Konstantinopel: Amtseinführung des neuen armenischen Patriarchen

Ökumenischer Patriarch Bartholomaios I. und zahlreiche andere Bischöfe der christlichen Kirchen waren anwesend

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Istanbul, 14.01.20 (poi) Der neue armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel, Sahag II. Mashalian, wurde am Wochenende feierlich in sein Amt eingeführt. Die Amtseinführung erfolgte in der Surp Asdvadzadzin-Kathedrale im Istanbuler Stadtteil Kumkapi. Bei dem Gottesdienst waren der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., zahlreiche andere Bischöfe der christlichen Kirchen, Oberrabbiner Isak Haleva, der stellvertretende türkische Innenminister Mutherem Ince und viele Repräsentanten des in Konstantinopel akkreditierten konsularischen Corps anwesend. Die eindrucksvolle Kathedrale, die in ihrer heutigen Erscheinungsform aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, war überfüllt. Sahag II. war am 11. Dezember des Vorjahrs  mit einer starken Mehrheit (102 von 119 Stimmen) gewählt worden.

Der 58-jährige Patriarch ist der 85. armenische Patriarch von Konstantinopel. In der Zeit des oströmischen Reiches hatte es in Konstantinopel zwar vereinzelt armenische Einwohner (die allerdings byzantinisch-orthodoxer Konfession waren), aber keine kirchliche Struktur der armenisch-apostolischen Kirche gegeben (auch in der Zeit des lateinischen Kaisertums nicht). In armenischen Blogs wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Präsenz des Ökumenischen Patriarchen bei der Amtseinführung von Sahag II. auch als Beispiel für die „Healing of memories“ (Heilung der Erinnerung) betrachtet werden könne. Ähnliches gelte auch für das armenisch-türkische Verhältnis, denn Sultan Mehmet II. habe schon vor der Eroberung von Konstantinopel in seiner Residenzstadt Bursa (Brussa) ein herzliches Verhältnis zur armenischen Community und dem örtlichen armenischen Bischof Hovakim (Joachim) gepflegt. Nach der Legende soll der Bischof  dem Sultan einmal gesagt haben, er bete, dass das Reich Mehmets höher stehen möge als andere Reiche, worauf dieser geantwortet hätte, er werde die Armenier nach Konstantinopel einladen, wenn es ihm gelingen sollte, die Kaiserstadt zu erobern und Hovakim zu ihrem geistlichen Oberhaupt machen. 1461 habe Mehmet II. dann sein Versprechen erfüllt.

Der armenische Bischof in Konstantinopel erlangte später den Titel eines Patriarchen, aber erst im 17./18. Jahrhundert allmählich Jurisdiktion über andere armenische Prälaten im Osmanischen Reich. Zugleich fungierte er als das staatlich anerkannte Oberhaupt der armenischen und (bis 1830) aller anderen orientalisch-orthodoxen Christen im Osmanischen Reich; die orientalisch-orthodoxen Christen wurden von den Osmanen als eigenes „millet“ (national-religiöse Gemeinschaft) aufgefasst. Das armenisch-apostolische Patriarchat Konstantinopel verzeichnete im 18./19. Jahrhundert eine große Aufwärtsentwicklung. Die Armenier-Verfolgung in der Zeit von Abdulhamid II. (1894/96) bedeutete einen ersten Einschnitt, aber bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs blieb die armenische Community im Osmanischen Reich von ausschlaggebender Bedeutung. Das armenisch-apostolische Patriarchat von Konstantinopel umfasste 1914 insgesamt 55 Diözesen (vor allem in Anatolien) mit 1.778 Pfarrgemeinden und zahlreichen Klöstern sowie einem dichten Netz von Bildungs- und Sozialinstitutionen. Die Zahl der Gläubigen wurde auf 1,5 bis 2 Millionen geschätzt.