dem Patriarchat von Konstantinopel, kehrte aber 1945 wieder zum Moskauer Patriarchat zurück; die meisten Gemeinden folgten ihm nicht auf diesem Weg und bilden seither das Exarchat. Das Exarchat hat 67 Pfarrgemeinen, zwei Klöster und sieben Einsiedeleien in Frankreich, Belgien, Großbritannien, Skandinavien, Italien und Spanien; in der Seelsorge sind 100 Priester und 30 Diakone tätig. Zwar kamen in den beiden letzten Jahrzehnten der Sowjetunion neue russisch-orthodoxe Gläubige als Flüchtlinge nach Westeuropa. In den Diasporagemeinden wird die russische Tradition r liebevoll gepflegt, aber im Hinblick auf die jungen Generationen werden im Gottesdienst auch Sprachen der westeuropäischen Länder verwendet.